Ekkart Arbeit, der frühere Cheftrainer der DDR-Leichtathleten, bietet dem Irak seine Dienste an: Bewerbungsschreiben für Bagdad

FRANKFURT A. M., 21. Mai. Muayad S. Hussein, der bisherige Botschafter des Irak in Berlin, hatte am Dienstag bei seinem Rückflug nach Bagdad auch ein Bewerbungsschreiben im Gepäck, das dort wahrlich nicht vermutet werden konnte. Es trägt die Adresse von Ekkart Arbeit und hat als Inhalt eine Referenz auf seine letzte Tätigkeit in der untergegangenen DDR: Cheftrainer des Leichtathletik-Verbandes. Der 62 Jahre alte Ekkart Arbeit empfiehlt sich wärmstens für die "Konditionierung der Athleten des Iraks derart und so rechtzeitig und gründlich, dass eine Teilnahme des Iraks an der Olympiade 2004 in Athen möglich sein wird".Als Arbeit durch einen Zeitungsbericht von einer Free Iraq Olympic Group erfuhr, beauftragte er einen Freund, Peter H.W. Sommer, mit der dringenden Herstellung einer Verbindung. Es ist der Zeitpunkt, der überraschend kommt. Denn zurzeit wird eine erbitterte Kampagne in den britischen Medien gegen die Siebenkampf-Olympiasiegerin Denise Lewis geführt, weil sie sich genau diesen germanischen Herrn Doktor als ihren Konditions- und Wurfbetreuer auserkoren hat. Erst am vorigen Wochenende bat Arbeit in einem offenen Brief um Verständnis: Natürlich bedauere er seine frühere Doping-Mitarbeit in dem Befehls- und Gehorsamsystem zutiefst. Außerdem reklamierte er seit der Wende einen offensiven Umgang mit diesem unschönen Thema für sich. Das hat außer ihm in den vergangenen dreizehn Jahren kaum jemand bemerkt. "Es ist, als ob Al Capone für die Beachtung des Rechts zuständig wäre", bemerkte der Trainer und Schriftsteller Tom McNab.Spitzel an der BarWahrscheinlich ist, dass Arbeit sich schon wieder nach einem neuen Betätigungsfeld umschaut. Er mag hoffen, in den unübersichtlichen Nachkriegswirren des Iraks noch auf geneigte Ohren zu treffen. Offenbar vertraut er immer noch auf die Strahlkraft der DDR-Erfolge. Möglicherweise aber täuscht Arbeit sich da, denn schon mit seinen Bewerbungen in Südafrika und Australien in den neunziger Jahren erlitt er Schiffbruch. Wenn nun auch einige Sportfunktionäre in Großbritannien die Augen verschließen vor Arbeits Mitarbeit im Dopingsystem, so lassen ihn mittlerweile noch mehr seine auf 840 Seiten dokumentierten Zubringerdienste an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Täter erscheinen. Er verpflichtete sich unter dem Decknamen Claus Tisch als Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit (IMS) schon zu Beginn der siebziger Jahre und erwies sich schnell als fleißig, pünktlich - so gewissenhaft wie gewissenlos. Er probierte seine Weltläufigkeit zunächst einmal durch Spitzeldienste in der Bar des Berliner Hotels Berolina und im Leipziger Kabarett Die Pfeffermühle aus. Er strebte die Rolle des Tausendsassa an; er kannte sich aus. Dem Ensemble fehle es "an kunsttheoretischem Wissen und künstlerischer Intuition". In der Bar diskutierte er zielgerichtet mit amerikanischen Diplomaten und westdeutschen Buchhändlern, debattierte mit Ärzten einer Hautklinik über "moderne amerikanische Marxisten", zeigte sich aber gegenüber seinem Führungsoffizier unzufrieden mit sich selbst. Er kriege einfach nicht genug Informationen aus den kontaktierten Personen heraus. Da festigte es seinen Ruf, als er eine Familie aus seinem Wohnhaus wegen ihrer negativen Einstellung zur gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR denunzieren konnte. Zitat des IMS: "Um das Bild abzurunden, ... sei gesagt, dass sowohl Frau Str. als auch die Kinder katholisch sind."Arbeit legte Wert auf das offene Wort, von dem er hoffen durfte, dass es seine Stasi-Partner beeindruckte. Im November 1972 wurde ein früher Erfolg gemeldet: "In Auswertung der Olympischen Spiele wurde der IM als verdienter Meister des Sports ausgezeichnet", heißt es in den Stasi-Unterlagen. "Ihm wurde vom MfS für seine geleistete Arbeit eine Prämie von 250 Mark überreicht, worüber er sehr erfreut war." Immer auf LinieDer beflissene Experte hatte als Forschungsgruppenleiter für Wurf-Disziplinen seine ersten Karriereschritte mit Erfolg hinter sich gebracht. Später, bevor er das höchste Traineramt erreichte, übte er sich als verantwortlicher Trainer für die DDR-Werfer ein. Kam ihm und seiner Leistungssport-Ideologie jemand in die Quere, beendete dies dessen Verbleib im System. Das widerfuhr Anfang der siebziger Jahre auch der überragenden Diskuswerferin Karin Illgen, nur weil sie mit einem Ausländer in einem Straßencafé beim Eisessen beobachtet wurde. "Sie hat von der Erscheinung her mit unmöglichen Figuren Kontakt, und, man kann das nicht sagen, aber es wird vermutet, auch geschlechtliche Beziehungen gehabt." Nichts Genaues wusste er nicht - aber die Sportlerin kehrte nie mehr in die Arenen zurück. Die Ärztin Dagmar Weber aus Rostock äußerte "ethische Bedenken" gegen den Einsatz von Anabolika, und schon war sie aus dem Sportmedizinischen Dienst aussortiert. Ekkart Arbeit war ein unerbittlicher Beobachter, immer auf Linie. Doch seit der Wende versucht er mit unermüdlichem Elan, eine neue Spur zu ziehen. Dabei protegiert ihn sein Freund Frank Dick mit verblüffender Treue und Zähigkeit, so etwa bei den Unternehmungen in Australien und Südafrika. Dick war früher britischer Cheftrainer, er steht heute der Vereinigung der europäischen Leichtathletik-Trainer vor, seit dem Herbst betreut er Denise Lewis. Arbeit sei für ihn ein "Weltführer", teilte er Journalisten mit. Das vernichtendste Urteil fällte Manfred Höppner, der frühere Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR. In einer Vernehmung durch die Berliner Staatsanwaltschaft sagte er: "Ich kann bestätigen, dass Herr Arbeit die Anwendung von UM (unterstützende Mittel, also Anabolika/Anm.) in hohem Maße und in absoluter Vervollkommnung förderte und wiederholt anmahnte. Er entwickelte auch selbst Anwendungsvorschläge, die er dann in Trainerratstagungen zur Diskussion stellte." Im Irak werden sie wohl andere Sorgen haben.Arbeit im Ausland // Ekkart Arbeit (62) war von 1982 bis 1988 Wurftrainer im DVfL der DDR. 1989 bis 1990 amtierte er als Cheftrainer der DDR-Leichtathleten. Seit der Wende ist er im Ausland tätig. Eine Beschäftigung in Südafrika und Australien scheiterte am Protest von Athleten und Funktionären. Derzeit gehört er zum Trainerstab der Siebenkampf-Olympiasiegerin Denise Lewis.AP/HERBERT KNOSOWSKI Sorglos: die von Ekkart Arbeit trainierte Olympiasiegerin Denise Lewis.REINHARD KRAUSE Ekkart Arbeit