Etwas ist aus dem Ruder gelaufen. Donald Tusk weiß das. „Unangebracht, unpassend, gewissermaßen missglückt“ – das sind die Worte, die Polens Premier in den Sinn kommen, wenn er an die Vorgänge der vergangenen Tage denkt. Sie zeugen von Hilflosigkeit. Aus einem parlamentarischen Scharmützel und einer innerkirchlichen Fehde ist ein Glaubenskrieg geworden.

Gerungen wird um nichts Geringeres als um das polnisch-jüdische Verhältnis. Dabei laufen zwei Handlungsstränge parallel ab, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch gegenseitig verstärken.

Zum einen ist da die Affäre um Pfarrer Wojciech Lemanski aus Jasienica, ein großes Dorf mit 3000 Einwohnern nicht weit von Warschau. Wojciech Lemanski, 52 Jahre alt, seit sieben Jahren Gemeindepfarrer, gilt im erzkatholischen Polen als ungewöhnlich liberal. Beim Streitthema künstliche Befruchtung etwa steht er auf der Seite der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch – entgegen der Linie des Episkopats. Vor allem aber engagiert sich Wojciech Lemanski für die Aussöhnung zwischen Polen und Juden.

Katholische Hierarchen setzen einen liberalen Priester in den Ruhestand

Nun hat der Warschauer Erzbischof Henryk Hoser den Pfarrer wegen Ungehorsams in den Ruhestand strafversetzt. Wojciech Lemanski verriet daraufhin Details aus seinen Gesprächen mit dem Bischof. Der habe ihn gefragt, ob er „wie die Juden beschnitten“ sei. Der Skandal war perfekt.

Wojciech Lemanski hat sich im Streit um den polnischen Antisemitismus klar positioniert. Er setzt sich dafür ein, die Geschichte antijüdischer Pogrome im Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Den Hierarchen geht das zu weit. Wojciech Lemanski hat sich inzwischen an den Vatikan gewandt. Die Erfolgsaussichten sind eher gering. In jedem Fall aber hat Wojciech Lemanski aber die polnische Öffentlichkeit aufgerüttelt.

Fast zeitgleich passierte der zweite Eklat: Am vergangenen Freitag hatte das polnische Parlament das rituelle Schächten von Tieren verboten, ohne das gläubigen Juden keine Fleischspeisen erlaubt sind. Der Oberrabbiner von Polen, Michael Schudrich, sagte daraufhin, er sei geschockt und drohte mit seinem Rückzug vom Amt.

Eigentlich hatte sich der Sejm lediglich nicht auf eine Neuregelung verständigen können, nachdem das Verfassungsgericht die blutige Schlachtpraxis als „nicht vereinbar mit dem Tierschutz“ verworfen hatte. Beim Schächten werden Tiere mit einem Schnitt durch die Halsschlagadern getötet, um sie möglichst vollständig ausbluten zu lassen und ihr Fleisch koscher zubereiten zu können.

Premier Tusk muss nun versöhnen

Offenkundig hatten weder Premier Donald Tusk noch die Parlamentarier vorhergesehen, welchen Zündstoff ihre Entscheidung barg. „Bei der Debatte ging es um viele sachfremde Dinge, aber in keiner Weise um ein antijüdisches Bekenntnis“, sagte der linksliberale, des Antisemitismus unverdächtige Abgeordnete Jacek Biedron.

In Tel Aviv und New York kam das jedoch nicht an. Das israelische Parlament verurteilte das vermeintliche „Attentat auf die Minderheitenrechte“. Der Jüdische Weltkongress kommentierte: „Dies ist ein Schlag ins Gesicht aller Juden.“
Wie sensibel derartige Themen in Polen sind, zeigte unlängst die Debatte um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. In Polen wurden die polnischen Partisanen in dem Film verzerrt als Antisemiten gebrandmarkt wahrgenommen. Die Empörung war groß.

Zugleich gibt es jedoch den realen Antisemitismus, der das Land immer wieder in tiefe Konflikte stürzt. Premier Donald Tusk wird alle Hände voll zu tun haben, um versöhnend zu wirken. Das Schächtverbot werde nach der Sommerpause auf die Agenda zurückkehren, kündigte er an. Seine Minister suchen bereits jetzt nach rechtlichen Notlösungen.