Das Unsichtbare augenfällig werden zu lassen, ist vielleicht die schönste filmische Disziplin. An die Fantasie eines Regisseurs stellt sie eine ebenso große Herausforderung wie die Langeweile; sofern diese Gegenstand des Films sein soll, und nicht sein Ergebnis. Rodrigo Moreno hat in "El Custodio - Der Leibwächter" diese zweifache Wette angenommen. Er unternimmt es, eine Figur, die ihre Tage in zäh verstreichender Passivität zubringt und unscheinbar am Rande der uns sonst vertrauten Bilder west, ins Zentrum zu rücken. Behutsam lässt uns die Kamera diesen Prozess der Blickverschiebung nachvollziehen. In der kühlen Geometrie der Kompositionen von Barbara Alvarez ist der Raum des Leibwächters Rubén (Julio Chavez) anfangs extrem begrenzt. Er ist oft nur im Anschnitt zu sehen, mitunter findet die Kamera gerade einmal eine Nische für ihn.Sein Metier verlangt eine Geistesgegenwart, die keine Zerstreuung erlaubt. Seine Wachsamkeit muss unempfänglich sein für alles, was keine Bedrohung für seine Zielperson darstellt. Mutig nistet sich der Film in der Leere dieser uneigentlichen Existenz ein. Die Kamera verharrt immer einen Moment länger auf der Fron des Wartens, als wir es sonst gewohnt sind. Rubén begleitet den argentinischen Planungsminister in unmittelbarer Nähe, aber von den entscheidenden Ereignissen findet er sich jedes Mal brüsk ausgeschlossen. In dieser versagten Teilhabe manifestiert sich für den Regisseur Moreno auch ein Klassengegensatz: Wer warten lassen kann, besitzt Macht.Es liegt etwas zutiefst Demütigendes in Rubéns unbedingter Verfügbarkeit. Nie handelt er in eigenem Namen; selbst bei seiner Geburtstagsfeier ist es seine Schwester, die ihren Willen durchsetzt. Moreno und sein brillanter Hauptdarsteller Julio Chavez laden den Beruf des Personenschützers nicht mit jener heroischen Melancholie auf, die Kevin Costner oder Clint Eastwood ihm in Hollywoodfilmen gaben. Rubéns Leib ist von redlicher Korpulenz, seine Haare sind schütter. Das regelmäßige Zuknöpfen des Jacketts oder Verschränken der Arme wird nicht zur rituellen Geste nobilitiert. Seine Körperhaltung ist allein aus der Verlegenheit geboren, der erzwungenen Passivität. Seine unbestechliche Verschlossenheit - erst nach 13 Minuten spricht er seinen ersten Dialog, ein knappes "Nein" - verleiht ihm indes eine ähnlich kinohafte Herzensreinheit, wie sie einst Melvilles eiskalter Engel besaß.Die Auflösung der Szenen, in denen Rubén in anonymen, unpersönlichen Räumen wartet, zielt stets auf Ausblicke in die Außenwelt, setzt Fluchtpunkte unbegriffener Sehnsucht. Es hätte nicht unbedingt des Drehbuchkniffes bedurft, ihn in seiner Freizeit als Zeichner keuscher Aktstudien zu präsentieren, um uns Aufschluss zu geben über sein unerfülltes Seelenleben. Chavez lässt hinter seinem scheinbar ausdruckslosen, versteinerten Mienenspiel den Bodensatz einer rigiden Moral erahnen. In Nuancen revidiert er Rubéns vorgebliche Neutralität.Aus dem toten Winkel des Leibwächters betrachtet, mag man dem Politiker nur wenige Überzeugungen unterstellen, dafür umso mehr Eitelkeit. Dessen eheliche Untreue, die provozierende Freizügigkeit seiner Tochter erfüllen den Wächter mit Scham. Die Schlusspointe des Films mag man überzogen finden, dramaturgisch ist sie unausweichlich: Rubén handelt zum ersten Mal in eigenem Namen.El custodio - Der Leibwächter Argentinien/Frankr./Dtl./ Uruguay 2005. Buch & Regie: Rodrigo Moreno, Kamera: Barbara Alvarez, Darsteller: Julio Chavez, Osmar Nuñez, Marcelo D'Andrea, Elvira Onetto, Cristina Villamor, Luciana Lifschitz, Osvaldo Djeredjian, Julieta Vallina u. a.;95 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Seine Wachsamkeit ist unempfänglich für alles, was keine Bedrohung darstellt: Julio Chavez (r.) als Rubén.