In unserer Servicereihe "Das Elefantengedächtnis" erinnern wir an den 21. Juli 1950: Heute vor fünfzig Jahren sprang der Zirkuselefant Tuffi aus einem Waggon der Wuppertaler Schwebebahn. Ein Sturz, der die Welt bewegte. Ursprung der fatalen Begebenheit war eine Reklamekampagne. Das Wappentier des Circus Althoff ist der Elefant. Das Wahrzeichen der Stadt Wuppertal ist die Schwebebahn. Was lag also näher, als für eine gemeinsame Werbeaktion von Circus und Stadt Wappentier und Wahrzeichen zusammenzuführen? Ein Elefant sollte in der Schwebebahn reisen. Die Wahl fiel auf das weibliche Elefantenbaby Tuffi. Circusdirektor Althoff löste am Vormittag des 21. Juli 1950 fünf Fahrscheine für Tuffi und erkannte damit die Beförderungsbedingungen an. Erstaunlicherweise fuhr Tuffi nur zweiter Klasse, als sie gemeinsam mit dem Direktor, einem Wärter und weiteren Circus-Angehörigen sowie Vertretern der Presse an der Station Alter Markt ihr Abteil bestieg: Den Wagen Nummer 51 aus, das hätte vorwarnen sollen, dem Zug Nummer 13.Die von 1898 bis 1903 errichtete Schwebebahn führt in einer Durchschnittshöhe von etwa acht Metern von Wuppertal-Vohwinkel bis Wuppertal-Oberbarmen. Die Schwebebahn fährt mit einer Geschwindigkeit von etwa dreißig Stundenkilometern, schwankt, kreischt und rattert. Schon menschliche Insassen können sich meist nicht zwischen Seekrankheit und Höhenangst entscheiden. Im Fall Tuffi - so wurde später die Motivationslage für den Verzweiflungssprung vermutungsweise rekonstruiert - kam die ungewohnte Enge der Verhältnisse hinzu: Die neu angeschafften Wagen wurden im Volksmund nur "Badewannen" genannt.Auch das von den Medienvertretern entfachte Blitzlichtgewitter mag seinen Teil zur Elefantenpanik beigetragen haben. Sicher ist: Schon auf dem Weg zur nächsten Station, zwischen Alter Markt und Adlerbrücke, geriet Tuffi in Raserei. Sie zerschlug einen Fotoapparat, verletzte zwei Reporter, drückte einen Mitreisenden gegen die Türscheibe, kletterte auf eine Sitzbank, die unter ihrem Gewicht zusammenbrach, und sprang durch die Glassscheiben der Tür. Es war genau 10:38 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wagen seine höchste Höhe erreicht, zwölf Meter. Und man muss hinzufügen, dass Tuffi als indische Elefantin nur mit sehr kleinen Ohren ausgestattet war, die nicht für jenen aerodynamischen Ausgleich sorgen konnten, der ihren älteren Kollegen Dumbo 1941 zum Filmstar gemacht hatte.Tuffis Fall hätte eine Katastrophe werden können, das Ansehen von Circus Althoff und der Wuppertaler Schwebebahn wäre für immer beschädigt gewesen, die Strecke zwischen Altem Markt und Adlerbrücke zum Elefantenfriedhof geworden. Zwölf Meter! Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Denn ihren Höchststand erreicht die Schwebebahn nur über dem Flussbett. Tuffi stürzte in die Wupper und erlitt nichts Schlimmeres als ein paar Schrammen am Hinterteil. Freilich: Wer kann die seelischen Schäden, das Trauma von Enge und Rattern und Blitzlicht und Schwanken ermessen? Tuffi hat denn auch keine Schwebebahn mehr betreten.Von Rechts wegen hätte ihr das auch niemals zugemutet werden dürfen. Denn die Sache hatte ein juristisches Nachspiel, wie man so schön sagt, der Circusdirektor und der Leiter der städtischen Verkehrsabteilung wurden zur Rechenschaft gezogen. Zwar war die Belastungstoleranz nicht überschritten worden, indes kam das Gericht zu der Erkenntnis, dass eine Beeinträchtigung der Betriebssicherheit vorlag. Das Gericht begründete, es habe sich um einen planmäßig verkehrenden Schwebebahnwagen gehandelt, der zur Aufnahme von Tieren (insbesondere Elefanten) nicht geeignet war, und es habe für die Insassen des Wagens Gefahr für Leib und Leben bestanden. Zudem - wir legen diesen Zusatz unseren Lesern besonders ans Herz, sofern sie sich etwa anlässlich des hundertjährigen Schwebebahnjubiläums im Jahr 2001 mit dem Gedanken einer Bummelfahrt tragen - war die Mitnahme von Tieren, mit Ausnahme von Blinden- und Polizeihunden, gemäß den Beförderungsbedingungen verboten. Beide Angeklagte wurden zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Fall und der Prozess gingen um die ganze Welt. Ohne Fotos übrigens, denn die Blitzlichtfotografen müssen nicht minder unter Schock gestanden haben.

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