Nach dem Ende der Amtszeit von Michael Schoenwand hat sich das Berliner Sinfonie-Orchester für Eliahu Inbal als neuen Chefdirigenten ausgesprochen. Schon einmal hat sich Inbal als Orchester-Erzieher einen Namen gemacht, als er von 1974 bis 1990 das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt leitete; 1996 wurde er dafür in Frankfurt zum Ehrendirigenten gewählt. Noch ist ein Vertrag mit dem Land Berlin nicht ausgehandelt, doch dirigiert Inbal am Freitag bereits das Konzert mit dem BSO zur Eröffnung der Spielzeit. Jürgen Otten und Klaus Georg Koch sprachen mit dem Dirigenten über seine Pläne mit dem Orchester.Herr Inbal, wann werden Sie Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters?Ich habe einen Brief bekommen mit einer Klärung der Intentionen aller Beteiligten, jetzt müssen wir verhandeln.Das Programm des BSO sieht Sie in dieser Saison viermal am Pult, ab der nächsten Saison noch häufiger. Ist es demnach sicher, daß sie mit dem Senat Einigkeit erzielen?Nichts ist sicher. Wir sind erst am Anfang der Verhandlungen. Ich habe anderweitig so viele Verpflichtungen, daß ich vor dem Jahr 2002 die Stelle ohnehin nicht übernehmen kann.Als Sie im Jahr 1990 aus Frankfurt weggingen, hieß es, Sie seien mit der neuen Leitung des Hessischen Rundfunks nicht einverstanden, Fragen des Geldes seien dort so wichtig geworden. Nun kommen Sie nach Berlin, wo alle Leute über Geld reden und nur wenig über Musik.Muß man immer über Geld reden? Aus Frankfurt bin ich nach 16 Jahren weggegangen, weil der Vertrag auslief. Das war so vorgesehen, es war keine Frage des Geldes. In Berlin werde ich nicht umsonst arbeiten, ich werde bezahlt, wie ich bezahlt werden sollte. Das BSO ist eine Institution, in der sich diese Problematik Geld-Kultur kristallisiert, und deswegen redet man hier besonders viel darüber.Das Geld muß und wird gefunden werden. Und wenn der Bund nach Berlin kommt, müssen die Mittel aufgestockt werden.Was haben Sie künstlerisch mit dem Orchester vor?Ich möchte das BSO zu einem glänzenden internationalen Niveau führen.Wie wollen Sie ein Orchester, das einem Stellenstop unterliegt, auf dieses Niveau bringen?Es gibt keinen Stellenstop für mich. Aber es gibt einen Stellenstop, der vom Senat verfügt wurde.Darüber müssen wir reden. Fest steht aber: Wenn ich nicht die Möglichkeit sehen würde, mit dem Orchester eine große Entwicklung durchmachen zu können, würde ich diese Arbeit nicht tun. Ich hatte genügend andere Angebote.Wie schätzen Sie das das Entwicklungspotential beim BSO ein?Jedes Orchester, das ich dirigiere, kann ich entwickeln, auch die Berliner Philharmoniker. Es gibt drei Stufen. Zunächst muß ein Chef kontinuierlich mit dem Orchester Konzerte machen, das ergibt schon einen Stil, eine gewisse Kontinuität. Dann versucht man, anstatt der normalen 100 Prozent 150 Prozent zu erreichen. In der dritten Stufe muß man alle Schwachstellen im Orchester beseitigen.Braucht Berlin noch ein international erfolgreiches Orchester?Wieviele solcher Orchester gibt es denn? Nach Ansicht von Daniel Barenboim zwei, die Philharmoniker und seine Staatskapelle. Die Staatskapelle würde ich nicht dazuzählen. Meiner Ansicht nach kann man, neben den Phiharmonikern und dem DSO, in Berlin noch zwei, drei Orchester auf dieses Niveau bringen. Berlin verdient das.Auf den Programmen ihrer Konzerte in dieser Saison stehen Werke, die man in Berlin häufig gehört hat. Wollen Sie dem BSO auch über die Wahl des Repertoires ein Profil verleihen?Profil bekommt ein Orchester nicht durch Beschäftigung mit selten aufgeführtem Repertoire. Das große Repertoire ist nun einmal das gleiche, von Haydn über Mozart, Beethoven, Schumann bis Strawinsky, Schostakowitsch, Schönberg. Profil bekommt man durch Stil- und Qualitätsentwicklung.Werden Sie auch zeitgenösssische Musik dirigieren?Ich dirigiere sie, aber ein Großteil des Publikums hat immer noch große Schwierigkeiten damit.Sie haben bereits mit dem Orchester geprobt. Gibt es etwas Typisches, das Sie ausbauen möchten?Das BSO hat eine sehr große alte Tradition, die muß man weiterentwickeln und verbessern. Es gibt zur Zeit einen Verdrängungswettbewerb unter Berlins Orchestern, und man gewinnt den Eindruck, alle wollten sich jetzt an die Spitze retten. Gleichzeitig wird das einzige Orchester, das pädagogische Arbeit leistet, die Berliner Symphoniker, möglicherweise abgeschafft.Es ist etwas sehr Positives, daß alle Orchester an die Spitze wollen.Können Sie sich vorstellen, daß das BSO pädagogische Arbeit leistet?Ja, das ist wichtig. Aber wir sollten nicht in die Schulen gehen, es ist einfacher, die Schulen zu uns zu bringen. Auch Konzerte an unüblichen Orten oder unter freiem Himmel wären denkbar.Ist konkret etwas geplant?Nein, ich bin ja noch ganz am Anfang hier.