Miss George, stehen Sie immer noch jeden Morgen um fünf Uhr auf, machen Ihre gymnastischen Übungen und schreiben dann ein paar Stunden?Tue ich, ja, allerdings mach ich meine Übungen inzwischen in zwei Teilen über den Tag verteilt.Klingt anstrengend.Das hält fit. Manchmal war ich in letzter Zeit doch erschöpft. Vor allem für die letzten beiden Bücher musste ich sehr, sehr viel Hintergrundwissen recherchieren und durch London ziehen, und eigentlich mache ich ja alles alleine, zu Fuß, mit der U-Bahn. Mit einem angeheuerten Fahrer würde ich einfach nicht die gewünschten Erfahrungen machen, Erfahrungen, wie sie der gewöhnliche Londoner eben macht, und das führte doch ab und zu zur Erschöpfung, besonders, wenn ich ganz weit raus musste, stundenlang Bus fahren musste.Sie haben lange in Kalifornien gelebt, jetzt in Seattle. Seit 1988 schreiben Sie als Amerikanerin über England .Seit 1983! Meinen ersten Roman hab ich 1983 geschrieben, er kam aber erst 1988 heraus.In Ihrem Roman "Wer die Wahrheit sucht" haben Sie sich und uns mal einen kleinen Abstecher in Ihre Heimat Kalifornien gegönnt.Ach, das war schön, als ich China, eine der Hauptpersonen aus dem Roman, an das Brooks Institute für Photographie in Kalifornien schickte. Alle dieses Orte in Kalifornien kenne ich natürlich ganz genau. Ich mag es eben, wenn alles stimmt und wenn die Bücher dann diese Art Echtheit, Glaubwürdigkeit haben, die man nicht erreicht, wenn man sich nur ein paar Bilder im Internet anschaut. Ein befreundeter Schriftsteller meinte einmal: Wenn du ein Dorf in New England beschreiben willst, reicht es, wenn du dir ein einziges anguckst, die sind doch alle gleich - viel Grün, eine schöne weiße Kirche und so weiter. Aber so arbeite ich eben nicht, ich will alles ganz genau sehen und verstehen, weil daraus auch ein besseres Verständnis für die Entwicklung der Geschichte erwächst. Als ich mir zum Beispiel diesen Dolmen auf Guernsey ansah, merkte ich sofort, was er für Möglichkeiten bot! Aber ich musste ihn sehen, riechen, betasten, mit einer Internet-Recherche hätte das nie funktioniert.Vor allem Ihre beiden letzten Bücher haben eine sehr viel stärkere sozialkritische Orientierung als frühere. Ist das Zufall?Das fing schon etwas früher an, 1994 mit "Asche zu Asche", wo es um die Bewegung der Tierversuchsgegner in England geht. Von da an hatten eigentlich alle meine Bücher einen starken sozialen Bezug und waren nicht mehr bloße Kriminalromane. "Denn sie betrügt man nicht" von 1997 beschäftigt sich mit illegaler Einwanderung, mit Zwangsehen und den Erfahrungen der pakistanischen Gemeinde in Großbritannien. In "Wer die Wahrheit sucht" von 2003 geht es um die langanhaltenden Folgen der deutschen Besatzung auf der Insel Guernsey. Die letzten sieben oder acht Romane waren also schon stärker sozial orientiert als die davor, als ich mich langsam in den englischen Kriminalroman hineingefunden hatte. Ich wollte meine Bücher stärker im England von heute verorten und nicht etwa in einem fiktiven England Agatha Christies, nicht mehr das machen, was man heute Häkelkrimis nennt.Sehen Sie sich in einer bestimmten Tradition stehend, als Schriftstellerin oder als Krimiautorin?Nein, so denke ich nicht. Das überlasse ich den Kritikern.Aber Sie sind von bestimmten Autoren beeinflusst worden?Das schon, auf verschiedene Art und Weise, mit Sicherheit von John Fowles, einem Schriftsteller, der ständig versucht hat, etwas Neues, Anderes zu machen. Das hat mich sehr beeindruckt, als eine Art, immer wieder Neuland zu betreten und nicht ständig das Gleiche zu schreiben.Hatte er Erfolg?In manchen Fällen ja, und manchmal scheiterte er auf spektakuläre Weise. Aber jedenfalls kann ihm niemand vorwerfen, er habe immer wieder das Gleiche geschrieben. Es gibt Autoren, die nur eine einzige Geschichte zu erzählen haben. Sie tauschen ab und zu die Namen der Figuren aus, aber die Geschichte bleibt die gleiche.Noch andere Vorbilder?Wenn es um die Entwicklung eines Schriftstellers geht, an das Abtasten von Möglichkeiten, dann muss ich John le Carré als sehr großen Einfluss nennen. Seine frühen Bücher sind ganz einfach gemacht, und je weiter er kam, desto komplexer, reicher, detaillierter wurden sie. Ich sage immer, John le Carré nimmt als Schriftsteller keine Gefangenen! Er schreibt eine Geschichte, und entweder folgt man ihm oder eben nicht. Er macht's einem nicht immer leicht, und das nötigt mir großen Respekt ab.Und in der eigentlichen Krimi-Literatur niemand?Doch, Margery Allingham, sie hat mich am stärksten beeindruckt. Sie hat schon früh ihren Detektiv Albert Campion mit all seinen menschlichen Seiten beschrieben, besonders in "Judaslohn" (1941) - der Detektiv als Mensch und nicht als Gott. Das brachte mich schon früh dazu, meinen Detective Inspector Lynley nicht nur zu einer Funktion des Falles zu machen, wie man es so oft in der Kriminalliteratur vorfindet - ein Fall, ein paar Details, einige Sketche, fertig. Ich wollte mehr, ich wollte echte Charaktere, wollte, dass man die Figuren wirklich kennen lernt. Wie Detektiv Albert Campion in "Judaslohn", der mit Gedächtnisverlust zu kämpfen hat, und mit dem wir zusammen langsam seine Erinnerungen wiederfinden, weil wir alles aus seinem Blickwinkel sehen. Dann trifft er Amanda, er erkennt sie zwar nicht, aber er weiß, dass er sie liebt, er hat's ihr bloß noch nie gesagt. Eine wundervolle Geschichte über die langsame Erkenntnis der Liebe.Kindesmissbrauch spielt vom ersten bis zum neuesten Buch eine große Rolle in Ihrem Werk.Das ist doch schon lange ein Problem der Gesellschaft, allerdings hat es erst in den letzten Jahren eine gewisse Dramatik bekommen. Es gab Zeiten, da spielte sich vieles nur in den Köpfen der Leute ab, war reine Fantasie, das Tabu war stark genug, so dass die Leute nicht bereit waren, die Grenze zu überschreiten. Dann allerdings bekam man leichteren Zugang zu Bildern, über Pornografie und das Internet, und viele sagten sich: Guck mal, was die da machen, ist ja vielleicht gar nicht so böse.Pressefreiheit und freier Medienzugang erweisen sich da als zweischneidiges Schwert.Natürlich müssen Leute wissen, was vorgeht, auch um ihre Kinder schützen zu können. Die andere Seite davon ist dann allerdings das, was wir in Amerika den Copy-Cat-Effekt nennen, das, was man an einem Beispiel ablesen kann, das nun nicht direkt mit Kindesmissbrauch zu tun hat: Ein Schüler taucht in der Schule auf und ballert um sich, drei Monate später tauchen acht Kids an anderen Schulen auf und schießen um sich. Das ist doch kein Zufall. Was ich den Teilnehmern an meinen Schreibkursen immer sage, ist: Egal, was für verrücktes Zeug ihr euch auch ausdenkt, da draußen ist jemand und macht es! Und so ist es tatsächlich, nichts beweist das so klar und deutlich wie das Beispiel des Serienkillers Jeffrey Dahmer, der vieles bis an den Rand des Fassbaren getrieben hat.Und trotzdem scheinen Sie großen Spaß an den Bösen zu haben, nehmen wir nur Ihr Buch "Am Ende war die Tat".Ach wissen Sie, es ist doch so viel einfacher, über Figuren mit Ecken und Kanten zu schreiben. Die Guten sind sehr viel schwieriger zu entwickeln.Wie Majidah, die pakistanische Frau in diesem Roman?Nicht unbedingt sie. Aber sie ist ja entzückend, sie ist der große ausgleichende Faktor, meine Lieblingsfigur im letzten Roman. Ich liebe ihre Art zu sprechen und Sachen zu sagen wie "Oh, ihr englischen Mädchen, habt nix anderes im Kopf, als euch zu schminken!" Ich hatte viel Spaß mit ihr. Sie meine ich in dem Zusammenhang nicht, sondern die Guten, die eine tragende Rolle im Roman spielen.Eine, die einem da sofort einfällt, ist Ruth in "Wer die Wahrheit sucht", die Schwester des Mordopfers, die an Krebs leidet.Eine absolut anständige Figur. Sie war sehr viel schwieriger zu entwickeln als etwa ihre Ex-Schwägerin Margaret Chamberlain, die ja nun wiederum unglaublich einfach zu schreiben war, weil sie dauernd so voller Zorn ist und eben diese Ecken und Kanten hat.Gerade an ihr sind wir Leser aber sehr viel mehr interessiert als an Ruth. Obwohl man manchmal auch die liebe Ruth in Verdacht hat, eben weil sie dauernd so nett ist.Gut so! Diese Zweifel sollte es geben.Entwickeln Ihre Figuren ein Eigenleben während des Schreibens?Ich entwickle die Figuren im Voraus, mache eine Art vollständigen Report mit allen Fragen und Aspekten, die man von der Figur jemals wissen wollen könnte. Daraus nehme ich alle Elemente für meine Figuren, ihr emotionales Leben, ihre familiären Hintergründe, ihre Ausbildung, ihre Psychopathologie, alles, was einem so einfallen kann. Dann allerdings gibt es beim Schreiben diese inspirativen Momente, wo ich denke, ach, das Detail könnte ich ihm noch geben - es sind immer die kleinen verräterischen Details, die die Figuren zum Leben erwecken. Ich war mir schon früh im Klaren darüber, dass ich keine Figuren in meinen Romanen haben wollte, die nur dafür da sein würden, Fragen nach dem Wer, Wann, Was, Warum zu beantworten.Sprechen wir von Lynley und Havers, Ihr ungleiches Ermittlerpaar von Scotland Yard. Detective Inspector Lynley ist Spross einer Familie des englischen Hochadels, seine Partnerin Sergeant Barbara Havers eher ein proletarischer Typ. Am Ende von "Wo kein Zeuge ist" hat man Lynleys schwangere Frau erschossen, er hat bei Scotland Yard gekündigt, und Havers hat ihm auch noch den Bentley zu Schrott gefahren. Kommen sie denn nun zurück?Aber ja. Das neue Buch, an dem ich gerade arbeite, wird wieder ein Lynley/Havers-Roman sein.Lynley kann schwerlich derselbe sein.Der neue Roman spielt sechs Wochen nach dem Mord an seiner Frau, er ist nicht mehr der Gleiche und ist es doch. Er trauert und wandert an der Küste von Cornwall; es gibt dort einen Wanderweg an der gesamten Küste entlang; am Anfang des Romans ist er bereits 42 Tage lang gewandert.Wie geht es weiter?Das werde ich nicht verraten.Na gut. Für Ihre deutschen Leser wird als nächster Roman im Sommer 2007 erst einmal "Am Ende war die Tat" erscheinen. Es handelt sich dabei nicht um einen Lynley/Havers-Roman, sondern um ein Buch, das ursprünglich Teil von "Wo kein Zeuge ist" war, dann aber zu stark ausuferte, was Sie veranlasste, einen eigenständigen Roman daraus zu machen. Ein Kriminalroman ist es allerdings nicht.Stimmt schon, wenn überhaupt, dann ist es eher ein umgekehrter Kriminalroman - das Verbrechen passiert erst am Ende des Buches. Im Kern ist es ein echter Gesellschaftsroman. Er beschreibt die Anatomie eines Verbrechens. Ich wollte den Tod der Helen Lynley aus "Wo kein Zeuge ist" wie durch eine andere Facette des Prismas aus einem anderen Blickwinkel zeigen. Im Roman zuvor waren am Ende alle Figuren - und wir mit ihnen - sehr stark unter dem Eindruck dieses Mordes, weil sie alle das Opfer sehr gut kannten, ihr Ehemann, ihre Freunde und Leute, die sie mochten. Jetzt, im nächsten Roman, sehen wir das Ganze aus der Sicht des Täters und der Person, die für die Tat ins Gefängnis kommt. Und was wir sehen, ist das Unausweichliche, das diesen Moment der Tat auszeichnet, warum es dazu kommen musste, und welche gesellschaftlichen Kräfte dafür verantwortlich sind, dass dieses Verbrechen passierte.Unausweichlich, das ist eine sehr starke Aussage über die Gesellschaft. Sehen Sie diesen Zug in den modernen Gesellschaften, dieses Schicksalhafte für bestimmte Mitglieder, den Weg nach unten, ins Unglück?Wenn die Bedingungen, in denen er aufwachsen musste, für den Jungen im Roman andere gewesen wären, wenn Leute auf die eine oder andere sinnvolle Weise in sein Leben eingegriffen hätten, hätte er eine Chance gehabt. Aber wir haben hier eine Situation, wo die besten Absichten der Leute nichts an der allgemeinen Situation für den Jungen ändern können. Für ihn ist die Macht, die eine Figur wie The Blade, der Chef der Gang, hat, stärker als alle anderen sozialen Kräfte - und so ist es dort draußen auch! Noch dazu, weil er und die Polizei in dem Viertel zu allem Überfluss auch noch Hand in Hand arbeiten. Es ist diese bekannte die-eine-Hand-wäscht-die andere-Situation, und Blade sagt das einmal im Roman auch genau so: "Die eine Hand wäscht die andere." So funktioniert das. Das ist das Unausweichliche der Entwicklung.Sie beschreiben eine heranwachsende Generation, für die die schnelle Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse eine zentrale Rolle spielt: Man muss alles jetzt und sofort haben.So ist es doch. Die Leute füllen die Leere in ihren Leben mit Dingen. Diese Leere sollte jedoch mit etwas anderem gefüllt werden, mit Familie, mit Spiritualität, und ich meine jetzt nicht Religion, sondern einen Sinn dafür, dass es etwas Größeres gibt, als man selber ist, mit Kreativität, die einem das Gefühl für so etwas wie Seele geben kann, und für einen Sinn. Diese Besitz- oder Gewinnmentalität der modernen Gesellschaft hat viel zu tun mit dem irrigen Gefühl "Je mehr ich besitze, desto besser fühle ich mich", und das stimmt ja für eine Zeit lang vielleicht sogar, aber es hält natürlich nicht an. Bill Gates hat einmal so schön gesagt: "Selbstwertgefühl kriegst du, wenn du etwas geschafft hast." Das stimmt. Man sagt, "Guck dir das arme Kind an, geben wir ihm etwas Selbstwertgefühl!" Dafür muss man ihm aber eine Chance geben, damit es selbst etwas entwickeln kann. Nur daher kann dieses wichtige Gefühl kommen.Dieses Selbstwertgefühl entwickelt Ihre Figur Joel, der angesprochene schwarze Junge, dadurch, dass er Gedichte schreibt - genau wie der schwarze Junge in Zadie Smiths neuem Roman "Von der Schönheit".Ja. Ich war sehr überrascht, als ich ihr Buch neulich gelesen habe. Genau das Gleiche! Letztendlich sind die Dinge doch wertlos, das Handy .. ein Statussymbol offenbar auch in der Welt der Gangs.Ja natürlich, aber es ist doch bloß ein Handy, ein praktisches Ding. Für die Mädchen dort natürlich nicht: "Wir brauchen ein moby!"Die Mütter in Ihren Büchern sind allesamt nicht besonders nett, manche sind regelrecht böse oder verrückt wie Carole Campbell in "Am Ende war die Tat".Na, sie hat eine Psychose als Folge der Trennung, man kann also nicht unbedingt davon sprechen, dass sie eine böse Mutter sei, sie hat ein mentales Leiden und zwar ein vererbtes. Ihre eigene Mutter hat ja Selbstmord begangen, sich vor einen Zug geworfen. Sie war schon öfters in der Psychiatrie, und nach der Geburt des dritten Kindes schnappte sie dann völlig über, und sie wird sich wahrscheinlich davon auch nie mehr erholen.Sie ist aber nur ein extremes Beispiel .Ich weiß, dass ich sehr eindrucksvolle schreckliche Mütter erfunden habe, so dass man sie nie mehr vergisst (sie lacht).Überhaupt scheint die Familie für Sie eine große Rolle zu spielen, als Kern der Gesellschaft. Funktioniert sie nicht, funktioniert auch die Gesellschaft nicht.Das stimmt wahrscheinlich auch. Vermutlich kann man die meisten Probleme der Leute auf die Familie zurückführen. Die Probleme gehen zurück auf das, was die Leute gelernt haben, wie man sie behandelt hat, auf das, was man ihnen als Verhalten zu anderen Menschen beigebracht hat, und auf die Bilder, die sie vom Erwachsensein bekommen haben, von ihren Eltern und ihren Verwandten. Ich habe sehr viel über gesellschaftliche Zusammenhänge nachgedacht, über Kinder und wie lange sie doch bei ihren Eltern leben, bevor sie selbstständig werden.In den 60er- und 70er-Jahren hat man die Familie und ihren gesellschaftlichen Stellenwert etwas anders gesehen, kritischer, und hat andere Formen favorisiert.Stimmt, da ging man davon aus, dass das Kind ein unbeschriebenes Blatt bleibt, bis es 18 ist, und das ist doch Unsinn.Was halten Sie von den Fernsehfilmen, die man nach Ihren Romanen gedreht hat - in diesen Wochen laufen ja auch einige im deutschen Fernsehen?Die BBC hat sich für eine bestimmte Art Film entschieden, und dafür sind sie ganz in Ordnung. Man hat nicht das gemacht, was ich machen würde, wenn ich zu sagen hätte, was aus den Romanen hätte werden sollte, sondern hat im Vorfeld zwei Entscheidungen bezüglich der Verfilmungen getroffen. Zum einen, die Romane auf die reine Krimigeschichte zu reduzieren, um sie in das 90-Minuten-Format pressen zu können, und zum anderen, sie eher wie die Inspektor Morse-Serie aussehen zu lassen, glatter, sauberer und nicht etwa wie die Serie "Heißer Verdacht" mit Helen Mirren oder die Ian-Rankin-Verfilmungen, also die härteren Serien. Damit hat man der gesamten Serie eine bestimmte Richtung gegeben.Hätten Sie den Zauberstab schwingen und sich das wünschen können, was Sie für richtig halten .. hätte ich aus jedem einzelnen Buch einen 4-bis 6-Stunden-Film gemacht, damit alle Figuren zu ihrem Recht kämen, denn darum geht es doch hauptsächlich in meinen Romanen. Viele Leute sagen: Oh Gott, warum hat sie die BBC das bloß machen lassen? Wenn du die Rechte an den Büchern aber einmal verkauft hast, kannst du dich hinstellen und betteln, so viel du willst, sie machen dann, was sie wollen.Die Elizabeth-George-Gemeinde ist besonders unzufrieden mit der Deutung der Figur Helen Lynley in der Serie, also der Ehefrau von Inspector Lynley.Ja, da haben sie wirklich total daneben gehauen, und ich weiß nicht, wie ihnen das passieren konnte. Ich vermute, weil sie ihr zum Beispiel unbedingt einen Beruf geben wollten. In den Romanen hat sie ja diesen reichen Familienhintergrund und ist anfänglich so etwas wie ein It-Girl auf dem absteigenden Ast, hat sich für den leichten Weg entschieden, wo sie doch alle Möglichkeiten gehabt hätte, zieht aber lieber nach London und macht nicht viel aus sich, kommt aber so durch. Für die BBC war das von Anfang an nichts, sie wollten, dass sie einen Beruf hat, Psychologin oder so etwas, sie wurde dann Profiler. Ich habe immer gesagt: Was macht ihr denn bloß mit ihr? Warum ist sie denn dauernd so verärgert? Lynley und sie streiten sich andauernd. In den Romanen ist Helen aber die, die ihm den Rücken freihält, nur deshalb kann er seinen Job richtig machen, weil sie so ausgeglichen ist und so lustig. Er kommt nach Hause, sie steckt was in die Mikrowelle und jagt fast die Küche in die Luft. Oder sie trägt diese unmöglichen hochhackigen Hausschuhe, Slipper mit Troddeln, wie sie sonst niemals jemand tragen würde! Sie hat diesen Esprit, aber daraus haben sie fürs Fernsehen nichts gemacht. Ja, damit hatten sie echt ein Problem, mit meiner Helen.Wird man "Wo kein Zeuge war" verfilmen?Nein, ich habe die Rechte nicht hergegeben. Mein Vorschlag war, daraus einen Vierteiler zu machen, weil es so ein großes Buch ist. Sie guckten sich das an und sagten: Ach, daraus machen wir wieder einen Neunzigminüter. Also hab ich mich stur gestellt.------------------------------Zur PersonFoto: Elizabeth George wurde am 26. Februar 1949 in Warren/Ohio geboren, lebte lange Zeit in Kalifornien und erst seit kurzem in Seattle. Sie war bis Anfang der 90er-Jahre als Englischlehrerin tätig und ist in zweiter Ehe verheiratet.Trotz ihrer amerikanischen Herkunft gilt sie als Meisterin des englischen Kriminalromans, da alle ihre bislang 15 Kriminalromane, die seit 1988 erschienen, in Großbritannien spielen. Sie ist bekannt für ihre detailreichen Geschichten, die auf akribischen Recherchen beruhen. Sie hat alle bekannten internationalen Krimipreise gewonnen und gilt als eine der meistverkauften Schriftstellerinnen weltweit.In Deutschland erschien zuletzt ihr Roman "Wo kein Zeuge ist", der bis heute auf den Bestsellerlisten steht. Im Sommer 2007 wird bei Blanvalet der neueste Elizabeth George-Roman unter dem Titel "Am Ende war die Tat" erscheinen.Die englische BBC hat alle Elizabeth-George-Romane verfilmt. Die Inspector Lynley-Mysteries waren weltweit ein Fernseherfolg und wurden in Deutschland zwischen 2002 und 2006 als ZDF-Sonntagskrimis gezeigt. Die jüngsten vier Folgen strahlte das ZDF seit dem 8. April aus.