BERLIN, 13. Mai. Die elf Passagiere, die am 15. März 1930 in Oakland den Acht-Uhr-Flieger nach Chicago bestiegen, erlebten eine Überraschung: An Bord der dreimotorigen Maschine von Boeing Air Transport wurden sie von einer Stewardess empfangen. Sie verteilte die obligaten Kaugummis vor dem Start, half den Reisenden, ihr Gepäck zu verstauen und servierte während des Fluges ein kleines Menü aus Hühnchen, Brot und einem Fruchtsalat.Die Reise war eine Weltpremiere: Ellen Church, 25 Jahre alt, war die erste Frau, die im Flugwesen den Job als Stewardess tat. Zwar hatten einige Fluggesellschaften schon vorher Männer in ihre Crews eingegliedert, die sich als Steward oder "Cabin Boys" auch um das Wohlergehen der Passagiere kümmerten, doch ein weibliches Besatzungsmitglied war den Männern im Cockpit suspekt: Sie seien zu beschäftigt, um sich während des Fluges auch noch um eine "hilflose Frau" kümmern zu können, hieß es.Doch Ellen Church hatte die Sache gut eingefädelt: Sie war examinierte Krankenschwester, und als Hobbypilotin verstand sie auch etwas von der Luftfahrt. Am liebsten wäre sie selbst geflogen, aber das war damals eine doch zu kühne Vorstellung. Churchs Idee hingegen, die Passagiere auf den oft noch abenteuerlichen Flügen von einer Krankenschwester betreuen zu lassen, gefiel den Herren von der Fluggesellschaft. So gaben sie ihr Okay für einen zunächst dreimonatigen Test mit insgesamt acht Stewardessen, die ebenfalls Krankenschwestern sein mussten. Ellen Church wurde die Chefin der "Sky Girls".Bei den Besatzungen kam die Neuerung zunächst nicht gut an. Obwohl eine Dienstanweisung die neuen Stewardessen dazu verdonner, Pilot und Kopilot beim Betreten und Verlassen der Maschine einen "militärischen Gruß zu erweisen", wechselten die Flieger in der Regel kein Wort mit den Damen. Pilotenfrauen aus Salt Lake City bombardierten die Fluggesellschaft sogar mit Briefen, in denen die Abschaffung der Begleitdamen gefordert wurde. Den Stewardessen selbst war es strikt untersagt zu heiraten, und so streng blieben die Sitten bei United Airlines, wie die Boeing Air Transport später hieß, noch lange Zeit. Bis 1968 war hier Bedingung, dass Stewardessen Singles waren.Das dreimonatige Experiment wurde nach seinem Abschluss von den Airline-Chefs als Erfolg gefeiert. Ellen Church als Chefstewardess bekam nun massenweise Bewerbungen, von Frauen wie von Männern. Sie musste ein Handbuch für den neuen Job ausarbeiten, später wurde sie auch verantwortlich für das, was man heute Catering nennt. Nach einem Autounfall musste Ellen Church 18 Monaten nach dem Erstflug den Job als Stewardess aufgeben. Sie widmete sich dann der Ausbildung von Krankenschwestern, und erst 1942 kam sie noch einmal zur Fliegerei zurück. Bei einer Sondereinheit der Luftwaffe betreute sie Verwundete, die von den Kriegsschauplätzen in Europa ausgeflogen wurden.Andere Air Companies folgten dem Beispiel der United Airlines, oft aber nur sehr zögerlich. American Airlines etwa konnte sich erst 1933 durchringen, vier Krankenschwestern als Stewardessen auszubilden. Als erste europäische Gesellschaft tat es die Swissair vier Jahre nach Churchs Erstflug den Amerikanern nach, 1938 engagierte auch die deutsche Lufthansa Frauen als Flugbegleiterinnen.Ellen Church wurde nach dem Krieg Chefin der Krankenschwestern im Hospital von Terre Haute, Indiana, und heiratete 1964 in dieser Stadt. Ein Jahr später starb sie nach einem Reitunfall.------------------------------Foto: Ellen Church in Originaluniform am 10. Jahrestag ihres Erstfluges