Worin die besondere Trostlosigkeit einer Elvis-Imitation besteht, ist eigentlich schwer zu bestimmen. Vielleicht erzeugt eine solche Nummer doppelte Irritation: Der Imitator steckt in einer Haut, die ihm nicht paßt. Schon Elvis steckte ja bereits in einer Haut, die ihm nicht behagte. Der Junge war bekanntlich nicht glücklich. Jeder Kopist, der sich in ein weißes Glitzerkostüm zwängt, ignoriert seine Qualen und ruft ihm ein postumes "The show must go on" zu."Elvis ­ The Musical Biography", derzeit im Theater der Freien Volksbühne zu sehen, will es besser machen. Zwar rankt sich die Show im wesentlichen um die Talente eines weiteren Ersatz-Elvis, doch kümmert man sich auch um die mannigfachen Sorgen des Frühverstorbenen. Es existiert eine dramatische Idee. Sie will sagen, daß es dem King irgendwie nicht gutging. Sie will nicht imitieren, sondern interpretieren. Aus diesem Grunde erscheint gleich zu Beginn ein ausgesprochen mephistophelisch anmutender Conférencier. Der Mann scheint über Informationen zu verfügen, die sich dem Zuschauer erst nach und nach erschließen sollen. Grinsend und speichelleckend kündigt er eine höllische Achterbahnfahrt an. Da wir alle über Elvis Bescheid wissen, wundern wir uns ein wenig über die Geheimnistuerei. Klar, daß es mit Elvis bergab gehen wird, Drogen, Hamburger und so.Die große Überraschung des Abends soll Mark Janicello sein. Ein junger, amerikanischer Opernsänger, der angeblich besser singt als Elvis. Janicello hat eine kräftige, ausgebildete Stimme und wenig Neigung zu leisen Tönen. Am Schluß einer Darbietung rutscht er gerne ins dramatische Fach und brüllt, als gelte es, Walhalla anzurufen. Seine tänzerischen und darstellerischen Fähigkeiten sind bescheiden und fügen sich trefflich in den Rahmen der Inszenierung. Sie ist in Österreich entstanden, für Regie und Drehbuch ist die Musical-Regisseurin Anna Vaughan verantwortlich. Die besondere Trostlosigkeit dieser Inszenierung vermittelt dem Publikum das Gefühl, geradewegs in eine Schulaula befördert worden zu sein. Irgendwie soll es schicksalhaft zugehen, doch das muntere Treiben auf der Bühne erfährt eher eine Wendung ins Fratzenhafte. Steif grinsende Petticoat-Trägerinnen umschwärmen den Sänger und kreischen hysterisch. Der Rest des Ensembles steht hölzern herum. Hin und wieder darf ein Darsteller eine Drehbuch-Pointe hinausposaunen; sie gellt dem Zuschauer noch lange in den Ohren.Dieses Musical ist nicht mehr als ein blindwütiges Sparprogramm. Ein Bühnenbild besteht so gut wie nicht, was die darstellerischen Schwächen um so deutlicher konstruiert. Die Lichteffekte präsentieren sich hausbacken im Disco-Stil. Lieblos hakt man ein Bild nach dem anderen ab und rührt alle biographischen Stationen zu einer dröhnenden Nummernrevue zusammen. Das Publikum besteht aus Elvis-Fans, die an den richtigen Stellen lachen und einer großen Anzahl von Ironikern, die sich durchgehend die Bäuche halten. Etwa als Elvis· geliebte Mutter (Kati Schober) im Krankenbett hereingerollt wird, im Hintergrund ein Sternenhimmel aufleuchtet und Gladys ihrem Jungen eine Auswahl von Durchhalteparolen auf den Weg gibt. Was den King of Rock ·n· Roll im einzelnen quälte, sieht man vom Verlust der Mutter ab, erschließt sich in diesem ungeordneten Bilderbogen nicht recht. Nur, daß er ziemlich durch den Wind war, läßt sich nicht übersehen. Mit zitternden Händen kippt er haufenweise Tabletten, während Priscilla mit dem Karate-Lehrer turtelt. War es das, was der Conférencier sagen wollte? Keine Macht den Drogen? Krieg den Karatelehrern? Daß Elvis am Ende nicht auf der Kloschüssel zusammenbrechen muß, verblüfft einigermaßen, steht doch die ganze Show im Zeichen eines niedlichen, mitunter allerdings etwas irregeleiteten Realismus. Als Elvis in Bad Nauheim seinen Militärdienst antritt, wird er von einem bayerischen Volkstanzensemble in Sepplhosen begrüßt. Wer weiß schon, wie die Hessen tanzen.Am Schluß wird es doch noch bewegend. Mit einem letzten "In the Ghetto" verabschiedet sich Elvis. Seine Musik ist nun mal nicht totzukriegen und stellt den einzigen Lichtblick der Produktion dar. So reduziert sie sich allerdings auf das, was zu befördern sie vermeiden wollte: Den unterhaltsamen Auftritt eines stimmbegabten Imitators.