AACHEN, 13. Oktober. Ein überraschender Sieger, drei zornige Verlierer und Gastgeber Egidius Braun als Sündenbock. Die Vorkommnisse bei der Vergabe der Europameisterschaft 2004 am Dienstag gaben dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einen Vorgeschmack darauf, was ihn am 6. Juli 2000 bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 in Zürich erwartet. Das unerwartete Votum für Portugal machte deutlich, dass sich im Machtkampf der Sportfunktionäre nicht immer die beste Bewerbung durchsetzt. Zudem geriet Braun siebeneinhalb Monate vor dem erhofften WM-Zuschlag für Deutschland auf dem Diplomaten-Parkett des Aachener Dorint-Hotels "Quellenhof" in Rutschgefahr."Die von Braun vorgetragenen Begründungen sind unerträglich. Sich hinzustellen und vor 300 Leuten zu behaupten, Portugal habe bessere Stadien, bessere Verkehrsmöglichkeiten und eine bessere Infrastruktur, ist unglaublich. Das ist eine Beleidigung für Spanien. Er sollte die Leute nicht betrügen", schimpfte Gerardo Gonzales Otero, der Generalsekretär des spanischen Fußball-Verbandes. Und auch Spaniens Presse hatte den Schuldigen für die Favoriten-Niederlage ausgemacht: "Die Begründungen von Braun lösten Verwunderung aus. Es fehlte nur noch, dass er gesagt hätte, Portugal sei größer als Spanien."Egidius Braun wehrt sichVorwürfe, er habe mit seiner Politik im Vorfeld der EM-Vergabe hinter den Kulissen deutsche WM-Interessen vertreten, wies der EM- Kommissions-Vorsitzende Braun jedoch entschieden zurück. "Ich kann mich doch nicht als Vorsitzender einer internationalen Kommission hinstellen und fragen, was kommt für mich dabei heraus. Meine Aufgabe ist es, neutral zu bleiben. Das ist auch eine Frage des Charakters."Braun betonte, das Votum der EM-Kommission sei in geheimer Abstimmung gefallen, weigerte sich aber weiter, das vermutlich sehr knappe Ergebnis preiszugeben: "Ich weiß nicht, was die anderen bewogen hat, für den oder den zu stimmen. Ich weiß nur, für wen ich gestimmt habe, aber das werde ich nicht sagen." Der DFB-Chef blieb bei seiner kritisierten Darstellung, alle drei Kandidaten hätten tadellose und von der Qualität gleiche Bewerbungen abgegeben.Gleichwohl spekulieren die spanischen Medien über vermeintlich negative Auswirkungen der Aachener Entscheidung auf die deutsche WM-Bewerbung. "Der DFB und Braun werden nun den internationalen Einfluss von Angel Maria Villar zu spüren bekommen", kommentierte die spanische Zeitung "El Pais". Der spanische Verbandspräsident, immerhin Mitglied des Exekutiv-Komitees des Weltverbandes (Fifa), galt bis dato als Befürworter der DFB-Bewerbung.Moderater, aber nicht minder zornig fielen die Reaktionen der unterlegenen Doppelbewerber in Österreich und Ungarn aus. "Es gab in der Begründung von Braun für die Portugiesen keinen Punkt, den wir nicht auch erfüllt hätten", kritisierte Österreichs Fußballchef Beppo Mauhart. "Portugal wird mit der Größe seiner Stadien mehr Probleme haben, als wir sie gehabt hätten." Österreichs EM-Projektleiter Heinz Palme machte aus einer ersten Enttäuschung über das Votum des Uefa-Exekutivkomitees keinen Hehl: "Das ist falsch."Ungeachtet der vielen Vorbehalte aus dem Ausland, die dem zehn Millionen Einwohner zählenden Land im Südwesten Europas große Probleme bei der Organisation vorhersagen, wurde in Portugal nach der Uefa-Entscheidung überschwänglich gefeiert. Tausende Menschen stürmten auf die Straße, und Ministerpräsident Antonio Guterres unterbrach eine Kabinettssitzung, um vor die Kameras zu treten.