Einer Legende zufolge beginnt der Siegeszug gegen den "Würgeengel der Kinder" am Heiligabend des Jahres 1891: In die Berliner Charité wird ein Junge mit Fieber und Atemnot eingeliefert. Die Diagnose lautet "Diphtherie". An dieser bakteriellen Infektion starben damals allein im deutschen Kaiserreich jährlich fünfzigtausend Kinder, meist qualvoll durch Ersticken. Doch an diesem Abend sollte der Tod nicht siegen. Ein groß gewachsener Mann trat an das Bett des diphtheriekranken Kindes und bewahrte es mit einer einzigen Injektion vor dem Tod: Emil Behring."Diese Geschichte hat sich so wahrscheinlich nie zugetragen", sagt Kornelia Grundmann, Leiterin des Behring-Archivs an der Universität Marburg. Das schmälere aber nicht die große Leistung des Forschers. Die von Behring entwickelte Serumtherapie habe Hunderttausende vor dem Tod bewahrt. Dafür erhielt der Wissenschaftler vor hundert Jahren den ersten Nobelpreis für Medizin.Behring wurde 1854 in Hansdorf in Westpreußen geboren und wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf. Nur durch Stipendien und die Verpflichtung beim Militär konnte er das Gymnasium und die Universität besuchen. Mit der Diphtherie wurde Behring schon früh in seiner Karriere konfrontiert: 1884 erlebte der damals 30-jährige Arzt im westpreußischen Winzig einen Ausbruch der Infektionskrankheit. Viele Kinder starben, ohne dass er helfen konnte. "Behring sagte später, dass dieses Gefühl der Machtlosigkeit ihn angetrieben habe, nach neuen Therapien zu suchen", sagt Grundmann. Bereits zu jener Zeit, als Behring noch weit abgeschieden von den wissenschaftlichen Metropolen arbeitete, erforschte er neue Methoden zur Behandlung von Infektionen. Nach einem kurzen Aufenthalt an der Universität Bonn wurde Behring 1889 schließlich von Robert Koch an das Hygienische Institut der Universität Berlin geholt. Dort befasste sich der damals 35-Jährige intensiv mit der Diphtherie. Er forschte bis zur physischen Erschöpfung. "Ich habe erneut eine Anzahl von Nächten durchgearbeitet und leide an schrecklichen Nervenschmerzen", schrieb er einem Studienfreund. Behrings Fleiß zahlte sich aus: 1890 machte er die Entdeckung, die zur Entwicklung der Therapie gegen Diphtherie führte. Behring experimentierte mit Meerschweinchen. Er beobachtete, dass einige Tiere immun gegen den Erreger sind und stellte fest, dass diese Widerstandsfähigkeit durch Injektion von abgeschwächten Erregern hervorgerufen werden kann. Daraufhin spritzte Behring anfälligen Meerschweinchen das Serum von widerstandsfähigen Tieren. "Damit ist es uns gelungen, sowohl infizierte Tiere zu heilen, wie die gesunden derartig vorzubehandeln, dass sie nicht an Diphtherie erkranken", schrieb Behring im Dezember 1890. Er zeigte damit erstmals, dass das Blutserum "Antitoxine" - heute Antikörper genannt - enthält, die die Immunität hervorrufen. Die Idee der Serumtherapie war geboren.Doch bis zur Anwendung beim Menschen war es noch ein weiter Weg. "Um Menschen behandeln zu können, brauchte man viel größere Mengen von Antiserum als bei Meerschweinchen", erläutert Grundmann. Behring begann deshalb mit größeren Tieren zu experimentieren, zunächst mit Hammeln, später mit Pferden. Doch damit stieß er schnell an die Grenzen seines Etats: "Wir haben allein an Futterkosten circa 100 Mark monatlich zu zahlen", beklagte sich der Forscher. Behring fasst deshalb den Entschluss, mit der Industrie zu kooperieren. 1892 schließt er einen Vertrag mit den "Farbwerken Hoechst" in Frankfurt, die ihn fortan finanziell unterstützen. Auch auf wissenschaftlichem Gebiet suchte sich Behring einen Partner. Denn der durchschlagende Erfolg der Therapie blieb zu Beginn aus, weil die Konzentration der Antitoxine in den Seren zu gering war. Behring bat deshalb Paul Ehrlich um Mithilfe, der ebenfalls am Berliner Hygieneinstitut forschte. Ehrlich, ein Chemiker und Mediziner, entwickelte daraufhin ein Verfahren, mit dem die Menge des Antitoxins im Tierblut um ein Vielfaches gesteigert werden konnte. Im Mai 1894 belegte eine klinische Studie zum ersten Mal überwältigende Heilungserfolge bei Diphtherie-Patienten: 102 von 108 Kindern wurden geheilt, wenn das Serum innerhalb von drei Tagen nach der Diagnose gegeben wurde. Vorher war die Hälfte der infizierten Kinder gestorben. Daraufhin begannen die "Farbwerke Hoechst" mit der Massenproduktion des Heilmittels. Und Behring wechselte 1895 an die Universität Marburg. Dort forschte Behring weiter mit unverminderter Intensität - was immer wieder zu völliger körperlicher Erschöpfung und Depressionen führte. "Er war hart gegen sich, aber auch gegen Mitarbeiter und Kollegen", erzählt Kornelia Grundmann. Wissenschaftler wie Rudolf Virchow, die seine Ansichten nicht teilten, attackierte er heftig. Auch mit Koch und Ehrlich kam es zum Zerwürfnis. Doch sein Erfolg verschaffte ihm Ansehen. Die von ihm entwickelte Serumtherapie rettete weltweit Hunderttausende von Kindern. Behring wurde mit Ehrungen überhäuft und in den erblichen Adelsstand erhoben. Seine Einnahmen investierte er in den Aufbau eigener Produktionsstätten, aus denen 1904 die Behringwerke hervorgingen. Hier wurde unter seiner Regie produziert und geforscht. Die größten Erfolge während seiner Zeit in Marburg waren die Entwicklung des Heilserums gegen Tetanus und der ersten Impfung gegen Diphtherie. Durch die Impfung wurde die Infektionskrankheit in Europa nahezu ausgerottet. Behring starb 1917 im Alter von 63 Jahren in Marburg. Die Behringwerke - inzwischen geteilt und großen Pharmakonzernen angegliedert - führen die Arbeit ihres Gründers heute noch fort. "Chiron Behring" produziert Impfstoffe, "Dade Behring" stellt Diagnostika her und "Aventis Behring" Plasmaprodukte - unter anderem Antikörper gegen Infektionskrankheiten.AVENTIS BEHRING Emil von Behring (r. ) und sein Gehilfe Hermann Scholz im Labor des Hygienischen Instituts der Universität Berlin