Alice Schwarzer spart nicht an Pathos: „Ja, eine Welt ohne Prostitution ist denkbar!“, schreibt sie in der aktuellen November-Ausgabe ihrer Zeitschrift Emma. Die ist betitelt mit den Fotos von 19 Prominenten, die zu den 90 Schauspielern, Schriftstellern, Stars und Politikern gehören, die den Emma-Appell zur Abschaffung von Prostitution unterzeichnet haben. Zu der illustren Schar der Unterstützer gehören die Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler, die Theologin Margot Käßmann, BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, Heiner Geißler oder der Kabarettist Dieter Nuhr. Die Unterzeichner fordern die Bundeskanzlerin und den Bundestag in ihrem Schreiben auf, endlich das Prostitutionsgesetz von 2002 zu ändern.

Das Gesetz, das von der damaligen rot-grünen Koalition erlassen wurde, war gut gemeint. Es sollte Prostitution zu einem – fast normalen Job – machen. Sexarbeiterinnen sollten fortan ihren Lohn einklagen und in die Kranken-, Arbeitslosen und Rentenkassen einzahlen können. Elf Jahre später sieht sich nicht nur die Union in ihren Bedenken bestätigt.

Viele Experten und Hilfsorganisationen kritisieren, dass anders als beabsichtigt nicht die Frauen von der Legalisierung profitiert haben, sondern vor allem die Bordellbetreiber, die sich seitdem über grenzenlose Geschäfte freuen dürfen. Kein Monat vergeht, in dem nicht irgendwo ein Puff neu eröffnet wird. Denn waren Bordelle zuvor höchstens geduldet, ist Zuhälterei nur noch strafbar, wenn sie ausbeuterisch ist. Das allerdings, ist schwer zu beweisen, beklagen Ermittler und Staatsanwälte. Die meisten Huren dagegen arbeiten weiterhin als Selbstständige, ihre Arbeitsbedingungen haben sich nicht wie erhofft verbessert.

Deutschland als Umschlagplatz für Menschenhandel

Schätzungen zufolge kommen inzwischen 65 bis 80 der Prozent der Frauen aus dem Ausland, die meisten davon aus Osteuropa. Wie viele von ihnen zwangsprostituiert werden, ist unklar. Unbestritten ist, dass Deutschland zum Umschlagplatz Nummer Eins für Menschenhandel in Europa geworden ist.

Ein Gesetz noch der schwarz-gelben Koalition, das unter anderem die stärkere Kontrolle von Bordellen ermöglichen sollte, wurde allerdings im Herbst vom rot-grünen Bundesrat gestoppt. Die Länder rügten die Pläne, mit denen eine Richtlinie der Europäischen Union gegen Menschenhandel umgesetzt werden sollte, als unzureichend. Hauptkritikpunkt: Opfer von Menschenhandel würden nicht geschützt, indem sie zum Beispiel vor einer Abschiebung in ihre Heimat verschont bleiben, wenn sie gegen ihre Peiniger aussagen. Ein solches dauerhaftes Aufenthaltsrecht wollte die Union nicht.

Ob die Emma-Forderung nach einer Ächtung der Prostitution, und, wie es im offenen Brief heißt, „wenn nötig, auch Bestrafung der Freier“ wirklich sinnvoll ist, darüber kann man trefflich streiten. In Schweden ist der Sexkauf seit 1999 verboten. Freiern droht dort bis zu ein Jahr Haft, wenn sie sich erwischen lassen. Huren bleiben dagegen straffrei. Die Erfahrungen sind durchaus gemischt. Die Zahl der Prostituierten ist zwar zurückgegangen, gleichzeitig haben sich die Arbeitsbedingungen durch die Kriminalisierung für viele Huren deutlich verschlechtert.

Es muss also nicht die ganz große Keule sein, die im Kampf gegen Menschenhandel sinnvoll wäre. Ein Schutz vor Abschiebung und ein Aufenthaltsrecht für Zeuginnen, wie es in dem Appell auch gefordert wird, wäre schon eine große Hilfe bei der Bekämpfung von Zwangsprostitution. Interessanterweise gehört zu den Unterzeichnerinnen des Appells auch die Chefin der CDU-Frauen-Union, Maria Böhmer. Es wäre schön, wenn sich die CDU-Politikerin mit dieser Forderung in ihrer Partei durchsetzen könnte.