Sie ist 67 und kann mit den Füßen durch ihre Arme klettern, die sie zuvor mit gefalteten Händen über Kopf und Rücken geführt hat. Wenn man sehr bittet, führt Emöke Pöstenyi diese Nummer vor, die sie sich als kleines Mädchen in Budapest ausgedacht hat. Im Kinderzimmer hingen Ringe und ein Trapez, an denen sie mit ihrer Schwester turnte - zwei graziöse Kinder, deren Bewegungsfreude von der Mutter gefördert wurde. Emöke ging nachmittags auf eine Ballettschule. Dort sahen sie 1960 Talentesucher aus der DDR. Die Mutter entschied, dass ihre Tochter zwei Jahre im Ausland bleiben und Deutsch lernen sollte. Emöke Pöstenyi blieb für immer und beherrscht die deutsche Sprache auf eine sehr unkonventionelle Art.Sie arbeitet in Meiningen, danach im Friedrichstadtpalast in Berlin und geht 1963 zum eben gegründeten Fernsehballett. Der Direktor, inspiriert durch die Kessler-Zwillinge, entwickelt mit Emöke und ihrer Kollegin Susan Baker ein Duo, das für Perfektion, Präsenz und Glamour berühmt wird.Nebenbei macht sie kleine Choreografien, die so erfolgreich werden, dass sie diese Begabung in längeren Geschichten auf drei Opernbühnen beweisen kann. Mit 37 Jahren wird aus der Tänzerin endgültig eine Choreografin und nach der Wende die künstlerische Leiterin des Fernsehballetts. "Bis dahin hatte ich ein schönes Leben! Aber jetzt hing es von mir ab, ob das Ballett überlebt. Ich wusste nicht, was Kostüme oder Strumpfhosen kosten, und wer das bezahlt. Aber ich war von der Truppe überzeugt und hatte keine Minderwertigkeitskomplexe."Mit 60 hört sie auf, "ich hatte alles erreicht, was ich wollte". Danach überrascht die kapriziöse Großstädterin Freunde und Kollegen mit einer Veränderung: Emöke entdeckt das Landleben. Ihr Mann, der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, kann sie nur bei besonderen Anlässen dazu bewegen, das Haus, eigentlich ein Nebenwohnsitz in der Nähe von Bad Saarow, zu verlassen. Sie will nicht weg: "Ich habe 40 Jahre aus Koffern gelebt. Endlich bin ich sesshaft." Fünf Katzen kommen ins Haus. Der Garten, der ein Wildwuchs war, blüht und duftet unter ihrer Hand und mit viel Wassergeld.Sie schläft so lange, wie sie will, und sie will lange schlafen. Sie kocht sehr gut, wenn sie Lust dazu hat. Manchmal liegt sie den ganzen Tag auf dem Sofa und liest. Emöke Pöstenyi muss nicht mehr diszipliniert sein.Irgendwann bringen Besucher eine interessant gewachsene Wurzel mit. Emöke bemalt sie, daraus entsteht eine merkwürdige Figur. Sie bearbeitet neue Hölzer: In einem Geflecht entdeckt sie einen Fliehenden. Aus einem Stumpf wird ein Tier oder eine Skulptur mit verschiedenen Gesichtern. Zweigwülste sind Tanzende. Die Figuren stehen beieinander wie eine ans Licht gebrachte, lange verborgene Gesellschaft. Nächste Woche fährt sie an die Ostsee und sucht ausgewaschene Wurzeln, aus denen sie etwas machen wird, das nur sie sieht. Regine Sylvester------------------------------Foto: Emöke Pöstenyi: ehemalige Solotänzerin, Choreografin und heute Lebenskünstlerin.