Berlin - Wir Deutschen bilden uns ein, dass unsere Demokratie die beste der Welt ist, dass in Deutschland der Alltag reibungslos funktioniert, dass wir Exportweltmeister, Demokratieverfechter, Organisationstalente sind. All das basiert auf dem Mythos der deutschen Ordnung. Aber stimmt diese Vorstellung überhaupt? Der Chefredakteur der englischsprachigen Online-Seiten der Berliner Zeitung, Maurice Frank, wurde in Großbritannien geboren und ist in den USA aufgewachsen. Mit 27 Jahren zog er nach Deutschland. Schon seit 20 Jahren lebt der Deutschbrite hier. Er hat einen völlig anderen Blick auf das Land. 

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Letzte Woche bekam ich einen kuriosen Brief von meinem Vermieter. Während die meisten Mieter Ende November darüber informiert wurden, ob und um wie viel ihre Miete dank des neuen Mietendeckels gesenkt wird, wartete mein Vermieter bis Januar, um mir mitzuteilen, dass er die Differenz zwischen meiner alten Miete und der heruntergesetzten behalten werde. Und zwar auf einem Treuhandkonto. Er würde den Differenzbetrag nur dann zurückgeben, wenn das Bundesverfassungsgericht in diesem Jahr feststellen sollte, dass der Mietendeckel verfassungskonform ist. Ja, Sie haben richtig gelesen: Mein Vermieter behält ein, was mir nach geltendem Recht zusteht. In den meisten Ländern könnte das als Diebstahl qualifiziert werden.

Die Gesetzlosigkeit der deutschen Vermieter ist legendär. Es ist nicht unüblich, dass eine Hausverwaltung ein paar Hundert Euro auf die jährlichen Nebenkosten draufschlägt, in der Hoffnung, dass man es nicht merkt. Eine Freundin lässt ihre Nebenkosten von einem Anwalt prüfen und bekommt jedes Jahr eine saftige Rückzahlung. Die Tricks der Vermieter, um ihre Mieter zu schikanieren, sind bekannt. Um ein Gebäude rentabler zu machen, hat ein Berliner Vermieter vor einigen Jahren Bewohner aus rumänischen Slums nach Deutschland geholt und in riesigen Kohorten zum Einzug eingeladen. Um Altmieter mit günstiger Miete zu vergraulen.

Das mag für Außenstehende schockierend klingen. Aber für jeden, der hier lebt, ist es nichts Neues. Deutschland ist nicht der Leuchtturm der Ordnung und Effizienz, für den die Welt es hält. Ich finde: Das Land sollte endlich aufhören, den Mythos „Ordnung muss sein“ zu pflegen.

Es ist ein Klischee, das auch ausländische Journalisten gerne bedienen. Im vergangenen Juni tat es die BBC und fragte erstaunt: „Was macht die Deutschen so ordnungsfreudig?

Foto: imago images
Sperrmüll in Berlin-Friedrichshain.

Das Klischee hat eine lange Geschichte. 1934 zeigte das Time Magazine auf seinem Cover Paul von Hindenburg, den letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, mit den Worten „Ordnung muss sein!“ und brannte das Klischee Satz ins kollektive Bewusstsein der Amerikaner ein.

Auch die Deutschen verbreiten es gerne. 2012 schrieb Peter Zudeick in einer Kolumne für die Deutsche Welle: „Ordnung ist der geregelte Zustand. Egal von was. Und Ordnung ist das halbe Leben. Sagt der Volksmund, der deutsche. Um die andere Hälfte sollen sich getrost die anderen kümmern.“

Da bin ich anderer Meinung. Das Klischee muss überarbeitet werden. Es basiert auf überholten, falschen Vorstellungen von diesem Land und seinen Bürgern. Deutschland ist chaotischer, als man denkt.

Ich bin kein Soziologe, aber meiner Meinung nach gibt es zwei grundlegende Kategorien von Ordnung: die Art der Ordnung, die das Leben einfacher, würdevoller und freier macht. Aber es gibt auch die andere Art, die das Leben starrer, bedrückender, dysfunktionaler macht.

Die Deutschen glauben, dass ihr Land auf der ersten Variante aufgebaut ist. Nachdem ich zwei Jahrzehnte hier gelebt habe, würde ich sagen, dass ein Großteil des täglichen Lebens in Deutschland durch die zweite Art geprägt ist: die Überbleibsel der unterdrückerischen preußischen Ordnung und Bürokratie. Die Vorstellung, dass Deutschland eine besonders gut organisierte, geordnete Gesellschaft ist, ist also: ein Mythos.

„Ich bin da sehr deutsch“, sagen mir manchmal Freunde und Kollegen und meinen damit, dass sie einen Hang zu Korrektheit, Disziplin und Ordnung haben. Damit sind „deutsche Tugenden“ gemeint. Als ob die Deutschen ein Monopol darauf hätten!

In Wirklichkeit ist das Land weit mehr von Gesetzlosigkeit, Schlamperei, Ineffizienz und Inkompetenz geprägt, als es sein Selbstbild vermuten lässt. Das tägliche Leben ist bürokratisch, sinnlos komplex oder von veralteten Systemen und Technologien durchzogen. Die Kommunikation mit großen und kleinen Institutionen ist oft schwierig.

Beweisstück A: Vermüllte Städte

Manche deutsche Großstädte sind ein einziges Chaos: Obdachlose, die vor Bahnhöfen herumlungern und von den Behörden alleingelassen werden. Vor jeder Bank Bettler, um die sich niemand kümmert. Zigarettenkippen, wohin man schaut. Und überall diese kaputten Mülleimer! Wann, bitte schön, werden deutsche Ingenieure es endlich schaffen, einen robusten Mülleimer zu konstruieren? Was mich außerdem noch stört: Graffiti auf allen Wänden. Verwüstete Blumenbeete. Zerstörte Bänke. Das Fehlen von öffentlichen Toiletten. Jeder sieht es als normal an, wenn ein Mensch auf dem Spielplatz in die Büsche pinkelt. Kurzum, der öffentliche Raum leidet unter massivem Vandalismus und städtischer Vernachlässigung.

Beweisstück B: BER und andere Ungeheuerlichkeiten

Ich will nicht auf jede BER-Peinlichkeit eingehen. Der Flughafen wurde im Herbst eröffnet, mit neunjähriger Verspätung. Und immer noch gibt es Pannen. Kürzlich erlitten Security-Mitarbeiter bei der Kontrolle des Handgepäcks einen Stromschlag an ihren Geräten. Vier Mitarbeiter wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Die Gewerkschaft Verdi fordert nun die Schließung eines Terminals. Der Flughafen weigert sich, die Geräte zu reparieren. Ist der BER verflucht? Oder ist Deutschland einfach unfähig, solche Großprojekte zu bauen? Die exorbitant kostenintensive Elbphilharmonie in Hamburg und das Bahnhofsdebakel von Stuttgart 21 könnten darauf hindeuten.

Beweisstück C: Corona-Cowboys

In Deutschland einen PCR-Corona-Test zu bekommen, ist mühsam und nur dann kostenlos, wenn man Symptome von Covid-19 hat. Es wäre vernünftig, kostenlose Tests flächendeckend anzubieten wie in Dänemark, wo ich problemlos und schnell einen Test bekommen habe – alles auf Englisch (schlicht undenkbar für deutsche Bürokraten). Hierzulande wurde die Lücke von privaten Testzentren gefüllt, die die weniger zuverlässigen Schnelltests anbieten. In Berlin kann man diese Zentren leichter eröffnen als einen Imbiss. Und das nahezu unreguliert! Keine gute Idee, wie ich finde, wenn es um die Bekämpfung einer tödlichen, hoch ansteckenden Krankheit geht. Wem das noch nicht unordentlich genug ist, dem sei verraten, dass private Testzentren positive Tests oft nicht oder zu spät an die Gesundheitsämter melden.

Beweisstück D: Das Auto

Natürlich könnte man das meiste des eben Konstatierten als alleiniges Versagen des „failed state Berlin“ verbuchen, einer Stadt, die von inkompetenten Müsli-Essern und Marxisten geführt wird. Aber das Schlamassel reicht über die schäbig-schicke Hauptstadt hinaus. Man nehme die Perle der deutschen Industrie, die Automafia – sorry: die Autobauer. Bis heute wird mit dem Begriff „deutsche Ingenieurkunst“ um sich geworfen, als ob die Abgasbetrügereien fast aller deutscher Autohersteller nicht einen Krater in den Mythos der deutschen Ordnung gesprengt hätten.

Die großen Marken haben den Dieselmotor bis zum Geht-nicht-mehr verhökert, statt ordentlich in Elektroautos zu investieren. Bis Elon Musk auftauchte und BMW, Mercedes und Co. gezeigt hat, wie es geht. Nämlich mit einer riesigen Autofabrik in Brandenburg, die nun mit einer „vorläufigen“ Baugenehmigung hochgezogen wird.

Wobei – selbst Musks plötzliches Erscheinen in Deutschland wirkt irgendwie verdächtig. Ich werde nicht schreiben, dass Korruption im Spiel war, denn das wäre verleumderisch. Aber man kann sicher sagen, dass sich das Brandenburger Umweltamt – geführt von unparteiischen „preußischen“ Bürokraten – von einem der reichsten Männer der Welt beschwatzen ließ. Einzelheiten werden wir wohl nie erfahren. Derweil schließt Daimler sein Motorenwerk in Berlin-Marienfelde, entlässt Tausende von Mitarbeitern und verlagert die Produktion nach China. Wie war das noch mal mit der „sozialen Marktwirtschaft“? Wir sollten nicht zu gemein zu den Autoherstellern sein. Schließlich halten sie unsere Wirtschaft am Laufen, oder? Bloß stehen alle paar Wochen deren Manager auf der Matte und betteln um mehr Taschengeld für ihre Elektromobilitätskonzepte und um mehr „saubere Diesel“ zu verkaufen, solange sie noch können. 

Beweisstück F: E-Governance

Achtung, jetzt kommen wir zum echten Schlamassel. Während Dänemark schon vor Jahren für jeden seiner Bürger ein E-Postfach als zentrale Stelle für alle Staats-, Steuer- und Gesundheitsangelegenheiten eingerichtet und das gar nicht weit entfernte Estland bereits 2002 die E-Signatur eingeführt hat, bleibt Deutschland der Klassenletzte in Sachen E-Governance. Das zehn Jahre alte Projekt „e-perso“ sollte Online-Identifikationen einführen. Hunderte von Millionen Euro hat die Regierung in das Projekt gesteckt. Doch kaum jemand nutzt es, denn die Benutzerfreundlichkeit ist miserabel. Ob es darum geht, ein Unternehmen anzumelden oder eine Kita zu finden: Die elektronische Kommunikation mit Behörden ist in Deutschland noch immer hoffnungslos primitiv. Man hat Glück, wenn man das richtige PDF-Formular findet, das man ausdrucken und per Post verschicken kann. Das Finanzamt hat ein Online-System, aber leider ist es lächerlich komplex. Und warum zum Teufel brauchen wir eine „steuerliche Identifikationsnummer“ und zugleich eine „Steuernummer“? Wozu, wozu, wozu?

Ich könnte noch viel mehr über den Mangel an Ordnung in dieser ordnungsliebenden Gesellschaft erzählen. Von den Skandalen bei Wirecard über jene bei der Deutschen Bank oder Siemens, dem Toll-Collect-Fiasko oder den Cum-ex-Skandalen bis hin zur Flut von gefälschten Doktortiteln bei Politikern. Vom Versagen der Polizei bei den NSU-Morden bis zu Polizeipannen in Zusammenhang mit dem Terroranschlag 2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.

Und trotz allem und all dem, was ich hier nicht aufzählen kann, glauben die Deutschen weiterhin, dass Ordnung das bestimmende Merkmal ihrer Gesellschaft ist.

Wenn überhaupt, dann hat es Deutschland versäumt, adäquate Strukturen zu schaffen, um eine Ordnung herzustellen, die das Wohlbefinden und das Vertrauen der Bürger fördert. Inmitten der Fragmente gescheiterter Reformprojekte verbleiben die bitter schmeckenden Reste der alten preußischen Ordnung – einer Ordnung, die dem Staat dient, bevor sie dem Volk dient; die verwirrt, verzögert und vernebelt. Eine solche „Ordnung“ widersetzt sich dem Fortschritt und sieht keinen Sinn darin, das Leben der Menschen zu verbessern. Ihre Strukturen sind absichtlich obskur und schwer durchschaubar – wie bei Kafka –, um Autorität zu inszenieren. Aber auch diese Kulisse könnte bald bröckeln, da Deutschland es einfach nicht schafft, mit der Zeit Schritt zu halten.

Ich könnte Angela („Das Internet ist Neuland“) Merkel die Schuld zuschieben. Aber nein, ich gebe dem deutschen Volk die Schuld dafür, dass Merkels Partei viermal in Folge an die Macht gekommen ist. Die Wähler haben sich für Stillstand und Selbstgefälligkeit entschieden. Und das Ergebnis ist ein Versagen im Umgang mit den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, als da wären: Digitalisierung, Wohnungsbau, Treibhausgasemissionen, um nur einige zu nennen. Und, ja, Corona. Merkels viel gepriesene rationale Herangehensweise bei der Bekämpfung der Pandemie maskiert dabei nur den schweren Rückstand beim digitalen Umbau des Staates und der Überführung staatlicher Dienstleistungen ins 21. Jahrhundert.

Die Einparteienherrschaft der CDU (zumindest im Westen) über den größten Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte hat zu einem kleinbürgerlichen Konservatismus geführt, der den Deutschen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Zurückhaltung bei jedem Schritt. Keine Experimente. Verfaulende Systeme tuckern weiter. Vor zwanzig Jahren bezeichneten ausländische Medien Deutschland als „den kranken Mann Europas“, und das Land ist noch immer nicht gesundet.

Vor kurzem hat meine Hausärztin ein Diagnoseblatt verloren, das ihr ein Facharzt gefaxt hatte. Ich rief wiederum den Facharzt an, damit er ihr die Diagnose erneut zufaxt. Ich hatte kein Glück. Heute war ich bei der Hausärztin. Ihr Faxgerät ist kaputt.