Berlin bekommt intellektuellen Zuzug. Der "Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" wird seine Redaktion nach Berlin verlegen. Redaktion, das heißt hier der Arbeitsplatz des Herausgebers Kurt Scheel. Der zweite Herausgeber, Karl-Heinz Bohrer, wird weiterhin zwischen Bielefeld, wo er eine Professur hat, und Paris pendeln. Fast fünfzig Jahre war die Redaktion der Zeitschrift in München ansässig, im "behaglich-liberalen München", wie es in einer Erklärung der Herausgeber heißt. In den ersten Jahren der Bundesrepublik brachte sie die Westdeutschen mit der europäischen Moderne in Berührung, publizierte aber auch Benn oder Gehlen. Ein festes politisches Programm wurde jedenfalls nicht exekutiert. In den sechziger und siebziger Jahren drang die Stimme des Merkur nicht mehr ganz so stark durch, Zeitschriften wie "Kursbuch" oder "Freibeuter", die ohne Dogma, aber doch entschieden links waren, gewannen an Bedeutung. Mit der Krise der Linken rückte der "Merkur" wieder vor, namentlich, seit Bohrer und Scheel die Redaktion übernahmen. Und nun geht es nach Berlin, wo mit "Sinn und Form" die andere große Zeitschrift gemacht wird. Beide Organe unterscheiden sich allerdings deutlich. Der Merkur ist politischer, auch mit Beiträgen zur Tagespolitik, Ästhetisches findet als Theorie statt, meist mit starkem Meinungseinschuß. "Sinn und Form" ist ein gleichermaßen literarisches wie theoretisches Organ. Die Herausgeber des "Merkur" räumen ein, daß die Zeitschrift, mit ihrem deutlichen Ja zur Wiedervereinigung auch früher schon den Umzug aus dem wohllebenden München nach Berlin hätte unternehmen können. Aber der Merkur "wäre keine bundesrepublikanische Zeitschrift, hätte er nicht eine phlegmatische Seite". Immerhin, so die etwas verlegene Begründung, sei der Wechsel nun "weniger eine Demonstration als sachlich begründet". Die Zeitschrift habe sich immer als "nationale Bühne für den intellektuellen Diskurs" verstanden, als "Ersatzbühne für den verlorengegangenen, nie ganz vorhandenen Hauptschauplatz". Nun will man dem "Zentrifugalen der Provinzen" etwas entgegenstellen: "Gehen wir hin, seien wir da. Profitieren wir von der Metropole, die sie in Zukunft werden mag. Um anregend zu bleiben, muß man sich anregen lassen. Die Aufregung, das Anstrengende und das Unfertige der Stadt sind deshalb für den nicht mehr ganz jungen Merkur eine Chance, kein Problem. Berlin? Berlin." Seit dem Mauerfall sind hier drei ehrgeizige Verlage gegründet worden. Der Umzug des "Merkur" ist kein schlechtes Zeichen für die geistige Anziehungskraft der Stadt. (ku.)