Sie sind unter anderem anerkannte Experten für Schriftgutachten vor Gericht -- die Dozenten an der Sektion Krimlnalistik der Humboldt-Universität. Besonders gefragt sind sie bei Testamentsüberprüfungen. Ihre Tätigkeit an der Universität endet jedoch in diesem Jahr. Die Sektion ist fast vollständig abgewickelt. Die letzten Vollzeitstudenten verteidigten zum Ende des Sommersemesters ihre Diplomarbeiten, und im Wintersemster werden an der Sektion noch fünf Professoren und Dozenterl beschäftigt sein, um bis zum 31. Dezember den Teilzeitstudenten den Abschluß zu ermöglichen.Zwischen allen StühlenDie Tätigkeit der Stasi zu DDR-Zeiten an der Sektion wurde nicht als Grund für den Abwickungsbeschluß genannt. Fehlender Bedarf, so lautete das entscheidende Argument. Dach welcher Studlengang kann sich rühmen, bei den Absolventen eine Vermittlungsquote von 100 Prozent erreicht zu haben? Nicht einmal der Bedarf des Landeskriminalamtes Brandenburg konnte durch die Ausbildung der Humboldt-Krimlnalisten gedeckt werden. Nach Auffassung des Sektionsdirektors Prof. Horst Howorka wurde der Studiengang abgewickelt, weil er nicht in die Strukturen paßte weder in die universitären, noch in die politischen. Das Fach fiel sozusagen zwischen alle Stühle.Die Kriminalistik war ein interdisziplinärer Studiengang mit 40 Prozent juristischer Ausbildung -- mit Bürgerlichem Recht und Völkerrecht, mit Straf- und Strafprozelrrecht, Polizei- und Ordnungsrecht. Als Jurist zählt aber heute nur der Volljurist mit Staatsexamen. Der andere und überwiegende Teil des Kumlnalistikstudiums bestand, aus naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Dazu gehörten Chemie und Fotografie, Ballistik, Handschriftenund Fingerabdruckuntersuchungen, Informatik und Wahrsc?ieinllchkeitstheorie ebenso wie P~ydiologie, Gerichtsmedizln, Psychiatrie, Kriminalistik und Verrt~ffi~Wgslehre. Spezialisieren konnten sich dle Studierenden u. a. auf Rauschgiftdelikte, Wirtschaftskriminalität, Eigentumsdelikte, Terrorismus, organislerte Kriminalität, Havarien/ Brände, Umweltkrlminalität. Einen Experten ersetzen Diplom-Kriminailsten Inder Praxis jedoch nicht. Andererseits können sie weit mehr als speziell ausgebildete Polizisten.Beurteilt wurde das Studium allerdings immer als Pollzeischulung. Und da die Kriminalpolizei heute Ländersache ist, muß und will jedes Bundesland seine eigenen Beamten auslsilden. An den Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung ist es jedoch nicht möglich, In drei Jahren Spezialisten auszubilden, die dann z. B. Mord- oder Branduntersuchungen leiten könnten. Das erkannte auch die Personal- und Strukturkommission der Humboldt-Universität, als sie 1991 die Studiengänge evaluierte und zu dem Schluß kam: Das Fach muß erhalten bleiben, was sie auch dem akademischen Senat empfahl. Dieser lehnte jedoch ab und formulierte den Abwicklungsbeschluß. Daraufhin wurden keine Studenten mehr immatrikuliert. Die Sektion verblieb an der Juristischen Fakultät. Dlese war, verständlicherweise, so mit sich selbst beschäftigt, daß die Zeit nicht ausreichte, Konzepte zu entwickeln, um den Abwlcklungsbeschluß zurückzunehmen.Ein Funken HoffnungJetzt, da die Sektion langsam verwaist, ist die Stimmung gedrückt, auch wenn fast alle Dozenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter außerhalb der Universität Arbeit gefunden haben. Professor Howorka geht es nicht nur um die Personen, die hier jahrelang erfolgreich lehrten und forschten. "Mich ärgert vor allem, daß die Absolventen weiterhin gebraucht werden", sagt er. In der Schweiz, Großbritannien und den USA werde die wissenschaftliche Ausbildung von Kriminalbeamten gefördert. Ein Funken Hoffnung bleibt bei allen Beteiligten, daß Berlin doch eines Tages Beamte für das gesamte Bundesgebiet ausbildet.