Es gibt Texte, über die viele Menschen reden, ohne sie je gelesen zu haben: Bei der postkolonialen Theoriebildung gilt das für den Klassiker "Can the Subaltern Speak?", einen Aufsatz der indisch-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak. Mit der Frage, ob und wie man sich in einer weitgehend machtlosen Situation artikulieren kann, sorgt er seit 1985 für einigen Wirbel.Ausgangspunkt ist der offenkundige Ärger Spivaks über die Haltung linker Intellektueller, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit beteuern und die subversive Energie unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen beschwören. Darin sieht sie eine Verleugnung der eigenen komfortablen Situation. Akademiker hätten eine viel bessere Sprechposition als Menschen, die in der Dritten Welt auf der Straße leben.Um zu klären, was sie mit "subaltern" meint, stellt Spivak ein indisches Forschungsprojekt vor, das nach bäuerlichen Gruppen fragt, die kein Geschichtsbuch erwähnt. Am Beispiel der Witwenverbrennung zeigt sie die Lage von Frauen, die zwischen lokalen frauenfeindlichen Traditionen und dem Rassismus der Briten keine Chance hätten, sich zu artikulieren. Die einen feiern sie als tugendhafte Heldinnen, die anderen sehen sie als Opfer barbarischer Zustände.Das Fazit ist klar und pessimistisch: "Die Subalterne kann nicht sprechen." Diese harsche Einsicht provozierte Diskussionen über Repräsentation, politische Handlungsfähigkeit und akademische Arroganz. Der Begriff des Subalternen kam trotzdem (oder deswegen?) in Mode und wurde bald für jegliche Form der Unterprivilegierung verwendet.Die gerade erschienene Erstübersetzung des Texts gibt nun auch auf deutsch Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass Spivaks 'Klassiker' kein selbstgerechtes Manifest, sondern ein komplexer, geisteswissenschaftlichen Tugenden verpflichteter Aufsatz ist. Er fordert dazu auf, genau zu lesen, sei es Foucault, Deleuze, Marx, Gramsci, indische "Subaltern Studies" oder Quellen zur Witwenverbrennung, und genau nachzudenken, etwa über den Unterschied zwischen sprechen (speak) und reden (talk). Spivak geht es nicht ums schlichte Reden, sondern um die Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen und damit auch Gehör zu finden.Das Vorwort Hito Steyerls, ein Interview und eine editorische Nachbemerkung machen den Text nicht leichtverdaulich, aber doch so zugänglich, dass man versteht, warum Spivak so nachdrücklich darauf beharrt, dass Menschen von gesellschaftlicher Mitsprache, von der Produktion von 'Wahrheit' und Wissen ausgeschlossen sein können. Und zwar nicht nur zwischen Scheiterhaufen und kolonialer Unterdrückung, sondern überall, jeden Tag und zu 'unserem' Nutzen hier in Europa. Was mit dieser Einsicht anzufangen ist, zeichnet sich ab, wenn Spivak sich von der Frage "Wer-spricht-für-wen" abwendet: "Der Punkt ist meines Erachtens nach eher, wer für wen arbeitet", es gehe ihr darum "das eigene Hinterteil in Bewegung zu setzen" und etwas Konkretes zu tun - mit dem Fernziel den "subalternen Raum" aufzulösen: Neben ihrem Lehrstuhl an der Columbia University arbeitet Spivak in einem Projekt der Lehrerbildung in Westbengalen.------------------------------Foto: Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Aus dem Englischen von Alexander Joskowicz und Stefan Nowotny. Turia & Kant, Wien 2007. 159 S., 15 Euro.