Papa", ruft die siebenjährige Tochter. "Ich habe eine Armbanduhr aus Wien, ein Kleid aus Frankreich, Jeans aus Amerika und ein T-Shirt aus Deutschland. Komme ich da noch aus Rumänien?" Mit dieser Frage enden die "Klasse Typen", eines von zwei Büchern des Rumänen Dan Lungu. "Das Hühnerparadies" heißt das andere. Beide stellen auf überaus amüsante Weise die Frage nach der Identität der Rumänen in Europa. Bettelnde Kinder. Diebesbanden. Korruption. Verwahrloste Waisenheime, Securitate und Dracula. Dies fällt dem durchschnittlichen Europäer immer noch ein, wenn er an Rumänien denkt. Ein aus Angst um den eigenen Besitzstand und rassistischem Ressentiment gespeistes Misstrauen bestimmt das Bild.Lungu spielt mit Klischees und Vorurteilen, führt sie ins Absurde oder Komische. Er seziert die rumänischen Träume vom goldenen Westen und erzählt vom Alltag in der Provinz. Dabei hat Rumänien viel Schönes zu bieten: Faszinierende Landschaft. Die leckersten Tomaten Europas. Guten Fußball.Was aber ist mit der Literatur? Ein Begriff sind uns allenfalls die Emigranten Cioran, Ionescu oder Eliade. Doch wer die Lyrik und die Kunst-Märchen des großen Mihai Eminescu nicht kennen gelernt, wer die atemberaubende rumänische Moderne um Tudor Arghezi, Mateiu Caragiale und Max Blecher nicht wahrgenommen hat, sollte weniger laut von europäischer Kultur reden.Es ist bedauerlich, dass Hilke Gerdes wunderbare Perlentaucher-Kolumne "Post aus der Walachei" eingestellt wurde. In der moldauischen Universitätsstadt Iasi sitzt der Verlag Polirom, Forum neuer rumänischer Literatur. Mit seinem "Club 8" hat der 1969 geborene Lungu dort einen Zirkel junger Autorinnen und Autoren um sich geschart.Einen "falschen Roman aus Gerüchten und Geheimnissen" nennt er sein "Hühnerparadies" im Untertitel. Das Geschehen spielt in der Straße eines Provinzstädtchens. Die liebevoll und ironisch gezeichneten Protagonisten schwanken zwischen anekdotenreichen Erinnerungen an die leidvolle Zeit unter Ceausescu (der in Anspielung auf seine Hinrichtung nur als das "Sieb" oder der "Durchlöcherte" bezeichnet wird) und der postkommunistischen Gegenwart. Früher hatte man Arbeit, doch es gab nichts zu essen. Heute gibt es Supermärkte, aber kaum Geld. Ertragen lässt sich das alles nur mit schwejkschem Humor, viel Fatalismus und durch Brot gefilterten Methylalkohol."Klasse Typen" ist eine Sammlung von Geschichten, in denen sich steife Alteuropäer nach Romania verirren, die Rollen von Mann und Frau im Kapitalismus heftig durcheinander geraten oder von Mafiosi und den Rumänen der Rumänen erzählt wird: den Zigeunern. Die größte Differenz zwischen Ost und West zeigt sich bei der Ernährung. Während Sojaprodukte als cholesterinarmer Fleischersatz den voll gefressenen Westeuropäern immer lieber werden, hassen die Rumänen abgrundtief alles, wo Soja draufsteht. Diente die Bohne doch in den Zeiten der Lebensmittelrationierung als Substitut für fast alles.------------------------------Foto: Dan Lungu: Das Hühnerparadies. Residenz, St. Pölten 2007. 208 S., 17,90 Euro. Foto: Klasse Typen. Drava, Klagenfurt 2007. 187 S., 17,90 Euro.Beide übersetzt von Aranca Munteanu.