"Made in Germany" steht auf den derzeit unübersehbaren Tourplakaten von Rammstein, und das macht nicht nur nachdenklich, weil die Musiker mit einem nationalen Gestus spielen, sondern auch, weil diese Band ja eigentlich aus Berlin kommt. Nur ist es eben so, dass "Made in Berlin" in der Musik nicht unbedingt als Qualitätssiegel gilt. Es sei denn, man macht Techno, da braucht es meist nicht mehr, als in Berlin zu wohnen. Daneben sind Rammstein und Peaches so ziemlich die einzigen internationalen Aushängeschilder. Und dann gibt es noch Seeed. Und Sido. Und Bonaparte. Es ist also alles etwas traurig.Wegen der billigen Mieten sei man in die Stadt gekommen, spricht zwar jeder Nachwuchsmusiker brav in die Diktiergeräte, aber zu einem einzigartigen Berlin-Sound hat das bisher nicht geführt. Berlins Musikszene blieb provinziell und wenig richtungsweisend. Doch gerade jetzt, da es mit den billigen Mieten langsam vorbei ist und die Stadt für Künstler unattraktiver werden wird, erscheint ein Album, von dem man erstmals seit langer Zeit behaupten kann, dass es einen eigenen Sound hat. Einen Sound, der hier entstanden ist und die Geschichte einer Zeit in einer Stadt erzählt - entwurzelt und romantisiert.The Sorry Entertainers heißt die Band. Dahinter steckt DJ Lotti, der sich als Ideengeber und Motivator der Gruppe versteht. Prominente Unterstützung fand er mit Raz Ohara, dem Berliner Dänen, der bedächtige Alben auf dem Label Kitty-Yo aufnahm und mit dem Odd Orchestra viele Anhänger fand. Außerdem dabei: M. Rux, Musiker aus Rostock, der bisher mit der Band Ellenschneider musizierte, und als Gastsänger der Berliner Reecode.Benannt nach einem Stück von Daniel Johnston, dem manisch depressiven Songschreiber aus den USA, waren The Sorry Entertainers ursprünglich zwei DJs, die nach dem Wechsel des Jahrzehnts für zahlreiche alternative Festivals gebucht wurden und auch abseits der Technofloors anfingen, tanzbare Musik zu spielen. Zusammen mit den befreundeten DJ-Teams "Des Wahnsinns Fette Beute" und "Die Goldmunds" standen sie für eine Art von Musik, von der man oft nicht wusste, dass es sie gibt: verschleppte Sounds, gepitchter Dub, langsam abgespielter Techno, dann wieder eine Gitarre und immer der Hang zum traurigen Vocal. Hippie-Elektro vielleicht. Musik, die tanzen lässt, als sei die Wirbelsäule eine Perlenkette.Nach all den Jahren wusste DJ Lotti also sehr genau, welche Musik er nun selbst produzieren wollte und suchte sich technisch versierte Musiker, die es für ihn umsetzen konnten. Auf dem Label Shitkatapult herausgekommen ist nun ein Album, das selbstbewusst mit Sampling umgeht, in einer Zeit, in der Originalität mehr und mehr seine Bedeutung verliert. "Dirty Pop oder Psychedelic Designer Trance", nennt DJ Lotti die Musik, die mal seltsam unfertig klingt und dann wieder überlastet ist wie der Soundtrack zu einem LSD-Trip. In einigen Teilen erscheint es wie die Anrufung einer Fruchtbarkeitsgöttin, in anderen bäumt sich die Musik auf wie Naturgewalten. "Eine Idee des Projektes ist mit der Zeile ,Widen your perception, losing your conception' benannt. Die Möglichkeit, etwas im Ausufernden, in anderen Zuständen zu finden und wahrzunehmen. Das ist wohl typisch für Berlin", sagt Raz Ohara.Disco, SloMo, Breaks, Cosmic Disco, all das kommt in diesem Album vor, das mit Samples aus DJ Lottis Plattensammlung genauso arbeitet wie mit klassischen Instrumenten, die bei Ohara im Studio stehen. Da wird die Stimme von Country- und Folk-Legende Roscoe Holcomb eingeflochten, dann stottert ein Bassfitzel, und eine Stimme erzählt in fremder Sprache. "Ich finde, das Album hat auch etwas Jugendliches. Nicht, dass wir als Jugendliche dieses Album gemacht hätten oder die Jugend von heute ein solches Album machen würde - eher vom Wesen her. In unserer Jugend war HipHop und Samplen das große Ding. Das Album hat auch Züge eines Mixtapes", so Raz Ohara.Der Name des elf Songs umfassenden Albums: "Local Jet Set". Vielleicht ein Gegenentwurf zum "Easyjetset", wie man die Massen nannte, die in den letzten Jahren mit den Billigfliegern auf Berliner Tanzflächen flogen. Die Soundtüren stehen weit offen, und doch klingt es intim. Es ist der Sound einer Stadt voller Stein, in der immer mehr Tanzflächen aus Holz gebaut werden, einer Stadt, die Sehnsucht nach Land hat. Es ist seit langer Zeit das erste Album aus Berlin, das Thesen aushält.-----------------------The Sorry Entertainers: Local Jet Set(Shitkatapult/Alive)------------------------------Foto: Die Musik der Sorry Entertainers klingt nicht halbwegs so traurig, wie deren bärtige Schöpfer gucken: Samplingmeister DJ Lotti (links), M. Rux von Ellenschneider (Mitte) und der Berliner Däne Raz Ohara (rechts) haben den Sound von Berlin auf ein Album gebannt.