Sie hat die Gesichter der Macht porträtiert - Roosevelt, Churchill und Stalin. Und Gandhi neben dem Spinnrad, 1947. Als er im Jahr darauf ermordet wird, reist Margaret Bourke-White (1904-1971) immer noch durch Indien und Pakistan, um Unruhen, Massengräber und vertriebene Moslems zu fotografieren. Sie hat sich zuvor mit Gandhis Familie angefreundet und darf deshalb das Haus betreten, in dem der Tote aufgebahrt ist. Unter einer Bedingung: ohne Kamera. Bourke-White schmuggelt trotzdem eine hinein, mit grellem Blitzlicht gelingt ihr eine Aufnahme, dann wird sie hinausgeworfen.In Richard Attenboroughs Gandhi-Biografie von 1982 spielt Candice Bergen die (übrigens ungerührt erneut um Einlass ersuchende) Fotografin, deren unsentimentale und kein bisschen krankenschwesternhafte Haltung man zu dieser Zeit gern als "unweiblich" klassifizierte. Margaret Bourke-White - der man in diesem Fall wohl tatsächlich Gefühlskälte vorwerfen könnte - wird noch 1986 von ihrer ersten Monografin, Vicki Goldberg, genüsslich als arrogant und manipulativ beschrieben. Das hingebungsvolle berufliche Engagement der Mitte der 50er-Jahre an Parkinson erkrankten Fotografin muss laut Goldberg bloß den emotionalen Mangel kompensieren, der durch Kinderlosigkeit entstanden sei. Zu ehrgeizig für eine Frau!, lautet ihr piefiges Verdikt, das man heutzutage zwar mit spitzen Lippen zitiert würde - das aber nach wie vor seine Rolle spielt. Grundsätzlich steht Margaret Bourke-Whites Werk dem von Walker Evans, W. Eugene Smith, James Agee oder Robert Capa keineswegs nach. 1941 beispielsweise fotografiert sie Moskau unter Bombardement, das Dokument gilt als eine der großen Taten des Bildjournalismus: Über den unwiderbringlichen Moment und seinen Schrecken hinausgehend, überziehen die Leuchtspuren der langsam fallenden Bomben das scharf kontrastierte Nachtstück mit einer kristallinen, an Feiningers Gemälde erinnernden Struktur.Sie ist genauso politisch-sozial interessiert wie ihre männlichen Konkurrenten - und wie jene auch ein wenig pathetisch in dem damals noch unwiderlegten Glauben, mit der Fotografie die Wahrheit mitteilen zu können; sie ist genauso versiert in der Komposition der Bildlinien; genauso fasziniert von den neuen technischen Möglichkeiten. (1925 bringt Leica die erste Kleinbildkamera auf den Markt, um 1930 folgt Rolleis erste Spiegelreflexkamera - die Fotografie kann beweglicher, dokumentarischer werden.) Aber Bourke-Whites Reputation in der Kunstwelt ist karger als die ihrer Bildreporter-Kollegen, deren Arbeiten heute regelmäßig in Museen gezeigt werden. Ihre Wertschätzung ist geschmälert durch den Hinweis, sie habe als eine der ersten Frauen Erfolg auf dem von Männern geprägten Feld des Fotojournalismus erzielt - und dafür als Werbemaßnahme stets die eigene, faszinierende Persönlichkeit eingesetzt. Eine Aufnahme Oscar Graubners von 1934 zeigt Bourke-White in schwindelnder Höhe; sie sitzt auf einem der gefährlich glatten Adlerköpfe unterhalb des Turms vom Chrysler Building - so kühl und kühn, wie es ihr Motto ist: "I will be a success".In Kooperation mit den beiden Agenturen Contrasto (Rom) und Focus (Hamburg) präsentiert c/o Berlin nun die erst zweite Einzelausstellung in Deutschland. 60 neu vergrößerte Aufnahmen beweisen, dass die zugegebermaßen großen Gesten dennoch nichts vertuschen müssen. Auch Margaret Bourke-Whites heroische Pose vor einem Bomber der US-Luffwaffe ist alles andere als Angeberei - tatsächlich ist sie die erste weibliche Kriegskorrespondentin im Dienste der US Air Force. Sie fliegt einen Angriff auf das deutsch besetzte Tunis mit, sie erlebt noch vor Kriegende das zerstörte Köln. Im März 1945 ist sie Augenzeugin bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald: Sie sieht Berge ausgemergelter Leichen - und fotografiert Menschen, die nicht anders können als wegsehen. Es ist derselbe ernste Blick, mit dem sie auch den Selbstmord eines NS-Funktionärs und seiner Familie festhält - bei Margaret Bourke-White gibt es keine Genugtuung wie etwa bei Dorothea Lange, die zwei von befreiten Häftlingen böse zugerichtete KZ-Wärter abbildet.Die gebürtige New Yorkerin hat ihre Karriere allerdings weniger couragiert denn technikverliebt begonnen, nämlich als Architektur- und Industriefotografin. Bourke-White heuert 1930 bei dem Magazin "Fortune" an, 1936 wird sie von "Life" abgeworben und fotografiert dessen erste Titelgeschichte: den Bau des Staudamms von Fort Peck in Montana. Diese frühen Aufnahmen sind im neu sachlichen Zeitgeschmack verfertigt, erinnern aber zugleich an den russischen Konstruktivismus: Röhren und Wasserkraftwerke werden zu modernen, in Untersicht noch gigantischer wirkenden Monumenten der Arbeit. Bourke-White sieht in Stahlblechen wie auch in frisch gepflügten Äckern die dynamische, geometrische Struktur, ihre "Karottenmädchen" scharen sich so adrett ums Handwaschbecken, dass alle althergebrachte Schufterei hinter heroischen Gesten verschwindet. Der technisch-wirtschaftliche Aufschwung Amerikas aber reißt sie nicht lange mit. In den späten 30er-Jahren bereist Bourke-White mit ihrem späteren Ehemann, dem Autor Erskine Caldwell, die Südstaaten. Der berühmt gewordene Bildband "You Have Seen Their Faces" erzählt wiederum von Arbeit, ohne sie zu zeigen - doch wie hart und schmutzig sie tatsächlich ist, das zeigen die Gesichter der Landarbeiter.Margaret Bourke-White // I will be a success war das Motto von Margaret Bourke-White (1904 - 1971). Die Amerikanerin hatte als eine der ersten Frauen Erfolg auf dem bislang von Männern geprägten Gebiet des Fotojournalismus. Sie wurde Ende der 20er-Jahre zunächst durch Architektur- und Industriefotografie bekannt.Im Jahr 1936 wurde sie von der neuen Zeitschrift "Life" engagiert, ihr Interesse richtete sich bald zunehmend auf die Menschen hinter den Maschinen.Während der Zweiten Weltkriegs begleitete sie als Korrespondentin für "Life" die US Air Force, 1945 war sie bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald dabei.60 neu vergrößerte Fotografien sind bis zum 23. Juni bei c/o Berlin (Linienstr. 144, Mi-So 12-20 Uhr) zu sehen. Eintritt drei, ermäßigt zwei Euro.Informationen im Internet: www. co-berlin. de MARGARET BOURKE-WHITE/LIFE Monumente der Moderne: Wasserkraftwerk in Fort Peck (Montana), 1936.

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