Der große Gatsby" ist eines der berühmtesten und schönsten Romane Amerikas. So leichthin das 1925 erschienene Buch von F. Scott Fitzgerald auch geschrieben scheint, so mühelos dahingleitend es ins Hirn dringt, gehört es doch zu den großen Werken der Literatur, die einen Menschen verändern können. Der für seinen Jet-Set-Lebensstil in den Zwanzigerjahren auch in den Klatschspalten beliebte F. Scott Fitzgerald hat mit der Geschichte des neureichen, freigebigen, träumerischen Gastgebers und Partylöwen Jay Gatsby eine luftige Fassung des amerikanischen Traums geschrieben, so zart und so bitter, dass man davon ganz benommen wird.Fitzgerald, opulent verdienend mit Kurzgeschichten für die Saturday Evening Post, aber dennoch auf viel zu großem Fuß lebend, erfand eine Figur aus seinem Milieu und verdichtete sie zu einem Sohn Gottes, wie es an einer Stelle heißt, zu einem Menschen, der sich und seinen Namen selbst erfindet: Gatsby ist ein charmanter Hochstapler. Unendlichen Reichtum schafft er auf dunklen Wegen herbei; alles, was im mondänen New York Rang und Namen hat, lädt er an jedem Wochenende auf sein kitschiges Schloss am Long Island Sund. Und wozu? Weil er hofft, auf diesem Wege seine große Jugendliebe aus unermesslich reichem Elternhaus wiederzugewinnen. Ein Liebling, der am Ende von allem und allen verlassen ist.Gatsby wird vom Erzähler ausdrücklich verachtet, zugleich aber mit so viel Zärtlichkeit und Anteilnahme beschrieben, dass dieses Kunststück literarischer Gerechtigkeit zu Recht als ein Sprachwunder gilt. Unzählige amerikanische Schriftsteller, darunter so gegensätzliche wie Raymond Chandler, Ernest Hemingway, Richard Yates und John Irving, haben von Fitzgerald gelernt, haben sich wieder und wieder gerade über seine ganz einfachen Sätze gebeugt, nach verborgenen Tricks und Kniffen gesucht und haben doch nie eine abschließende Antwort auf die Frage gefunden: Wie hat er das bloß gemacht?"Der große Gatsby" liegt derzeit in zwei Fassungen auf Deutsch vor. Neben der Diogenes-Taschenbuchausgabe in der Übersetzung von Walter Schürenberg aus dem Jahr 1953 gibt es seit wenigen Wochen bei Diogenes eine Neuübersetzung von Bettina Abarbanell. Die 45-jährige, in Potsdam lebende Abarbanell, die bereits mit hervorragenden Übersetzungen von Jonathan Franzen und Denis Johnson Aufmerksamkeit fand, hat endlich den traurigen Aufsteiger Gatsby in seiner ganzen trügerischen Größe ins Deutsche gebracht. Leicht war das nicht.Zu Fitzgeralds Kunst gehört das kaum merkliche Anschrägen der Logik. An einer Stelle beginnt der Hochsommer vor den Tankstellen: "Already it was deep summer on roadhouse roofs and in front of wayside garages ..." Bettina Abarbanell gibt das exakt wieder: "Es herrschte schon Hochsommer auf den Dächern der Raststätten und vor den Tankstellen am Straßenrand, wo neue rote Zapfsäulen inmitten von Lichtlachen standen ..." Die ältere Übersetzung Schürenbergs hingegen glättet den Text zu einem Allerweltsdeutsch, in dem es nun, logisch richtig, überall zugleich Sommer wird: "Es war nun schon richtig Sommer. Die Wärme legte sich auf die Hausdächer und vor den Garagen an der Landstraße standen neue rotgestrichene Gasolinpumpen in strahlender Helle." Die Differenz mag manchem gering erscheinen, sie macht aber den Unterschied zwischen Literatur und Wetterbericht aus.Es gibt bei Fitzgerald kein Pathos, nicht einmal leises, gut verstecktes. Mit einer Ausnahme: Als Gatsby endlich seine geliebte Daisy nach vielen Jahren der Trennung in seinem Palast empfängt, bemerkt der Erzähler: "Kein Feuer und kein noch so frischer Wind vermag es mit dem aufzunehmen, was ein Mann in seinem gespenstischen Herzen aufbewahrt." Das ist kühn, knapp und trocken; noch trockener geht es nur im amerikanischen Original: "No amount of fire or freshness can challenge what a man can store up in his ghostly heart." Wie man aus diesem formal unkomplizierten Satz ein so verquastes Gebilde machen kann wie Walter Schürenberg in der älteren Übersetzung, lässt sich nur mit dem großen Bedarf der deutschen Leser der Fünfzigerjahre nach gehobener Wolkigkeit erklären: "Alle Glut und alle lebendige Frische reichen nicht aus, es mit den himmelsstürmenden Traumgebilden aufzunehmen, deren ein Männerherz fähig ist."Schürenberg hat das Original nach Kräften angedickt, die "himmelsstürmenden Traumgebilde" hinzuerfunden, um Fitzgeralds Satz die Brutalität zu nehmen, mit der der ernste Satz in das artige Idyll in Gatsbys Musikzimmer hineinplatzt. Diese Verknappung ist typisch für Fitzgerald; der Übersetzer wollte sie abmildern und den Geschwindigkeitswechsel abpuffern; deshalb machte er den Satz absichtlich geschwätzig. Das Adjektiv "ghostly" ließ er stattdessen weg. Schürenberg wollte seinen Lesern und seinem Verleger die allgemeine Aussage, dass das Herz eines Mannes gespenstisch sei, offenbar nicht zumuten. Stattdessen bemüht er die trivialen "himmelsstürmenden Traumgebilde", zu denen ein Mann in seiner Lesart auch nur potenziell "fähig ist". Das hat mit Fitzgeralds Buch nun gar nichts mehr zu tun.Die respektlose Einebnung der Eigenheiten Fitzgeralds zu Gunsten eines verschnörkelten Liebesromandeutschs kommt interessanterweise dem Plot entgegen: In der Übertragung durch Bettina Ababarnell ist Fitzgeralds Sprache dagegen wieder so schön, dass man darüber die Handlung immer wieder vergisst. Man überlässt sich der Perfektion des sprachlichen Klangs, die ganz der traurigen Raffinesse entspricht, mit der Jay Gatsby seine Lebenslügen inszeniert. Und man überlässt sich der anmutigen Höflichkeit, die Fitzgeralds Beschreibung korrupter Seelen auszeichnet. Wie sie wetteifert mit seiner glasklaren Präzision! Wer unerbittlich genau sein will, wusste Fitzgerald, der muss sehr dezent sein, gespenstisch dezent.In dieser Balance aus Nachsicht und Genauigkeit, aus Eleganz und Ehrlichkeit hat Fitzgerald etwas Großes geschaffen: Moral ist ihm eine Frage des Stils, des Lebens-, vor allem des Sprachstils.------------------------------F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Diogenes, Zürich 2006. 248 S., 19,90 Euro.------------------------------Foto: Moral ist vor allem eine Frage des Stils. Robert Redford als Jay Gatsby in der Verfilmung von Jack Clayton 1974.