Wie ein "Knäuel Eidechsen" springt ihm am 22. Juni 1941 Geschrei in deutscher Sprache aus dem Radio entgegen, schreibt Abraham Sutzkever. Das konnte nur eines bedeuten: Die Deutschen greifen Litauen an. Eine Seite weiter notiert er bereits: "Deutsche Flugzeuge schwirren hernieder wie Heuschrecken. Sie machen Jagd auf einzelne Menschen."Mit dem Einmarsch der Deutschen wächst Sutzkever eine Aufgabe zu, um die er sich nie beworben hat. Er, geboren 1913 im weißrussischen Smorgon, Absolvent eines hebräisch-jüdischen Gymnasiums in Vilnius, Gasthörer von Literaturvorlesungen der dortigen Universität, sah seine Zukunft eigentlich als Dichter. Seinen etwa gleichaltrigen Kollegen war seine Lyrik zwar nicht klar, nicht politisch genug. Denn der junge Sutzkever schätzte das Groteske, den sprachlichen Effekt, was zunächst nur von einer in New York erscheinenden Zeitschrift goutiert wurde. "Poesie ist die Gestaltung von innerem Chaos", schrieb Abraham Sutzkever 1939 in einem Brief. Da lebte er in Vilnius noch im Frieden. Oder in Wilne: die Stadt, die von den Litauern Vilnius, den Deutschen Wilna, den Juden Wilne und den Polen Wilno genannt wurde, war die Heimat mehrerer Völker und galt wegen der jüdischen Kultur als Jerusalem des Nordens.Das äußere Chaos, in das die deutschen Besatzer und ihre willigen litauischen Helfer die Juden in Vilnius stürzen, zwingt Sutzkever zu einem anderen Stil. "In den örtlichen Zeitungen erschienen schauerliche Artikel über Juden. Das ganze Gift der deutschen Propaganda, seit langen Jahren vorbereitet, drang in die hiesige Presse, wo faschistische Agenten mitarbeiteten - deutsch-litauische Nationalisten." Sutzkever setzt seine Aufzeichnungen dagegen. Das sprachliche Experiment interessiert ihn nicht mehr, nur noch der treffendste Ausdruck für das, was geschieht, was er sieht, was er hört, was er durchleidet und was andere ertragen müssen: Abraham Sutzkever wird mit seiner Prosa zum Chronisten der Unterdrückung und Vernichtung der Juden von Vilnius. Und während viele um ihn herum noch hoffen, die kulturvollen Deutschen könnten keine Schlächter sein, während sie den Berichten von Massen-Erschießungen im Wald von Ponar (Panerai) nicht glauben und nur an Arbeitslager oder Haft der Vermissten denken wollen, lässt er sich nicht einlullen, sondern trägt die Fakten zusammen. Er lässt Zeugen sprechen und berichtet aus eigenem Erleben, wie seine Mutter an den Haaren über die Straße geschleift wird oder wie er ins Krankenhaus kommt, um seine Frau und seinen Sohn nach der Entbindung zu begrüßen: Da ist das Neugeborene bereits tot, denn Juden war es nicht erlaubt, Kinder zu bekommen. Er legt Zeugnis ab vom Widerstand, berichtet von Bauern, die Juden verstecken und vom Waffenschmuggel ins Getto, wo die Bewohner versuchen, mit einem Aufstand den Nazis zu trotzen. Dennoch: "Am 23. September 1943 erfolgte die endgültige Liquidierung des Wilner Gettos." In Ponar erlassen die Deutschen dann den Befehl, die Leichen der mehr als 100 000 Ermordeten zu verbrennen.Abraham Sutzkever und seiner Frau gelingt die Flucht. Der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg holt ihn nach Moskau und bittet ihn, an einem Schwarzbuch über die Unterdrückung und Vernichtung der Juden mitzuarbeiten. Der Auftrag wird bald wieder zurückgezogen. Dennoch erscheinen Sutzkevers Getto-Aufzeichnungen 1946 in Moskau und kurz darauf - ungekürzt - auch in Paris.Jetzt erst, siebzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, liegt Abraham Sutzkevers Hauptwerk auf Deutsch vor. Der Leipziger Übersetzer Hubert Witt hat es akribisch aus dem Jiddischen übertragen und mit einem Nachwort versehen, wohl wissend, dass Sutzkever lange nicht an einer Ausgabe in der Sprache der Mörder interessiert war. Immerhin gab es häppchenweise Publikationen seiner Gedichte und Stücke in den letzten Jahren. Doch erst der ambitionierte, sorgsam gestaltete Doppelband mit den Aufzeichnungen aus dem "Wilner Getto 1941-1944" und den Gedichten "Gesänge vom Meer des Todes" kann der Leistung des Dichters wirklich gerecht werden, zeigt die Kombination von beiden Büchern doch, wie wichtig dem Autor neben dem reporterhaften Augenzeugenbericht die sprachliche Bewältigung des Erlebten war.Denn während er im Getto-Bericht die neuesten Maßnahmen der Deutschen aufzählt, schreibt er etwa im Poem "Drei Rosen" 1942: "Die Zeit auf meiner Zunge hat den Sinn verloren." Das klingt nach Resignation. Später, im Juli 1944, als von den Getto-Bewohnern nur noch ein kleines Häuflein übrig ist, packt er das Grausame in die scheinbar harmlosen, liedhaften Verse des Gedichts "Erfrorene Juden": "Sahst du auf Feldern, vereist und verschneit,/ erfrorene Juden aufgereiht?/ ohne Atem, marmorn, in blauem Licht./ Doch alle Leiber - tot sind sie nicht./ Ob auch erfroren, es funkelt der Geist/ wie ein goldener Fisch, in der Woge vereist."Der Zeitzeuge Abraham Sutzkever trat am 27. Februar 1946 vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg auf. In einem kurzen Gedicht, das er nach seiner Aussage schrieb, heißt es "Mein Volk, du musst dich für dein Schwert entscheiden,/ wenn Gott zu schwach ist für Gerechtigkeit." Im Jahr darauf wanderte er nach Palästina aus. Jahrzehntelang gab er eine Zeitschrift für jiddische Literatur heraus. Heute lebt er in einem Pflegeheim in Tel Aviv.------------------------------Foto: Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941-1944. Gesänge vom Meer des Todes. Aus dem Jiddischen von Hubert Witt.Ammann, Zürich 2009. 270 und 190 S., 32,95 Euro.Foto: Die Mauern schweigen nicht mehr vom Getto in Vilnius, dank der Übersetzung von Sutzkevers Erinnerungen.