„Ein einfaches Moratorium ist mit Sicherheit keine Antwort“, verkündete die Kanzlerin nach einer Klausurtagung des CDU-Vorstands in Erfurt. In den Tagen zuvor hatte die CSU gegen den Bau von Stromtrassen Stimmung gemacht, der als Voraussetzung für die Energiewende gilt. Neue Verhandlungen seien nötig, zwischenzeitlich müssten die Vorbereitungen für den Trassenausbau gestoppt werden, hieß es von der CSU. Als sich EU-Energiekommissar Günther Oettinger dagegen verwahrte, warf ihm Ministerpräsident Horst Seehofer via Bild-Zeitung „Geschwätz“ vor. Einmal mehr inszenierte sich Seehofer als Anwalt der Bürger, nicht zufällig kurz vor den bayerischen Kommunalwahlen im März. In vielen Kommunen, in deren Umkreis die Trasse mit riesigen Strommasten gebaut werden soll, gibt es heftige Proteste. Neben der Sorge um Grundstücksentwertung spielen auch gesundheitliche Bedenken eine Rolle.

Die Kanzlerin reagierte mit leichter Verzögerung, kühl aber gleichzeitig bemüht, Seehofer eine Brücke zu bauen. Es gebe große Übereinstimmung mit Seehofer, dass es eine neue Netzstruktur geben müsse, wenn Deutschland auf erneuerbare Energien umsteige, sagte Merkel. Dafür sei dann aber der Bau mehrerer großer Stromtrassen quer durch das Land notwendig und dieser müsse vorangetrieben werden. Es gebe zwar noch einige Unsicherheiten und sich stetig verändernde Rahmenbedingungen. Klar sei aber: „Die großen Trassen bleiben so erhalten.“ Auf einen absoluten endgültigen Plan könne man nicht warten: „Wir können nicht erst 2018 anfangen.“ Die Unsicherheiten müssten im Gespräch mit den Bürgern benannt werden.

Für Seehofer hieße das also: Nicht bremsen, sondern erklären. Sie sei darüber „in gutem Gespräch mit Horst Seehofer“, sagte die Kanzlerin. Sie betonte, dass sie vom CSU-Chef das Wort „Moratorium“ ja gar nicht gehört habe. Das habe nur dessen Staatskanzleichefin Christine Haderthauer gefordert. Die ist allerdings schon im Auftrag ihres Herrn unterwegs. Mag sein, dass Seehofer die Handreichung Merkels nutzt.

Jedoch hat er erklärt, er werde sich von Oettinger „und anderen Ortsunkundigen“ nichts sagen lassen. Unklar ist, ob er die Kanzlerin zu diesem Personenkreis zählt.

Die CDU beschäftigte sich auf ihrer Klausur weniger mit Seehofer als mit ihrem Europawahlprogramm. Der Wahlforscher Matthias Jung empfahl der Partei, ihre politischen Botschaften in möglichst einfacher Sprache zu formulieren. Ihr 77-seitiges Wahlprogramm hat die Partei allerdings bereits vorher geschrieben. Zumindest der Titel ist einfach: „Für ein starkes Deutschland in einem starken Europa“. Und Merkel befand, auch sie selber sei durchaus fähig, einfache Sprache zu verwenden – „wenn’s drauf ankommt.“ Den Streit um die Energiewende können die Koalitionsleute bei einer Koalitionsrunde 18. Februar im Kanzleramt fortsetzen, mit welchen Vokabeln auch immer.