Enge Zusammenarbeit der Mediziner seit 1991 / Ärzte-Ausbildung im Virchow-Klinikum in Wedding: Berlin und Moskau kooperieren bei Krebstherapie: Acht von zehn Kindern mit Leukämie werden geheilt

Der Fünfjährige im Krankenbett sieht aus, als sei er nicht von dieser Welt: Sein Schädel ist kahl, der Blick teilnahmslos, sein Kopf viel zu groß für den Kinderkörper, der bis auf die Knochen abgemagert ist. Wimmernd krümmt sich der Junge zusammen, als die beiden Ärzte sein Zimmer im Morosow-Krankenhaus in Moskau betreten. Weiße Kittel bedeuten Schmerz für den leukämiekranken Artjom, doch diesmal fürchtet er sich umsonst. Oberarzt Andrej Timakow führt lediglich seinen deutschen Kollegen Günter Henze durch die neue Station. An Artjoms Bett zeigt er den Infusiomaten, aus dem die Chemotherapie in die Venen des Jungen tröpfelt.Die Gunst der Stunde genutztArtjoms Überlebenschancen stehen gut. Acht von zehn Kindern, die an akuter lymphatischer Leukämie erkranken, werden mittlerweile in Moskau geheilt. Bis 1991 sind mindestens acht, oft sogar zehn von zehn Kindern gestorben. Zwei Moskauer Ärzte und ein Berliner Professor, eine Hilfsorganisation und ein Bürgermeister haben die Statistik auf den Kopf gestellt.Seit sieben Jahren arbeiten Moskau und Berlin bei der Behandlung leukämiekranker Kinder zusammen. Die neue Station krönt diese Kooperation. So eine Abteilung gibt es in ganz Rußland nicht noch einmal, sagen die Ärzte. Und damit meinen sie nicht nur die technische Ausstattung, die auf dem neuesten Stand ist. Sie loben auch die frisch tapezierten Wände, den makellosen Bodenbelag, die sanitären Anlagen aus schneeweißem Porzellan. Das ist in Rußland beileibe kein Standard. Dort bekommen öffentliche Krankenhäuser seit Jahren kein Geld mehr für medizinische Geräte oder gar für eine Renovierung. Die Patienten müssen häufig an Infektionen sterben, die sie sich erst in der Klinik zuziehen. Allein zehn Millionen Rubel, das sind rund 3,3 Millionen Mark, hat die Sanierung der hämatologischen Pädiatrie-Abteilung gekostet. Hinzu kamen drei Millionen Dollar, rund 5,4 Millionen Mark, für die Medizintechnik. Das Geld stellte der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow zur Verfügung. Er versteht es, sein Budget nicht nur mit Steuergeldern zu füllen, sondern auch mit großzügigen Spenden der vielen Neureichen.Luschkow hatte den jungen Krebsarzt Timakow 1994 bei einem Berlin-Besuch kennengelernt. Timakow lernte damals bei Professor Günter Henze im Virchow-Klinikum, wie in Deutschland Leukämie bei Kindern therapiert wird. Der russische Arzt nutzte die Gunst der Stunde: Während einer Visite des Moskauer Bürgermeisters bei seinem Berliner Amtskollegen wies Timakow Luschkow im Beisein von Eberhard Diepgen und dessen Frau auf die katastrophale Lage in der Moskauer Klinik hin. Zurück in Moskau erbat der Arzt einen weiteren Termin bei Luschkow, und dieser sagte die Finanzierung zu.Dank der High-Tech-Station hat sich der erst 31jährige Onkologe Timakow jetzt mit einem Satz aus dem Schattendasein eines russischen Krankenhausarztes in den Olymp der Kinderkrebs-Mediziner katapultiert. Um seinen wissenschaftlichen Anspruch zu manifestieren und um die Station im Kollegenkreis vorzuführen, hat er in dieser Woche einen kleinen Kongreß in der Klinik organisiert. Stargast war sein Berliner Mentor Günter Henze. Der Kinder-Onkologe bildet nicht nur regelmäßig russische Ärzte aus, er erarbeitete auch eine auf Rußland abgestimmte Behandlungsmethode für akute lymphatische Leukämie bei Kindern. Henze und Aleksandr Karatschunski, der erste Gast-Arzt aus Moskau, schreiben 1991 das sogenannte Moskau-Berlin (MB)-Protokoll. Es setzt weniger Medikamente ein, als die herkömmliche Methode, die Kinder verbringen weniger Zeit im Krankenhaus und bekommen weniger Infektionen bei gleichem Behandlungserfolg.Um das MB-Protokoll praktisch umsetzen zu können, sammelte die Schöneberger Hilfsorganisation "Kontakte" Geld in ganz Deutschland. Mehr als drei Millionen Mark sind im Laufe der Jahre zusammengekommen, die in Moskau und fünf weiteren Städten Rußlands verteilt wurden. "Krebs bei Kindern ist ein Thema, das die Menschen berührt", sagt Henze. Und Leukämie ist der häufigste Krebs bei Kindern. Rund 60 Neuerkrankungen gibt es jährlich in Moskau. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler eine Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich vor zwölf Jahren, am 26. April 1986, ereignete. Henze glaubt nicht an diesen Zusammenhang, viele Spender schon.Ihr Geld wird in jedem Fall in Rußland gebraucht, denn Timakows Erfolgsstory im Morosow-Krankenhaus wird sich kaum wiederholen. Der Ehrgeiz des Krebsarztes ist ungebrochen. Während ein teures Röntgengerät noch ungenutzt auf dem Stationsflur steht, träumt er schon von Apparaten für Knochenmark-Transplantationen, eine Therapie, die nur bei wenigen Leukämie-Patienten nötig wird. Hauchdünne WändeMitglieder des Vereins Kontakte haben zu Timakows Konferenz in dieser Woche Bilder eines Berliner Künstlers mitgebracht. Sie sind für den kahlen Flur in der Kinderstation gemalt worden. Doch die mehr als ein Dutzend Werke mit Motiven aus russischen Märchen bleiben vorerst im Büro von Timakow. Denn die Flurwände sind Attrappen. Sie bestehen aus hauchdünnen Brettern. Spenden für die leukämiekranken russischen Kinder an: "Kontakte", Feurigstraße 19, 10827 Berlin, Kto-Nr. 25 04 64 04 bei der Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00.