TEL AVIV. Gäbe es einen Wettbewerb für strahlendes Lächeln, Ennue könnte ihn glatt gewinnen. Überhaupt ist Ennue Shimrit Kassa, 32, eine ungemein freundliche Person, mit viel Lust am Leben. Wenn man sie mit ihrem lockigen Wuschelkopf sieht, fällt es schwer, sich dieses nette Kindergesicht zornig vorzustellen. Doch Ennue weiß nur zu gut, wie es ist, wenn einen Wut erfüllt. Es gab Zeiten, da wusste sie kaum wohin damit.Manchmal wäre sie am liebsten wieder weggegangen aus Israel. Aus Trotz gegen die Regierung, die äthiopische Immigranten von oben herab behandelte. Aus Enttäuschung über den jüdischen Staat, auf den sie und die ihren doch ihre Hoffnungen gebaut hatten. Ärger verspürte sie auch über die Eltern, für die sie als Kind Formulare ausfüllen oder Telefonate erledigen mussten, weil die Älteren im fremden Land nicht zurechtkamen. "Ständig hatte man das Gefühl, ihnen helfen zu müssen", schildert Ennue die Jahre, in denen sie sich nirgendwo zugehörig fühlte.Es hat lange gedauert, bis Ennue Israel als ihre Heimat empfand. So richtig gelang ihr das erst im kosmopolitischen New York, wohin sie sich, damals gerade Anfang zwanzig, für ein paar Jahre abgesetzt hatte. Plötzlich zog es sie wieder zurück, nach Israel. Heute lebt sie in Tel Aviv, studiert an der Bar-Ilan-Universität internationale Beziehungen, arbeitet nebenher fürs Radio, hat einen polnisch-jüdischen Freund und sagt: "Hier ist mein Zuhause und niemand kann das ändern."Eigentlich ist Ennue Shimrit Kassa ein Musterbeispiel der israelischen Einwanderergesellschaft, eine Erfolgsgeschichte. In ihrem Fall begann sie in einem äthiopischen Dorf, 90 Prozent der Nachbarn waren Analphabeten. Enden wird sie wahrscheinlich in einer vielversprechende Karriere in Tel Aviv. Ennue hört so etwas nicht gerne. So stolz sie auf sich selbst ist.Manche Erinnerung verfolgt sie noch immer bis in den Schlaf. Zum Beispiel die Bilder vom täglichen Sterben im Lager von Khartum, in dem die Familie auf der Flucht ein Jahr Zwischenstation machen musste. Sie verlor dort ihren kleinen Bruder und einen Cousin. Die ältere Schwester entkam dem Tod nur knapp. Fast jeder litt an Malaria und Typhus. Fünf, sechs Jahre alt war Ennue damals. Außerdem vermisste sie schrecklich ihre Großeltern, die in Gondar zurückblieben, weil sie sich die weite Reise ins "Heilige Land" nicht zutrauten.Mitten in der Nacht, es muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein, waren die Eltern mit Ennue und ihren fünf Geschwistern aufgebrochen. Einen Monat ging es zu Fuß durch die Wüste, Richtung sudanesische Grenze. In Khartum organisierten Agenten des Mossad, des israelischen Auslandgeheimdienstes, die Ausreise der jüdischen Flüchtlinge in kleinen Gruppen und per Flugzeug. 8 000 von ihnen wurden in jenen Jahren in der sogenannten Operation Moses nach Israel gebracht. Etwa 4 000 andere waren vorher, auf dem entbehrungsreichen Gewaltmarsch, umgekommen. In Äthiopien hatten sie sich bedroht gefühlt und die Sehnsucht nach den gelobten Land war übermächtig.In der Provinz Gondar hatte jeder äthiopische Jude von der Aliya, dem "Aufstieg" nach Israel geträumt und inbrünstig Lieder über Jerusalem gesungen. Die Realität nach der Abkunft ernüchterte. In Israel wurde die Familie in ein Aufnahmezentrum in Safed, nahe der libanesischen Grenze, gesteckt. Doch die schwarzen Einwanderer blieben Fremdkörper. 1984 verlangten die Rabbinate von den äthiopischen Männern, sich inspizieren zu lassen, um sicherzustellen, dass sie auch beschnitten seien. Die Frauen sollten zum Beweis ihres Jüdischseins in die Mikwe steigen, das rituelle Reinigungsbad. Unter den Immigranten löste das einen Aufruhr aus. "Wir packen", hieß es, wieder mitten in der Nacht, erinnert sich Ennue. "Dass ihre Identität angezweifelt wurde, hat meine Eltern tief beleidigt." Beladen mit Koffern marschierten alle zum Berg Har Meron. Die Protestaktion hatte Erfolg, das Nachweisverfahren wurde gestoppt.Später zogen die älteste Schwester und deren Mann nach Ofra, eine jüdische Siedlung bei Ramallah in der Westbank. Der Rest der Familie tat es ihnen nach. Man wollte endlich eine normale israelische Existenz aufbauen. "Meinem Vater ist es nicht in den Sinn gekommen, dass Ofra ein Problem sein könnte", erzählt Ennue. "Nach dem langen Weg ins gelobte Land hielt er es für sein gutes Recht, sich überall niederzulassen." Den Begriff Intifada kannte noch keiner. Ihr Vater ging gerne zu den palästinensischen Bauern, um sich mit ihnen über Hühner und Ziegenzucht zu unterhalten, während sie schwarzen arabischen Kaffee nippten. Mit ihrem ländlichen Leben konnte er mehr anfangen als mit dem modernen, technologisch fortgeschrittenen Israel.Umgekehrt verhielt es sich ähnlich. Staatliche Behörden schickten die meisten äthiopischen Kinder im Alter von zwölf Jahren in Internate. Man traute den Eltern keine "richtige" Erziehung zu. Ennue kam in ein Heim nach Haifa. Achtzig Prozent der Schüler waren schwarz wie sie, die anderen kamen aus zerbrochenen Verhältnissen. "Im Hinterkopf wusste man, dass die Lehrer uns für schwierig hielten", erinnert sich Ennue. "Ich merkte, nicht meine Eltern haben zu entscheiden, sondern nur das Erziehungsministerium. Das hat eine unglaubliche Kluft zwischen Eltern und Kindern geschaffen."Als Ennue in der zehnten Klasse war, starb die Mutter. Ennue, fern in Haifa, konnte dem Vater keine Stütze sein. Ein weiterer Traditionsbruch. Wenn sie über diese Erfahrung spricht, steigen Trauer und rebellische Wut wieder hoch.Bis zum Tod der Mutter hatte Ennue, wie unter äthiopischen Juden üblich, strikt koscher gelebt und den Sabbat eingehalten. Nun stellte sie immer mehr ehedem Sicheres in Frage: Gott, Welt und Religion. Von ihrer Militärzeit sagt sie, sie habe sie "israelischer" gemacht. Nach dem Grundwehrdienst setzte man sie im Naturschutz ein: "Ich habe dort viel über das Land und mich selbst gelernt", schwärmt sie. Doch dann erschütterte der Blutspende-Skandal das Land. Über Jahre hinweg hatten Kliniken auf Weisung des israelischen Gesundheitsministeriums Blutspenden der Äthiopier einfach weggeschüttet. Weil jeder wisse, dass Aids in Afrika verbreitet sei und es unter den Einwanderern von dort gewiss eine hohe HIV-Rate gebe. Die Mühe, das Blut zu testen, hatte sich niemand gemacht. "Als ich davon erfuhr", so Ennue, "war ich so aufgebracht, dass ich dachte, nichts wie weg aus diesem Land." Ihr Vater war immer brav zum Blutspenden gegangen, um etwas für andere zu tun. Nun kam heraus, dass alles für den Gully gewesen war. "Das hat unglaublich wehgetan."Auch deshalb entschied sich Ennue im Jahr 2000 für die USA. Die Amerikaner mochten ihren Akzent. Besonders in der jüdischen Gemeinde wurde sie umsorgt und bewundert. Es waren vier gute Jahre. Seit der Zeit in Amerika glaubt sie jedenfalls nicht mehr, dass sich alles um die Hautfarbe dreht und sich jede Niederlage damit erklären lässt. "Wenn du wirklich etwas willst", lautet ihr Credo heute, "kann dich nichts abhalten."Geholfen hat ihr Tebeka, eine Organisation für äthiopische Israelis. Ennue hat dort viel für ihren Beruf gelernt, aber vor allem, "dass die Hilfe von uns selbst kommen muss". Nicht zuletzt dank Tebeka gibt es inzwischen in Israel eine Reihe junger, aus Äthiopien stammender Anwälte und Journalisten, dennoch sind sie Ausnahmeerscheinungen. Die meisten äthiopischen Einwanderer leben nach wie vor in den verslumten Bezirken der Peripherie, wo man unter sich bleibt, damit man sich nicht auch noch selber als Versager vorkommt.Ennue kennt das aus Erfahrung. Aber sie beweist zugleich, welches Potenzial in der äthiopischen Gemeinde steckt. Keine schlechte Voraussetzung, um sich zu deren Advokatin zu machen. "Back to the roots" - zurück zu den Wurzeln.------------------------------Operation MosesFalasha-Rettung: Operation Moses nannten die Israelis die Aktion, mit der sie in den 80er-Jahren tausende äthiopische Juden, die sich als Nachfahren des Königs Salomo und der Königin von Saba fühlen, nach Israel holten. Diese "Falashas" waren mit christlichen Äthiopiern vor Hunger und Verfolgung in den Sudan geflohen. Nur die Juden wurden ausgeflogen.Geheimaktion: Die vom Sudan erlaubten Flüge wurden nachts im Geheimen durchgeführt. Sie fanden zwischen dem 21. November 1984 und dem 5. Januar 1985 statt. Als Medien davon erfuhren, zwangen andere arabische Staaten den Sudan, die Flüge zu stoppen. 8 000 äthiopische Juden waren ausgeflogen, etwa 1 000 kamen später im Rahmen der Operation Joshua nach Israel. Die Operation Salomon vervollständigte die Einwanderung.------------------------------Karte: Äthiopien, Israel------------------------------Foto: Ennue Shimrit Kassa: "Irgendwann möchte ich auch Äthiopien wiedersehen."