Der Sitzungssaal im Rathaus von Eisenhüttenstadt ist rappelvoll. Die Stühle reichen nicht aus. Die Enquetekommission des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die sich in der Stahlstadt drei Tage lang mit dem Alltag in der Diktatur befaßt, hat die Bürger zum "Erzählabend" geladen. "Wissen Sie, Herr Eppelmann", wendet sich gleich zu Anfang ein Mann aus dem Publikum an den Vorsitzenden der Kommission, "Ihre Westprofessoren, die hier gesprochen haben, mögen im Westen vielleicht Applaus kriegen, wir können ihnen nur bescheinigen: mangelhaft. Die haben doch keine Ahnung, wie wir hier gelebt haben.""DDR-Alltag zwischen Selbstbehauptung und Diktatur" ist die Veranstaltung überschrieben. Um "Erfahrungen und Bewältigungsstrategien in der Mangelgesellschaft" war es in den Diskussionen zuvor gegangen. "Ich kam Anfang der sechziger Jahre nach Eisenhüttensadt", fährt ein anderer fort. "Ich dachte, ich käme ins Paradies", schildert er seine ersten Eindrücke von der 1950 am Reißbrett entworfenen Stahlstadt. "Warmes Wasser aus der Wand, Heizung, im EKO (Eisenhüttenkombinat) täglich zehn Wahlessen für 80 Pfennig." Ihm habe nichts gefehlt. Klar sei er auch mal unzufrieden gewesen, da sei er bei der nächsten Wahl dann "aus Protest erst fünf vor sechs zur Wahlurne gegangen"."Was man uns bot, das waren Errungenschaften für die Arbeiter", sagt ein anderer. "Wir konnten als Eltern im Vier-Schicht-Betrieb arbeiten, denn unsere Kinder waren in der Wochenkrippe gut untergebracht." Allerdings mit dem Ergebnis, daß "manche ihre Kinder nur einmal die Woche sahen", gibt Günter Reski zu bedenken, der nach der Wende Betriebsratsvorsitzender bei EKO wurde."Wir hatten uns in der DDR unseren kleinen Wohlstand aufgebaut", sagt Herr J. "Jeder hatte Arbeit, eine bezahlbare Wohnung, und einen Trabant hatte auch fast jeder." Seine Trabis hätten ihn 30 Jahre nicht im Stich gelassen, aber mit dem neuen VW sei er schon zweimal liegengeblieben, macht er seinem Zorn auf die neue Gesellschaft Luft. Ein Besucher aus den neuen Bundesländern sagt, wie unerträglich er es findet, daß sich schon wieder eine Generation weigert, ihr Leben in einer Diktatur zu reflektieren. "Deshalb sind wir '68er auf die Straße gegangen, weil wir die Schönrederei unserer Eltern über die Nazizeit nicht ertragen konnten." "Es ging mir aber gut in der DDR", sagt Herr R. "Meine fünf Kinder hatten in der DDR eine glückliche Kindheit, eine gute Ausbildung und Arbeit." Heute lebten zwei am Existenzminimum, nachdem Tausende Arbeitsplätze in der Region verlorengingen. "Das Fortkommen meiner Kinder war mir mehr wert als Bananen oder die Probleme von Herrn Biermann", faßt er seine Lebenseinstellung in der DDR zusammen. "Bitte, sagen Sie doch nicht immer ,wir`", steht nach einer Stunde ein Mann in der letzten Reihe auf. "Wir waren nicht 16 Millionen, die alle in einem Boot saßen. Es gab doch genug Leute, die anders lebten, die nicht alles mitmachten." Man könne heute doch nicht die Lüge kultivieren, "daß alle glücklich waren in Brigade und Kollektiv". Der einzelne, der sich nicht total anpaßte, wurde tyrannisiert, "weil das Kollektiv nicht den Mut hatte zu dulden, daß einer anders war", sagt Herr H. Er wurde als 18jähriger wegen "staatsfeindlicher Hetze" inhaftiert, weil er in der Kneipe erzählt habe, er werde einen Ausflug machen statt zur Wahl zu gehen. Herr G. erzählt, daß der Bildungsweg seiner drei Söhne "beendet war, nachdem der älteste sich entschieden hatte, Bausoldat zu werden". Zu Abitur und Studium wurden sie danach nicht zugelassen. Fast scheint es, als wollen sich die Eisenhüttenstädter nur an Glückliches aus DDR-Tagen erinnern, wenn die Enquetekommission in der Vergangenheit schon nach den Folgen der Diktatur bohrt. Da kann Eppelmann reden soviel er will: Daß niemand in der Kommission die Lebensleistung der einzelnen hier kritisieren will, daß es um die Fehler der politisch Verantwortlichen geht. Daß man den Folgen dieser Fehler im täglichen Leben auf die Spur kommen will. Die meisten im Saal trauen ihm so wenig wie "allen heute da oben". Ein Mann mittleren Alters tritt ans Mikrofon: "Sie können hier analysieren, was Sie wollen. Aber wir lassen uns unsere Identität nicht nehmen, sagen Sie das Ihrem Bundestag, Herr Eppelmann." +++