FÜRSTENBERG. Der erste Eindruck ist entscheidend. Wenn das stimmt, dann ist Schloss Meseberg vielleicht nicht die beste Adresse für ein Gästehaus der deutschen Bundesregierung. Denn es riecht hier streng nach Gülle. Schloss Meseberg, auf halbem Weg zwischen Oranienburg und Gransee gelegen, ist das touristische Highlight an der B 96, nachdem sie die Hauptstadt durchquert hat.Seit Berlin hat sich ihr Charakter geändert, die B 96 ist zur Ferienroute geworden. Hinter Löwenberg, wo sich der Horizont zu Weizen- und Sonnenblumenfeldern und sattgrünen Wiesen weitet, beginnt die Wochenendfreiheit. Jeden Sonnabend aufs Neue zieht der städtische Treck zum Freizeitglück in die Uckermark, an die Mecklenburgische Seenplatte und bis hinauf zur Ostsee. Seit Kaiser Wilhelm.In Meseberg lohnt es sich anzuhalten, weil direkt neben dem strahlend weißen Bundes-Schloss in der alten Stellmacherei das Restaurant "Schlosswirt" gehobene märkische Küche serviert. Wobei gehobene märkische Küche ein Widerspruch in sich zu sein scheint. Aber nicht so hier. Die Chefin heißt Martina Groche, sie ist 41 Jahre alt und trägt ein weißblaues Dirndlkleid, das wahrscheinlich ein Zugeständnis an die bayerischen Herren des Gesamtensembles ist.Die Münchener Messerschmitt-Stiftung hat Schloss Meseberg bis 2006 restauriert und der Regierung für einen Euro pro Jahr auf zwanzig Jahre zur Nutzung überlassen. "Und dann haben sie uns das Hotel zur Pacht angeboten, komplett renoviert", sagt Martina Groche. Sie stammt aus Falkensee, ist gelernte Hotelfachfrau und hat gleich nach der Wende die Chance ergriffen, sich selbstständig zu machen. "Das war unser Traum", sagt sie."Kaddel's Brutzelhütte"Die Güllewolke über Meseberg verdrängt sie wohl. Martina Groche wünscht sich noch mehr Staatsbesuche, um den Tourismus weiter anzukurbeln. Im Schankraum hat sie Farbfotos von den bisherigen Gästen aufgehängt: Angela Merkel mit Jacques Chirac, mit George Bush, mit Horst Köhler. "Herrn Bush" hat sie die Hand geschüttelt, und mit Frau Merkel hat die Wirtin schon oft gesprochen, "ganz normal", sagt sie. Sie hat auch schon das "Schlosscatering" machen dürfen, "aber meistens bringen die ihre eigenen Köche mit". Frau Groche füttert dann sozusagen den Tross und die Journalisten ab, auch ein schönes Geschäft.Um das zu optimieren, fehlt nur eins: Die B 96 muss ausgebaut werden. Da ist sich Martina Groche einig mit dem Stiftungschef Hans Heinrich von Srbik, 58, der gerade auf der Terrasse sitzt und einen Schoppen Wein trinkt. Srbik ist Österreicher, von gedrungener Statur mit barockroten Wangen und grauen Löckchen auf dem Kopf. Er schimpft ironisch über die "Preußen" und "Roten" von der örtlichen "LPG", die es fertig bringen würden, jüdische und muslimische Regierungsgäste mit dem Gestank der 1 500 Schweine zu beleidigen, die seit vorigem Jahr hier stehen. "Weil ihnen die ganze Richtung hier nicht passt." Er spricht von alten Seilschaften, die den Ausbau der B 96 als Schnellstraße blockieren würden und erwähnt Versprechungen, die ihm Manfred Stolpe und Matthias Platzeck gegeben hätten. "Wenn die das endlich hinkriegen, dann ist die Merkel in 45 Minuten hier", sagt er. "Das wäre der Durchbruch!"Es würden auch alle profitieren, die in der Region vom Tourismus leben. Zum Beispiel Waltraud Paulick, eine 60-jährige Bäuerin, die "26 Jahre im Gemüsebau tätig" war, bis sie nach der Wende arbeitslos wurde. Mit ihrem "neuen Partner aus NRW" verkauft sie seit drei Jahren im Sommer Obst und Gemüse, im Winter Enten und Gänse an der B 96, kurz vor Gransee, neben dem Imbiss "Kaddel's Brutzelhütte". Sie kann erklären, was die Einheimischen gegen Schloss Meseberg haben. "Da is' denn imma Polizei da, und keena dörf mehr an' See ran."Waltraud Paulick hat eine lustige Art zu erzählen und muss viel lachen, wobei man dann sieht, dass ihr zwei Schneidezähne fehlen. Die Berliner Urlauber, die zu ihren Datschen fahren, sind ihre wichtigsten Kunden. Zurzeit nehmen die Leute gern Süßkirschen und Pflaumen, aber auch Pfifferlinge gehen gut. Frau Paulick sagt "Pfefferlinge" und räumt ein, dass diese nicht aus den pilzreichen heimischen Wäldern stammen. "Hier darf man doch nur noch für den Eigenbedarf sammeln!" Nein, die Pilze kommen aus den Masuren, Frau Paulick hat da ihren eigenen Lieferanten.In diesem Moment hält ein Berliner, parkt seinen Audi und betrachtet die Auslagen. Er würde gern Erdbeeren kaufen. Ob er mit Karte zahlen kann? Da muss Frau Paulick wieder herzlich lachen.Die B 96 führt auf diesem Abschnitt durch Weizen- und Maisfelder. Menschen sieht man nicht auf den Feldern. Nur ab und an einen Mähdrescher, der wie ferngelenkt seine Bahnen zieht oder einen Traktor auf der Straße, der den Verkehr entschleunigt. Und es herrscht viel Verkehr auf der B 96. Auch hinter der alten Ackerbürgerstadt Gransee, wo die Straße in den märkischen Stangenwald eintaucht, fahren erstaunlich viele Schwerlaster, als ob es die neue Ostsee-Autobahn A 20 nicht gäbe, die genau diesen Verkehr hier eigentlich abziehen sollte.Michael Wittke wohnt direkt an der B 96 in Fürstenberg, rund 20 Kilometer hinter Gransee, und wenn man im verwunschenen Garten seiner "Alten Reederei" sitzt, sorgt die Straße für ein stetes Hintergrundbrummen. Schräg gegenüber, wo sie sich zwischen einem Havel-Zufluss und den Häusern durchzwängt, hat einer seine Wut an die Wand geschrieben: "B 96 raus!".Ein Tunnel wäre die LösungAber wohin mit der Straße? Wittke nimmt einen Zettel und beginnt zu kritzeln. "Das ist Fürstenberg, die Wasserstadt." Er zeichnet drei Kreise. Drei Seen, zwischen denen die Gemeinde klemmt. Was früher Schutz bot, Wasser von drei Seiten, ist jetzt ein Fluch. Die B 96 schneidet mitten durch die Altstadt. Sie ist der Flaschenhals, durch den der Verkehr muss, 10 000 Fahrzeuge in der Stunde. Michael Wittke, Lehrer von Beruf und Kommunikationsberater, stammt aus Hamburg. Nach der Wende kam er mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Berlin. 2002 wollten sie aufs Land ziehen und verliebten sich in das Grundstück in Fürstenberg.Wenn man mit ihm durch den Garten bis zur privaten Anlegestelle unten am Wasser geht, öffnet sich ein traumhafter Blick über die Havel auf das alte Stadtzentrum. Hier hat Wittke Kanus und Boote liegen, die er an Feriengäste vermietet. Hier hat sich auch der Straßenlärm verflüchtigt. "Wir leiden alle unter dem Dauerkrach", sagt der 57-Jährige, der Sprecher einer "Interessengemeinschaft verträglicher Verkehr im Fürstenberger Seenland" ist. Vor allem die Laster seien eine Plage. Zwischen dem Norden und Berlin verlassen sie die Autobahn und kürzen über die B 96 ab, um Maut und Sprit zu sparen.Nur ein Tunnel könnte helfen. Oder eine sehr weiträumige Umgehungsstraße. Seit Jahrzehnten werde über eine solche Umgehung geredet, sagt Wittke, aber passiert sei nichts. Er zeichnet wieder. "Hier ist das Problem", sagt er. Im Westen würde die Umfahrung ein ökologisch-touristisches Biotop zerstören. Im Osten liegt die Gedenkstätte des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück.Wahrscheinlich helfe nur eine Lastwagenmaut für alle Straßen, sagt Wittke. "Es ist ein klassischer Zielkonflikt. Wirtschaft gegen Bürger. Tourismus gegen Verkehr. Eine Gegend, die immer stärker vom Tourismus lebt, muss dafür eine Lösung finden." Sonst würden noch mehr Menschen abwandern. Wittke sagt, dass sich das Schicksal des Landkreises Oberhavel in den nächsten zehn Jahren entscheiden werde. "Der Tourismus ist das einzige Gewerbe, das wir noch haben. Noch gibt es Fremdenzimmer überall, aber die werden von den Alten angeboten, und die sterben weg. Wer bleibt, hat viele Tattoos und wenig Unternehmergeist."Hinter Fürstenberg verlangsamen Fahrradwanderer und Campingautos den Verkehr deutlich. An der Strecke weisen nun zahlreiche Schilder auf Forsthäuser, Ferienwohnungen oder Zeltplätze hin. Ist Neustrelitz umfahren, schwingt sich die B 96 durch eine hügelige Landschaft mit zauberhaften Ausblicken auf Seen, Wälder, Wiesen. Jeder Abzweig verheißt hier kleine touristische Abenteuer. Die Dörfer entlang der Bundesstraße wirken mit ihren Klinkerfassaden und Blumengärten wie sorgsam komponierte Mustersiedlungen, ganz anders als in Brandenburg, wo viele Ortschaften trostlos aussehen."Ja, Sie haben recht, wir leben hier im Paradies", sagt Christiane Mroß in der Gemeinde Wendfeld, acht Kilometer von Neustrelitz entfernt. Die 57-jährige Bauingenieurin ist Frührentnerin, ihr Mann Karl-Heinz, gelernter Maurer, gerade arbeitssuchend. Beide hätten Grund zu klagen, aber sie sagen, sie genössen das Leben. "Ist ja hier fast wie im Schwarzwald", sagt Herr Mroß. Sie sind 1997 aus dem nahen Neubrandenburg nach Wendfeld gezogen und haben es nie bereut. "So geht es vielen hier. Frische Luft, schöne Umgebung, Dorfgemeinschaft - das zieht immer mehr Menschen an." Den Eheleuten macht es Spaß, über ihr Leben zu sprechen, einfach so am Gartenzaun. Während Neustrelitz und Neubrandenburg Tausende Einwohner verlören, sei ihr Dorf fast ums Doppelte gewachsen, sagt Frau Mroß. "Und die Leute kriegen sogar Kinder!" Gerade weil ihnen das Leben in Wendfeld gefällt, sähen die Häuser und Vorgärten so gepflegt aus. "Als die Alteingesessenen das gesehen haben, haben sie nachgezogen. Der Nachbar dort hat gerade sein Haus frisch gestrichen!"Außerdem ist es nicht weit in die Stadt. Bald tauchen am Horizont die Türme von Neubrandenburg aus den umliegenden Hügeln auf. Die B 96 umkreist die Stadtmauer und vereint sich wenig später mit der Ostseeautobahn. Sie verläuft jetzt durch eine flach und langweilig wirkende Gegend bis Jarmen an der Peene. Verlässt man sie am Abzweig Klempenow, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt, so traurig wirken jetzt viele Orte. "Die Menschen hier haben das Gefühl, die ewigen Verlierer zu sein. Und deshalb machen sie auch nichts, um es schöner zu haben." So sagt es Jörg Kröger, ein Lübecker, den es nach Osten gezogen hat. Kröger hat vor einigen Jahren das alte neugotische Herrenhaus in Wietzow unweit der B 96 gemietet. Er hat es wieder hergerichtet und zu einer Pension umgebaut. Schon von weitem sendet die Terracottafarbe seither ein Signal in die Landschaft: Nicht alles hier ist grau.Die eigentliche Überraschung aber birgt der Blick nach hinten in den englischen Landschaftspark mit seinem uralten Baumbestand. Die Stille wird nur von Falken unterbrochen, die im Flug pfeifen. Der Blick schweift weit hinüber ins Tollensetal, ein Wander- und Kanuwanderrevier mit Auen, Wäldchen, Wiesen. Kröger ist Chef des Unternehmerverbandes Milan, der versucht, sanften Tourismus in der Gegend zu etablieren. Er sagt, es gehe stetig vorwärts, die verkürzte Anreisezeit über die B 96 und A 20 bringe immer mehr Naturliebhaber in die Region. Doch er sagt auch: "Unsere Zukunft ist akut bedroht. Durch die industrielle Agrarwirtschaft."Wie im brandenburgischen Meseberg sind es auch in Wietzow Schweine, die den einzig aufstrebenden Wirtschaftszweig gefährden. In Alt-Tellin, wenige Kilometer entfernt, plant ein Holländer die größte Ferkelzuchtfabrik Europas. "60 000 Tonnen Gülle im Jahr werden den Fremdenverkehr ersäufen", sagt Kröger. "Wer will denn in diesem Gestank Ferien machen? Leider können sich viele hier nur Agrarfabriken vorstellen. Die Pfiffigen sind ja längst weggegangen."Die Masse macht'sNicht alle. In Jarmen, wo man fast nur alte Menschen mit Rollatoren und junge Männer mit Bierflaschen sieht, hat Detlef Haacker eine Idee gehabt. Als der gelernte Schlosser vor zwei Jahren seine Arbeit verlor, hat er sich nicht arbeitslos gemeldet, sondern ist zur Bank gegangen, um einen Kredit zu beantragen. Er hat ihn auch bekommen. Von dem Geld hat er eine moderne Feldküche gekauft, einen Lieferwagen und weiße Kochgarderobe. Nun steht Detlef Haacker jeden Mittag auf einem Parkplatz am Peenehafen, hundert Meter neben der alten B 96 und verkauft Mittagessen.An diesem Tag gibt es bei ihm Gulaschsuppe mit Toastbrot für drei Euro oder Bratwurst mit Mischgemüse für drei Euro fünfzig. Immer wieder bildet sich eine Schlange von Kunden, Haackers sechs Sitzbänke sind gut besetzt. "Die Masse macht's", sagt der kleine Mann mit der spitzen Nase, der 49 Jahre alt ist und wieselflink mit den Kochgeräten hantiert. Mehr als hundert Portionen verkauft er am Tag. "Ich koche alles selbst, jeden Tag was anderes!" sagt er stolz. Er hat sich das meiste selbst beigebracht oder bei Kochsendungen im Fernsehen abgeguckt. Seine Kunden sind Arbeiter vom Hafen, Rentner, Arbeitslose und im Sommer auch Touristen. "Man muss sich zu helfen wissen", sagt Detlef Haacker.------------------------------Die offizielle Geschichte der Bundesstraße B 96 beginnt 1932. Damals nummerierte Deutschland seine Chausseen und wies sie als Fernverkehrsstraßen aus. In der DDR hieß sie F 96 und war mit rund 520 Kilometern die längste Straße im Osten und die Hauptverkehrsachse in Nord-Süd-Richtung.Die B 96 beginnt in Zittau und endet in Sassnitz. Wir erkunden sie in fünf Etappen. Nächstes Mal geht es von Jarmen nach Sassnitz.Alle Folgen und eine Fotostrecke: www.berliner-zeitung.de/b-96Michael Wittke aus Hamburg ist vor acht Jahren nach Fürstenberg gezogen. Er kämpft für eine Umgehungsstraße.------------------------------Foto: Michael Wittke aus Hamburg ist vor acht Jahren nach Fürstenberg gezogen. Er kämpft für eine Umgehungsstrasse.Foto: Urlauberautos auf der B 96 hinter Fürstenberg. Traditionell zieht es viele Sachsen an die Seen und Wälder der Region. Aber auch Berliner, Hamburger und Österreicher kommen gern.Karte: B96, Teil 4 von Löwenberg nach Jarmen

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