Yunus Turgut war tot. Erschossen am 25. Februar 2004 in Rostock, mutmaßlich von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ermordet in einem Dönerstand. Yunus Turgut wurde 25 Jahre alt. So jedenfalls stand es zunächst in den Akten der Ermittler.

Doch Yunus Turgut lebt. Er ist Bauer in Kayalik. Das kurdische Dorf liegt weit oben in den Bergen Ostanatoliens, 150 Menschen leben dort. Eine Schule gibt es nicht, dafür eine Moschee, einen Dorffriedhof. In seinem einfachen Bauernhaus erzählt Yunus die Geschichte eines brutalen Mordes und einer folgenschweren Verwechslung.

Als Yunus’ Vater Hanifi Anfang der 80er-Jahre für seine Söhne Kinderpässe beantragt, vertauschen die türkischen Behörden die Geburtsdaten. Mehmet bekommt das Geburtsjahr 1977, Yunus 1979. Als die Jungen alt genug sind und nun Bilder in ihren Ausweisen kleben, beschließen sie, die Pässe einfach zu tauschen. Jetzt stimmt immerhin das Geburtsdatum. Fehlerhafte Angaben sind in der ostanatolischen Halbwüste das kleinste Problem, es weiß doch jeder im Dorf, dass Yunus in Wirklichkeit Mehmet ist.

Das ganze Dorf wird verhört

„Drei Männer pro Haus sind damals nach Deutschland gegangen“, sagt Yunus Turgut. Mehmet und er waren zwei von ihnen. Yunus Turgut klingt dabei wie jemand, der einen großen Fehler begangen hat und nun versucht, sich zu erklären. Zweimal war Mehmet illegal in Deutschland. Er wird abgeschoben. Nach seinem dritten Versuch kommt er in einem Sarg zurück. Er wurde das fünfte Opfer des NSU, aber das wussten die Behörden damals nicht. Sie hatten Kurden im Verdacht, türkische Nationalisten, Drogendealer.

Auch Yunus lebte damals in Rostock. Die deutschen Behörden werden ihn später zuerst in Rostock und dann – er ging wenige Monate nach dem Mord zurück in die Türkei – in Ankara stundenlang verhören und ihn wieder und wieder fragen, wer seine Feinde sind, wer ihn, Yunus, töten wollte. „Sie sagten, eigentlich hätte es mich treffen sollen. Nur wegen der Namensverwechslung sei Mehmet von Auftragskillern ermordet worden.“ Heute ist Mordkommission eines der wenigen deutschen Wörter, das er noch kennt.

Er misstraut deutschen Behörden

Yunus lebt mit seiner Frau Songül und zwei Kindern wieder in Kayalik. Er ist Bauer, besitzt vier Schafe und eine Kuh. Seine Eltern haben Bruder Mehmet nach dem Mord begraben und danach das Dorf für immer verlassen. Als damals die Polizei nach Kayalik kam und die Bewohner tagelang verhörte, fingen die Leute an zu reden.

Was hatte sich Mehmet zuschulden kommen lassen? Gab es womöglich Familienfehden? An seine Unschuld glaubte irgendwann nur noch seine Familie. Seit bekannt ist, wer Mehmet wirklich getötet haben soll, weiß das Dorf, dass Mehmet kein Krimineller war, sondern das Opfer deutscher Neonazis.

Den Prozess in Deutschland will Yunus nicht besuchen, obwohl er Nebenkläger ist. München ist weit weg. Ohnehin glaubt er nicht daran, dass der Prozess die Hintergründe aufklären kann. Der sonst so ruhige 36-Jährige redet sich in Rage. Er wird laut, gestikuliert wild. „Deutschland ist ein modernes, hochentwickeltes Land. Wie konnte es diese Morde nicht aufdecken?“

Es gibt aber auch jemanden in Deutschland, dem die Turguts dankbar sind: Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer. Die Turguts haben eine Entschädigung bekommen, die Eltern je 10.000 Euro, die Geschwister je 5000. Mustafa, mit 19 Jahren jüngster von den fünf Turgut-Geschwistern, hat Barbara Johns Angebot angenommen und ist seit Anfang Mai in Deutschland. Er wird Yunus später wohl erzählen, wie es war, der mutmaßlichen Komplizin der Mörder seines Bruders in die Augen zu schauen. (dpa)