Entwaldung führt zu Trockenheit und regionaler Erwärmung. Der Schutz der Regenwälder ist daher wichtiger als Aufforstungen hierzulande: Ohne Bäume verändert sich das Klima drastisch

Noch zu Zeiten der Römer grasten am Südrand des Atlasgebirges Elefanten auf einer grünen Savanne. Von dort stammten die Kriegselefanten, mit denen Hannibal über die Alpen kam. Weite Teile der Mittelmeerküste Nordafrikas waren um die Zeitenwende von Wald und Gestrüpp bedeckt. Inzwischen ist das Klima in Nordafrika deutlich trockener geworden. Elefanten und andere große Säugetiere sind dort ausgestorben, die Wälder gibt es nicht mehr. Schuld an diesem regionalen Klimawechsel war vermutlich der Mensch. So wies Oreste Reale vom Center for Ocean Land Atmosphere Studies in Maryland mit Modellrechnungen nach, daß die Abholzung von Wäldern rund ums Mittelmeer wahrscheinlich die Regenmenge in Nordafrika und auf der Iberischen Halbinsel verringert habe."Der Einfluß der Landnutzung auf das Klima ist bisher stark unterschätzt worden", sagte der Pavel Kabat kürzlich auf dem Forum "Wälder und Atmosphäre-Wasser-Boden" im niedersächsischen Soltau. Kabat arbeitet am Winand-Staring-Center für integrierte Land-, Wasser- und Bodenforschung in Wageningen in den Niederlanden. "Die globale Erwärmung, die man jetzt beobachtet, könnte komplett durch die veränderte Nutzung des Landes in den letzten Jahrhunderten erklärt werden", so Kabat. Das Abholzen von Wäldern, die Trockenlegung von Sümpfen oder die Begradigung von Flüssen haben demnach einen genauso starken Einfluß auf das Klima wie die Kohlendioxid-Abgase von Autos und Industrie vor allem auf regionaler Ebene. So gehe die Dürre in der Sahel-Zone wohl weniger auf das geänderte Weltklima zurück, als vielmehr auf intensive Viehzucht in der Region. Überweidung und falsch angelegte Brunnen ließen den Boden austrocknen. "Dadurch hat sich das Niederschlags-Muster geändert", erläuterte Kabat. Die Regenzeit kommt später, das verkürzt den Zeitraum, der den Bauern zum Säen bleibt. Außerdem sind die Regengüsse heftiger als früher, was die Erosion verstärkt. Mit neuen Klimamodellen, die die Vegetation mit einbeziehen, läßt sich berechnen, daß der nackte Boden der Sahel-Zone den Monsun behindert: Das Land strahlt so viel Wärme ab, daß die regenbringenden Wolken nicht nach Norden vordringen können. "Wäre die Gegend bewaldet, gäbe es das Problem nicht", so Kabat.Auch im US-Bundesstaat Florida sind die Auswirkungen menschlicher Eingriffe zu spüren: Das Klima dort ist in den letzten Jahrzehnten trockener und wärmer geworden. Simulationen zeigten, daß sich diese Veränderungen durch die Trockenlegung großer Teile der Everglades, der riesigen Sümpfe Floridas, erklären lassen.Der große Einfluß der Vegetation auf das Klima habe so manchen Atmosphärenforscher überrascht, berichtete Kabat in Soltau. Bisher wurde dieser Aspekt meist vernachlässigt, sagte auch Fritz Gassmann vom Schweizer Paul Scherrer Institut. "Der Grund dafür war, daß sich die Klimaexperten zuerst mit der Atmosphäre beschäftigten." Erst allmählich wird die Vegetation in die Diskussionen und Modelle mit einbezogen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), ein Expertengremium, das alle verfügbaren Informationen zum Klimawandel begutachtet und Ratschläge an Politiker abgibt, wird im nächsten Jahr einen Bericht zum Einfluß der Landnutzung auf das Klima herausgeben.Unter diesem Aspekt gewinnt der Schutz der Wälder noch weiter an Dringlichkeit. Abgesehen davon, daß sie eine bedeutende Menge des Treibhausgases Kohlendioxid aufnehmen und im Holz als Kohlenstoff speichern, stabilisieren sie das Klima auch dadurch, daß sie die Verdunstung verringern und Niederschläge bringen. In Deutschland gibt es bereits einige Initiativen, Wälder für den Klimaschutz zu kultivieren: Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein präsentierte in Soltau ein Projekt, bei dem rund um Segeberg und in Ostholstein eine halbe Million Laubbäume angepflanzt werden sollen. In den nächsten fünfzig Jahren werden die Bäume 50 000 Tonnen Kohlendioxid binden das entspricht allerdings gerade mal den Abgasen von 16 000 Autos in einem Jahr. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik fuhren 1997 41,4 Millionen PKW. Pro Jahr müßten in Deutschland 1,3 Milliarden Bäume angepflanzt werden, um lediglich die Kohlendioxid-Produktion der Autos auszugleichen.Kabat hält es deshalb für vielversprechender, die tropischen Regenwälder zu schützen, als hierzulande aufzuforsten: "Man muß sich klar machen, wie groß Amazonien ist: Ganz Europa bis zum Ural paßt da hinein." Sollte der Amazonas-Regenwald einmal vollständig vernichtet werden, sind einschneidende Veränderungen zu befürchten: Bei diesem "Untergangs-Szenario", sagte Pavel Kabat, würde Amazonien veröden. Aus dem Amazonas, dem größten Fluß der Erde, würde 60 Prozent weniger Wasser in den Atlantik strömen mit unvorhersehbaren Folgen für das weltumspannende "Förderband" der Meeresströmungen, das Klimaunterschiede zwischen Tropen und gemäßigten Klimazonen ausgleicht.Die Debatte um Kohlendioxid werde helfen, in den Tropenwäldern eine nachhaltige Wirtschaft aufzubauen, glaubt Kabat. Es sei politisch einfacher, die Zerstörung der Regenwälder aufzuhalten, als den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern. Der Forscher betont jedoch: "Die Erkenntnis, daß die Landnutzung das Klima verändert, darf die Politik nicht beeinflussen, die die Verringerung der CO2-Emissionen zum Ziel hat."