Die Luft ist geladen. Das ist wie ein Gewitter. Die Blätter an den Bäumen sehen anders aus. Sie sind grün, aber eigentlich nicht richtig grün." Die Patientin kämpft um jedes Wort, setzt immer wieder neu an, um das Unbeschreibliche zu beschreiben: das Licht, die Geräusche und den fremden Geschmack auf der Zunge. Alles, was sie kurz vor einem epileptischen Anfall empfindet, die sogenannte "Aura". Auf dem Stuhl gegenüber sitzt Martin Schöndienst, Oberarzt am Epilepsie-Zentrum Bethel. Ein Tonband läuft, der Mediziner hört seiner Patientin genau zu. "Uns interessiert dabei weniger, was gesagt wird. Viel wichtiger ist, wie es gesagt wird", erläutert er. Gemeinsam mit der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Gülich von der Universität Bielefeld analysiert der Arzt seit einigen Jahren den Zusammenhang zwischen Sprachmustern und den verschiedenen Formen der Epilepsie.Einige Patienten schildern ihre Gefühle lebhaft und suchen von sich aus immer wieder neue Beschreibungen für ihre Gefühle vor dem Anfall. Andere wiederum verwenden nur stereotype Ausdrücke. "Man könnte fast von einem krankheitsspezifischen Dialekt sprechen", sagt Schöndienst. Dieses Phänomen will der Neurologe nutzen, um die Diagnose und damit auch die Therapie von Epilepsie-Kranken zu verbessern. Die Ergebnisse seiner bisher vierjährigen Forschungsarbeit deuten darauf hin, daß Patienten mit starkem Formulierungsdrang an einer fokalen Epilepsie leiden. Bei dieser Form der Nervenstörung ist der Krankheitsherd im Gehirn auf eine engumgrenzte Region begrenzt, zum Beispiel auf den Schläfenlappen oder auf die Sehrinde. "Die Schilderungen von Menschen mit generalisierter Epilepsie, die das ganze Gehirn betrifft, sind dagegen eintöniger", berichtet Schöndienst. Zudem überlassen sie die Initiative dafür, die Wahrnehmung ihrer Anfälle zu schildern, meist dem Arzt. Im Laufe der nächsten zwei Jahre will der Neurologe in einer Studie die Aussagekraft der Sprachanalysen durch Vergleiche mit den bisherigen Diagnoseverfahren prüfen. Sehr deutliche Befunde liefert Schöndiensts Methode bei Patienten, die an einer sogenannten Pseudo-Epilepsie leiden. Diese hat keine organische Ursache, sondern ist psychisch bedingt. Eine Pseudo-Epilepsie kann etwa durch traumatische Erlebnisse in der Kindheit ausgelöst werden und muß ganz anders behandelt werden als eine "echte" Epilepsie. Schöndienst: "Die Betroffenen beschreiben schlicht Symptome wie Schwindel oder Schweißausbrüche und benutzen nur selten lebhafte Bilder." Um seine Beobachtungen aus der Klinik wissenschaftlich zu untermauern, hatte der Mediziner bei Sprachwissenschaftlern um Rat nachgesucht. "Linguisten haben erfreulich wenig Ahnung von Medizin", sagt Schöndienst und meint das durchaus positiv. Denn dies erlaube es Sprachforschern, sich unbeschwert von Vorurteilen ganz auf die Analyse der Sprache zu konzentrieren. Wichtigstes Werkzeug dafür ist ein sogenanntes Transkript. Es entsteht durch eine Übertragung von Sprache in Schrift. Dabei wird nicht nur der Inhalt des Gesprächs protokolliert, sondern es werden auch Wortabbrüche, Wiederholungen oder Pausen festgehalten. Jedes Zögern, Lachen oder Räuspern wird von den Linguisten registriert. Diese Arbeit ist aufwendig und teuer: "Eine Minute Gespräch zu transkribieren, kann länger als eine Stunde dauern", sagt Elisabeth Gülich. Doch die Mühe lohnt sich: "Der Patient teilt in seinen Beschreibungen immer mehr mit als der Arzt hört", erläutert Schöndienst. "Zu diesen zusätzlichen Informationen zählen etwa die Pausen, mit denen pseudo-epileptische Patienten häufig ihre Schilderungen unterbrechen."Wie Schöndienst und Gülich feststellten, hängt die Art, wie die Patienten über ihre "Auren" sprechen, offenbar nicht von Herkunft oder vom Bildungsstand der Epilepsie-Kranken ab. Schöndienst: "Über alltägliche Dinge sprechen die Patienten ganz anders als über ihre Empfindungen während eines Anfalls." Selbst sonst eher einsilbige Menschen suchen dann ständig nach neuen Formulierungen oder wandeln noch im selben Satz eine gerade erst gemachte Feststellung wieder ab. Die Transkripte dokumentieren fast immer eine überraschende Vielfalt von Begriffen. So berichtet Gülich von einer Frau, die vor einem Anfall stets das Gefühl hat, einen Kreis zu betreten. Die Patientin beschreibt dieselbe Aura immer wieder neu: "Ich trete in den Kreis, ich werde hineingezogen, ich falle hinein, der Kreis kommt auf mich zu, er umschließt mich." Obwohl alle der in Bethel untersuchten Epilepsie-Patienten an chronischen Formen der Krankheit leiden, wird das Reden über die Empfindungen vor dem Anfall für keinen von ihnen zur Routine. Gülich: "Die Betroffenen kämpfen auch noch beim hundertsten Mal um jede Formulierung."Bisher sind Interviews mit etwa fünfzig Patienten transkribiert und linguistisch analysiert. Die Dialoge wurden nicht eigens für das Forschungsprojekt geführt, es handelt sich vielmehr um normale Arzt-Patienten-Gespräche im Rahmen der Behandlung in Bethel. Eine kürzlich gewährte Förderung des Projekts durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft soll es Schöndiensts Team ermöglichen, die Anzahl der dokumentierten Interviews auf etwa hundert auszuweiten. Gleichzeitig soll die Form der Interviews standardisiert werden, um die Auswertung zu erleichtern. "Wir wollen auch untersuchen, wie die Gespräche verlaufen, wenn die Patienten ihre Erfahrungen einem medizinischen Laien schildern", sagt Gülich. Martin Schöndienst glaubt, daß die Sprachanalyse in Zukunft ein wichtiger Teil der Epilepsie-Diagnostik werden kann. Die bisherigen Verfahren, zu denen die Elektroenzephalographie (EEG), die Positronen-Emissions-Tomographie und ein weiteres bildgebendes Verfahren namens SPECT zählen, sind aufwendig und teuer. Zudem kommen die Ärzte bei jedem zehnten Epilepsie-Patienten trotz High-Tech zu keinem klaren Befund. Das liegt unter anderem daran, daß etwa bei einer fokalen Epilepsie das Hirnstrommuster kaum verändert ist. Diese Form der Krankheit ist deshalb mitunter nur schwer von einer Pseudo-Epilepsie zu unterscheiden. "Die Differenzierung ist aber wichtig für die Therapie", sagt Schöndienst. Eine Pseudo-Epilepsie kann durch Psychotherapie oder mit Antidepressiva behandelt werden. Für Patienten mit einer fokalen Epilepsie dagegen gibt es spezielle antiepileptische Medikamente. Schöndienst will die Sprachanalyse nicht als Konkurrenz zu bereits vorhandenen Diagnoseverfahren verstanden wissen. Er sieht darin vielmehr eine Ergänzung zu den bereits verfügbaren Untersuchungsmöglichkeiten: "In zwei Jahren werden wir wissen, ob sich mit unserer Methode womöglich manch unnötiger Diagnoseaufwand erübrigt."Informationen für Betroffene sind erhältlich bei der Deutschen Epilepsie-Vereinigung e. V., Zillestr. 102, 10585 Berlin. Info-Hotline (auch überregional zum Ortstarif): Tel.: 0180-142 42 42, Montag bis Freitag 10 bis 16 Uhr.

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