An einem Sonntagmorgen im Januar 2009 steigt Robert Stern in einen betagten Kleinwagen und fährt zu seinen Feinden. Es ist kein weiter Weg, der 73-Jährige könnte zu Fuß gehen, stünde da nicht diese acht Meter hohe Betonmauer im Weg. So muss er auf die Schnellstraße ausweichen, die von Jerusalem aus durch die Wüste hinabstürzt in Richtung Totes Meer, vorbei an einer jüdischen Siedlung und auch vorbei an dem roten Warnschild der Armee, auf dem steht, dass israelischen Staatsbürgern die Einfahrt verboten ist, mitten hinein nach Abu Dis, palästinensisches Autonomiegebiet im besetzten Westjordanland, Zone A. Robert Stern fährt den Weg jeden Tag.Sechzig Kilometer weiter westlich donnern an diesem Morgen israelische Kampfflugzeuge die Mittelmeerküste entlang und klinken ihre Bomben über dem Gaza-Streifen aus. Palästinenser feuern Raketen nach Israel. Es ist Krieg im Heiligen Land. Einmal mehr.Robert Stern tritt aus dem Fahrstuhl im dritten Stock der palästinensischen Al-Quds-Universität. Die medizinische Fakultät, Frauen mit Kopftüchern und weißen Kitteln laufen vorbei. Junge Männer blicken ihnen verstohlen hinterher, bevor sie selbst in einem der Seminarräume verschwinden. Robert Stern zupft an seiner schwarzen Weste, blickt durch die Brille mit den rosarot getönten Gläsern. Er wirkt unschlüssig. Stern ist Jude und dies ist kein Ort, an den sich Juden normalerweise trauen. Von rechts kommt ein Student auf ihn zu, dann ein zweiter und ein dritter. Robert Stern lächelnd jetzt, in amerikanischem Englisch sagt er: "Hey, wie geht's euch?" Einer der Studenten greift seine Hand und sagt: "Salam Herr Professor, schön, sie zu sehen."Robert Stern ist Mediziner. Pathologe, "einer der bedeutendsten der Welt", wie es in einer Zeitung der Universität von San Francisco, an der er 32 Jahre lang lehrte, über ihn heißt. Robert Stern hat mit Nobelpreisträgern gegen den Krebs geforscht und die Ergebnisse in über 200 Publikationen beschrieben. Er sagt von sich: "Ich bin einer der wenigen Pathologen auf der Welt, die etwas von Biochemie verstehen." Es ist eine typisch amerikanische Selbstbeschreibung. Wer erfolgreich ist, darf das auch sagen.Robert Stern hätte in den USA seinen Ruhestand genießen und ab und zu für viel Geld auf Mediziner-Kongressen auftreten können. Aber er entschied sich, an der palästinensischen Al-Quds-Universität im besetzten Westjordanland zu lehren und zu forschen, als einziger westlicher Professor. Er tut es ehrenamtlich. Aus Überzeugung.Es gibt immer wieder Menschen, die selbstlos handeln, die sich für andere engagieren und sich dabei in Gefahr begeben, obwohl sie es nicht müssten. Man kann diese Menschen als Idealisten bezeichnen. Auf Robert Stern trifft das nur bedingt zu. Robert Stern hat eine Mission, er verfolgt sie, weil er an sie glaubt. Aber auch, weil sie ihm hilft, mit der Vergangenheit zu leben. Mit seiner Geschichte, die vor 73 Jahren in Bad Kreuznach beginnt.In der Kurstadt in Rheinland-Pfalz wird Robert Stern 1936 in eine jüdische Familie geboren. Die Sterns leben seit Generationen in der Region. Bis ins 17. Jahrhundert lässt sich der Stammbaum zurückverfolgen. Weil damals den Juden verboten war, Land zu besitzen, handelten die Männer mit Vieh. Sie vererbten den Beruf an die Söhne. Auch Robert Sterns Vater verdiente sein Geld noch, indem er Kühe zum Markt nach Bad Kreuznach trieb und dort verkaufte.Völlig assimiliert lebte die jüdische Familie nie. Der Schabbat wurde eingehalten, die Synagoge besucht. Aber die Sterns waren Patrioten, wie die anderen Deutschen auch. Eine Familienlegende erzählt, wie Robert Sterns Großvater während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/ 1871 am Bahnhof von Bad Kreuznach steht, barfuß und zerlumpt, und den Frontsoldaten Zigarren verkauft, für fünf Pfennige das Stück. Der Urgroßvater kämpft derweil in Frankreich für die Ehre des deutschen Vaterlandes. Es ist der Bahnhof, von dem zwei Generationen später der Vater Robert Sterns, Ludwig, in Richtung Front abfährt, um in den Schützengräben bei Metz und Forbach dem deutschen Kaiser zu dienen. Und es ist der Bahnhof, von dem aus am 10. Mai 1942 die noch verbliebenen 92 Juden aus Bad Kreuznach in den Tod fahren, nach Osten. Robert Stern und seine Eltern sind da schon in den USA. Sie sind den deutschen Mördern entkommen, gerade noch rechtzeitig sind sie über Paris, Le Havre und Southhampton geflohen.Als Ludwig Stern an einem Junimorgen im Jahr 1938 seinen zweijährigen Sohn über die Reling hebt und auf die Freiheitsstatue deutet, schiebt sich der Dampfer "Manhattan" gerade den Hudson-River hinauf. Sie haben ihr Ziel, die USA, erreicht. Ludwig Stern und seine Frau Meta sprechen kein Wort Englisch. Das Leben beginnt von vorn.Von New York reisen sie nach Seattle an der Westküste der USA, wo Verwandte leben. Bis zum Kriegsende schuftet Ludwig Stern in einer Gerberei. Häute-Abziehen im Akkord, 25 Cents pro Tier, drei Tiere pro Stunde. Dann, 1946, hat er das Geld zusammen, um eine Metzgerei zu eröffnen. Die Sterns wohnen in einer kleinen Wohnung hinter dem Laden. Ludwig Stern verkauft deutsche Wurst, koscher hergestellt, aber kein Jude will mehr etwas Deutsches essen. Er geht pleite, leiht sich Geld, eröffnet wieder, diesmal ohne deutsche Wurst. Auch die guten Messer aus Solingen benutzt er nicht mehr. Deutsch und jüdisch, das passt für ihn nicht mehr zusammen. Als die junge Bundesrepublik den Überlebenden des Holocaust erstmals Wiedergutmachung zahlt, stellt Ludwig Stern keinen Antrag. "Wir werden ihnen keine Gelegenheit geben, sich zu entschuldigen", sagt er zu seinem Sohn.Wenn man mit Robert Stern über seine Jugend spricht, dann spürt man noch heute Dankbarkeit seinen Eltern gegenüber. Sie haben ihm, dem Flüchtlingskind, trotz der Armut beigebracht, stolz zu sein. Der Junge giert nach Wissen, das allerdings können ihm seine Eltern, die nur die Volksschule besucht haben, nicht vermitteln. "Das einzige Buch, das wir im Haus hatten, war das Telefonbuch", sagt er. In der Schule, dort wo die Bücher sind, fühlt er sich wohl, überspringt gleich zwei Klassen. Zuhause, in der Fleischerei, muss er für seine Eltern dolmetschen und Bestellungen austragen. Diese Welt wird ihm zu klein.Mit 17 erhält Robert Stern ein Stipendium für die Eliteuniversität Harvard. Seine Eltern fragen ihn, ob das wirklich sein müsse, dass er studiert, und dann auch noch an der Ostküste, tausende von Kilometern entfernt. Schließlich lassen sie ihn gehen. In Boston schreibt er sich für Biochemie ein. Er ist überwältigt von der Aura des Geistes, wie er es nennt. Hier gilt nicht Herkunft und soziale Stellung, sondern die Kraft des logischen Arguments. Er beginnt, naturwissenschaftlich zu denken. Aktion, Reaktion. Problem, Lösung. Seinen Abschluss macht er mit Auszeichnung. Danach studiert er Medizin und promoviert, mit gerade einmal 24 Jahren. Mit Anfang 30 wird er Professor für Pathologie und Labormedizin an der University of California.Es ist ein rasender Aufstieg, eine Verwirklichung des amerikanischen Traums. Vom Sohn eines Viehhändlers aus der deutschen Provinz, vom Flüchtlingskind zum angesehenen Professor in drei Jahrzehnten. Seitdem glaubt Robert Stern, dass Bildung der Schlüssel ist, Dinge zu verändern.Das medizinische Labor der Al-Quds-Universität in Abu Dis. Ein enger Raum, getaucht in das kalte Licht von Leuchtstoffröhren. Alles wirkt improvisiert. Neben dem veralteten Kühlschrank steht ein Behälter mit flüssigem Stickstoff. Um die Zellkulturen zu kühlen, falls der Strom mal wieder ausfällt. Robert Stern taucht eine Pipette in ein Glasgefäß mit leuchtend roter Flüssigkeit. Seine Arme steckt er dazu durch den Spalt in der Scheibe des Chemikalien-Abzugs. Vorsichtig träufelt er die Lösung in eine Petrischale. Hinter ihm stehen drei seiner Studentinnen. Sie tragen die Kopftücher eng gebunden. Stern will mit diesen jungen Frauen ein Protein isolieren, das niemand zuvor gesehen hat. Es soll ein Meilenstein werden auf dem Weg zu einem Medikament, das Viren angreift und zerstört, ähnlich wie es Antibiotika mit Bakterien tun. Es soll ihre Chance sein. Eine Erfindung "made in Palestine".Robert Stern kritzelt chemische Formeln auf eine Tafel an der Wand. "Das ist ein hübsches Experiment", sagt er. "Das hat noch keiner gemacht, deswegen müssen wir jetzt schnell Papiere veröffentlichen, wir müssen aggressiv sein." Er blickt zu den jungen Frauen, die auf Plastikstühlen hocken und Notizen machen. "Das ist wie bei einem Hund, der sein Revier markiert, das nennt man akademisches Pinkeln." Der internationale Wissenschaftsbetrieb folgt Spielregeln, die sie hier erst noch lernen müssen.Robert Stern sagt über seine Studenten, dass sie fantastisch seien, dass er noch nie so gute Schüler gehabt habe und dass er sich geehrt fühle, so wissbegierige junge Menschen zu unterrichten. Insgesamt sind es 42 Medizinstudenten, ausgewählt aus über tausend Bewerbern. Ein Elitestudium für junge Leute, die unter schwierigen Bedingungen leben.Die meisten von ihnen kennen Israelis nur als Besatzer, die mit Sturmgewehr und Sonnenbrille an den Checkpoints stehen oder die die jüdischen Siedlungen bewachen, deren Straßen nicht zerlöchert sind und in deren Häusern immer Wasser fließt. Anders als die Israelis dürfen sich die Palästinenser nicht frei bewegen. Die wenigsten der Studenten waren schon einmal in Israel, geschweige denn im Ausland. Es ist kein Umfeld, in dem Toleranz gedeiht. Vom Campus aus blickt man auf die "Apartheids-Mauer", wie sie die Palästinenser nennen. Hier, östlich von Jerusalem, legt sie sich über die ockerfarbenen Berge wie eine Schlange. Israel bezeichnet das Bauwerk offiziell als "Anti-Terror-Zaun".Im Foyer des Hauptgebäudes der Uni steht eine lebensgroße Pappfigur, sie trägt eine Kalaschnikow und eine Panzerfaust. Das Gesicht ist vermummt, nur die Augen sind unter der Sturmmaske zu sehen, darüber ein grünes Stirnband mit Koranversen. Der Kämpfer aus Pappe bewacht den Eingang zu einem schwarzen Zelt, drinnen sind Fotos ausgestellt. Verstümmelte Kinder aus Gaza, zerstörte Häuser, weinende Menschen. Daneben Fotos kampfbereiter junger Palästinenser mit Gewehren und Sprengstoffgürteln. Schließlich verwundete israelische Zivilisten, Krankenwagen mit Davidstern, trauernde Juden mit Kippa an einem Soldatengrab. Es ist die übliche antiisraelische Propaganda. Robert Stern muss daran vorbeigehen, um zu den Hörsälen zu gelangen. Er hat sich die Ausstellung noch nie angeschaut."Ich probiere neutral zu sein", sagt Robert Stern beim Gang über den Campus, "aber es ist sehr schwierig." Nur zögernd redet er über Politik, wissend, dass im Nahen Osten jede Äußerung sofort darauf abgeklopft wird, auf wessen Seite einer steht. "Diese jungen Leute leben in einer Situation voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit", sagt er. "Verzweiflung kann zu schrecklichen Dingen führen. Das ist der Grund, warum der Faschismus so erfolgreich war. Man muss diesen jungen Menschen ihre Würde zurückgeben, bevor sie den falschen Weg einschlagen." Er blickt in die Ferne, dorthin wo die Mauer steht, und wahrscheinlich weiß er, dass er bei seiner Mission nicht über den Konfliktparteien steht, sondern höchstens zwischen ihnen. Dann sagt er: "Aber keine Seite ist ohne Schuld, man braucht auf beiden Seiten eine neue Generation."Der Dekan der medizinischen Fakultät, gehört zur alten Generation. Auf dem Campus erzählt man hinter vorgehaltener Hand, dass der Mann, hohes Mitglied der regierenden Fatah, im armen Palästina drei Autos besitzt. Wenn er sich überhaupt an der Uni blicken lässt, kommt er spät und geht früh. Er steht exemplarisch für die gesellschaftliche Macht der Fatah. Und er steht für all das, was Robert Stern verabscheut: Korruption, Inkompetenz, autoritäres Gebaren.Einmal, erzählt Robert Stern, machte ein Medizin-Student in einem Pharmakologie-Kurs seinen Professor darauf aufmerksam, dass eine Formel auf einer der an die Wand projizierten Folien so nicht stimmen könne. Anstatt den berechtigten Einwand aufzugreifen, schrie der Professor den Studenten an und warf ihn aus dem Seminar. Wenig später, der junge Mann saß gerade in einer Vorlesung Robert Sterns, betrat der Dekan den Raum und befahl den Studenten in sein Büro. Zitternd sei dieser anschließend in seinen Kurs zurückgekommen. "sie werden mich rausschmeißen", habe er gesagt. Seitdem stelle kaum noch jemand kritische Fragen."Die Studenten werden hier regelmäßig beleidigt, erniedrigt und eingeschüchtert", sagt Robert Stern. Es hat gedauert, bis sie verstanden haben, dass es in seinen Kursen anders läuft, dass bei ihm der Gedanke zählt, nicht die Stellung desjenigen, der ihn äußert. Ihn seinen Vorlesungen lässt er jede Frage zu. Er fordert seine Studenten auf, zu argumentieren statt Lehrbuchwissen nachzubeten. Bei ihm sollen sie die Zusammenhänge verstehen, die sie bei den anderen Dozenten nur auswendig lernen. Wenn Robert Stern seinen Studenten erklärt, was er unter Wissenschaft versteht, ruft er ihnen zu: "Stellt Autorität in Frage, stellt alles in Frage!"Ein paar Monate später steht Robert Stern vor einem schmalen einstöckigen Haus in Guldental, einem Dorf in der Nähe von Bad Kreuznach. Auf der Reise von Jerusalem nach New York hat er einen Zwischenstopp eingelegt, um die Vergangenheit zu besuchen. Das gelbe Haus ist so klein, dass es schwer fällt, sich vorzustellen, wie hier die siebenköpfige Familie Stern gelebt haben soll. Ein Zimmer breit, zwei oder drei lang. Das Fenster zur Straße füllt die Front beinahe ganz aus.Der Weg, der hinter seinem Elternhaus vorbeiführt, heißt noch heute Judengasse, der Name steht weiß auf blauem Grund an der Fassade. Robert Stern blickt sich um, er sagt, er erkenne das große Haus nebenan, das sei die Schule gewesen, dahinter habe der Bäcker gewohnt. "Hier vorne war ein Erdweg und da, unter dem Fenster, eine Bank, auf der man Würstchen gegessen hat", sagt er. Es sind wohl vor allem die Erzählungen der Eltern, die Robert Stern das Gefühl geben, sich zu erinnern. Als die Familie 1938 fliehen musste, war er gerade einmal zwei Jahre alt.Im vergangenen Jahr beantragte er auf dem Standesamt in Bad Kreuznach, seinen deutschen Pass wiederzubekommen. "Mir wurde meine Staatsangehörigkeit illegal genommen", sagt er. "Ich wollte nur mein Recht." Robert Stern will nicht mit der Wut leben, wie er sagt. Wahrscheinlich könnte er es auch gar nicht. "Man kann Rache oder man kann Frieden haben", sagt er, "beides geht nicht." Er hat seinen Frieden mit seiner deutsch-jüdischen Vergangenheit gemacht. Anders als seine Eltern, die das nicht konnten.Später sitzt Robert Stern in einem Café am Kornmarkt in Bad Kreuznach, draußen auf dem Platz stehen Bratwurst- und Bierstände, wie jedes Jahr zu Pfingsten wird das "Nahe-Spektakel" gefeiert, benannt nach dem Fluss, der hier fließt, mit Fassbieranstich und Badewannenrennen auf dem Mühlenteich. Interessiert beobachtet Robert Stern das Geschehen. Einige Meter entfernt bestellt sich ein Mann eine "Riesenbratwurst XXL". Als der Verkäufer die Wurst von einem halben Meter Länge über die Theke reicht, sagt Robert Stern: "Es ist erstaunlich, wie viel Fleisch hier gegessen wird."Sein Deutsch ist fließend, es ist seine Muttersprache, auch wenn er sie über Jahrzehnte kaum benutzt hat. Manchmal fehlt ihm das richtige Wort. Dann klopft er sich mit den Fingern auf die Halbglatze, sucht in seinen Erinnerungen, bis er ein Wort findet, das so ähnlich klingt. "Ich bin wie ein Papagei", sagt er dann, "ich plappere nur nach, was ich höre." In der Tasche hat er einen Stapel Karteikarten, von einer Büroklammer zusammengehalten. Sie sind sein Vokabelheft. Er führt den Stift eng und zackig, wenn er sich neu entdeckte Wörter aufschreibt. Ein 73-Jähriger, der immer weiter lernt.Bevor er die kleine Stadt verlässt, will Robert Stern noch den alten jüdischen Friedhof besuchen. Aber niemand weiß, wo er ist, auch die Taxifahrerin nicht. Die Frau will helfen, sie fährt mit Robert Stern zwischen den Dörfern hinter Bad Kreuznach umher, sie bremst, wenn sie einen Passanten sieht, lässt die Scheibe herunter und ruft in breitem Pfälzisch: "Wir suche de Jude-Friedhof!" Schulterzucken, immer wieder. Das Benzin droht knapp zu werden, doch Robert Stern will weiter suchen. "Fahren sie", sagt er. Tief im Wald, einige Kilometer hinter der Müllkippe, läuft ein Jogger, der alle Forstwege kennt. Auch den, der zu dem alten Friedhof führt, den keiner mehr benutzt, weil es niemanden mehr zu begraben gibt.Verwitterte Grabsteine stehen auf einer kleinen Lichtung, Farn überwuchert viele der hebräischen Inschriften. Robert Stern schreitet die Reihe ab. Vor einem Stein hält er an. Karoline Stern, 1845-1910, seine Urgroßtante. Wenige Meter weiter steht ein schwarzes Monument mit 16 eingravierten Namen. Elf Mal der Name "Stern".Hörbar atmet Robert Stern die kühle Waldluft ein und blinzelt gegen die Sonnenstrahlen, die vereinzelt durch das Blätterdach fallen. Dann bückt er sich langsam, puhlt einen kleinen Kiesel aus dem Boden und legt ihn sacht auf dem glatten Gedenkstein ab. Unten rechts ist zu lesen, wer den Stein hier aufgestellt hat: "Die Überlebenden". Robert Stern ist einer der Letzten.Er klettert über das hüfthohe Friedhofstor mit der Aufschrift "Betreten verboten", noch einmal blickt er auf die Grabsteine. Dann dreht er sich um und geht zum Taxi, das auf dem Forstweg auf ihn wartet und zum Bahnhof fährt.Robert Stern wird nicht mehr zurückkehren an die Universität im Westjordanland. Der Universitätsrektor hat ihm einen Brief geschickt. Er hätte auch mit Robert Stern reden können, aber er schickte lieber ein Schreiben, das die Form wahrt. Der Rektor bedankt sich darin für die Arbeit, die Robert Stern bisher geleistet habe. Er betont, dass er, der renommierte Akademiker, ein großer Gewinn für die medizinische Fakultät sei. Dann schreibt er, dass man ab dem kommenden Semester auf seine Dienste verzichten werde. Hochachtungsvoll.Robert Stern glaubt, dass die Klausur schuld war, die er am Beginn des Semesters schreiben ließ. Die Studenten sollten einen jener Multiple-Choice-Tests entwerfen, die sie bei den anderen Professoren absolvieren müssen. Robert Stern hält diese Ankreuztests für eine Beleidigung der Intelligenz. Seine Klausur war eine Provokation. Eine zu viel.Als er den Hörsaal für seine letzte Vorlesung betrat, standen die Studenten auf und applaudierten, zehn Minuten lang, wie er sagt. Dann kam eine der Studentinnen zu ihm nach vorne und überreichte ihm im Namen aller ein Abschiedsgeschenk. Es war eine Kette. An ihrem Ende baumelte ein kleiner silberner Davidstern."Ehrlich gesagt war die Zeit dort auch eine Art Ego-Trip für mich", sagt Robert Stern, "aber was ich wollte, hat funktioniert: Ich habe ihnen das Fragen eingepflanzt." Die richtigen Antworten müssen sie nun selber finden.Stern wird jetzt in New York über Influenza-Viren forschen und dann, wenn alles klappt, nach Nablus gehen, nördlich von Jerusalem, zurück ins Westjordanland. Ein Mäzen will dort eine Medizinschule eröffnen und hat gefragt, ob Robert Stern dort lehren möchte. Die Mission ist noch nicht beendet.------------------------------Foto: "Man kann Rache oder man kann Frieden haben, beides geht nicht." Robert Stern bei einem Besuch in Bad Kreuznach.Foto: "Was ich wollte hat funktioniert: Ich habe ihnen das Fragen eingepflanzt." Robert Stern mit palästinensischen Studenten im Westjordanland.