Er ist 22, er lebt in Moldawien und hat für dreitausend Dollar eine seiner Nieren verkauft - und er ist nicht der Einzige in seinem Dorf: Vladmirs Narben

MINGIR, im Juli. Eine solche Geschichte kann jeder erfinden. Vladmir Diminet ahnt den Zweifel. Etwas verlegen krempelt er den Pullover hoch und zeigt die zwanzig Zentimeter lange Narbe über der linken Hüfte. Es stimmt also. Der 22 Jahre alte Mann hat sich eine Niere herausoperieren lassen. Wie mindestens dreizehn weitere gesunde Menschen im Ort. Wahrscheinlich sind es viel mehr. Die Rede ist von fünfzig. Die Leute in Mingir, einem Dorf mit rund viertausend Einwohnern, hundert Kilometer südwestlich von Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, sprechen nicht gerne über das, was geschehen ist - und wohl weiter geschieht, wenn nicht hier, dann in anderen Dörfern im ärmsten Land Europas.Mingir liegt in einer fruchtbaren Landschaft. Rebstöcke, Tabakplantagen und Weizenfelder ziehen sich über sanft geschwungene Hügel hin. Moldawien gehörte einst zu den reichsten Sowjetrepubliken. Hier wurde der Wein angebaut, mit dem sich die Nomenklatura in Moskau versorgte. Und im fernen Sibirien schwärmte man vom moldawischen Cognac. Damals, so sagen die Leute, flossen Milch und Honig.Heute erreicht der unabhängige Staat, der zwischen Rumänien und der Ukraine eingeklemmt ist, ein Bruttosozialprodukt, das knapp 35 Prozent desjenigen von 1990 beträgt. Entsprechend sieht Mingir aus: heruntergekommen. Jedes Gefährt zieht eine große Staubwolke hinter sich her. Vom Kulturzentrum bröckelt der Putz, auch das Dorfkino ist seit Jahren verwaist, und auf dem Platz vor dem Gemeindehaus wuchert Unkraut. Nur die Kirche sieht besser aus. Vor drei Jahren wurde sie renoviert. An diesem Sommertag liegen etwa zwei Dutzend selbst gebackene Brote und einige Eier vor der Ikonenwand im Inneren der Kirche. Daneben steht ein großer Plastikeimer voll Rotwein. Es ist der Tag des Dorfheiligen, und die Armen haben für die noch Ärmeren gespendet.Vladmir Diminet wohnt am Rand des Dorfes. Er öffnet das hohe Holztor und gibt den Blick auf das ärmliche Anwesen frei. Links ein Koben, aus dem zwei Schweine grunzen, ein Kaninchenstall und ein halbes Dutzend Hühner, rechts das Häuschen. Drei Zimmer: In der Mitte die Küche mit einem kleinen Beistellherd, auf der einen Seite davon Vladmirs Schlafraum, zwei mal drei Meter, auf der anderen das nicht viel größere Schlafzimmer des Vaters. Hinter dem Haus ein Garten, in dem ein Plumpsklo mit vier Holzwänden steht, und dahinter ein kleiner Rebberg. Fließendes Wasser gibt es nicht. Man geht zu einem der Dutzend Ziehbrunnen im Dorf.Die Mutter ist vor acht Jahren gestorben, die Schwester legal in die Ukraine ausgewandert, der Bruder illegal nach Deutschland. So lebt Vladmir nun mit seinem Vater allein. Arbeit hat er keine. Sein Vater, sechzig Jahre alt, erhält eine monatliche Pension von 120 Lei, was gerade mal acht Euro entspricht. Da ist man froh, um jedes Ei, das die Hühner legen, und um jedes weitere Kaninchen. Einmal im Jahr wird ein Schwein geschlachtet. Der Wein reicht gerade für den eigenen Bedarf. Wie auch der scharfe Schnaps und die wenigen Kirschen.Vor drei Jahren hat Vladmir über einen Freund erfahren, dass eine Frau aus dem Dorf Arbeit vermittle. So suchte er die 24 Jahre alte Mariana Boizeonu auf. Sie versprach ihm einen Job in einer türkischen Fabrik.Stockend berichtet der schmächtige, in sich gekehrte Mann, wie alles seinen Anfang nahm: "Sie besorgte mir einen Pass und kaufte mir ein Bus-Billet. Wir fuhren zusammen mit einer andern Frau von hier, die in derselben Fabrik arbeiten wollte, über Rumänien und Bulgarien in die Türkei. Dort kamen wir in einem Hotel unter, wo nach drei Tagen eine Moldawierin eintraf. " Es war die inzwischen von Interpol gesuchte Nine Scobiola. Aber das erfuhr Vladmir erst später. "Sie sagte uns, die Fabrik sei leider Pleite gegangen. Wir überlegten, was wir tun könnten. Geld hatten wir ja keines. Schließlich gab uns die Frau den Tipp, eine Niere zu verkaufen. Dafür gebe es dreitausend Dollar. Sie könne die Sache vermitteln. " Dreitausend Dollar - dafür arbeitet in Moldawien ein Arzt bei einem monatlichen Salär von umgerechnet 25 Dollar zehn Jahre lang und ein Lehrer sogar dreizehn. Vladmir überlegte nicht lange. Er wurde zu einer Privatklinik geführt. Wie der Chirurg hieß, der ihn operierte, hat er nie erfahren. Schriftliche Unterlagen besitzt er keine. Aber höchstwahrscheinlich war es Yusuf Sönmez, der in der türkischen Presse zum "Dr. Frankenstein" avancierte und der nach einem BBC-Report eine Reihe von Männern aus Mingir um eine Niere erleichtert hat.Sönmez, der einzige privat arbeitende Nierenspezialist der Türkei, wurde in den letzten fünf Jahren schon sechsmal wegen Verdachts illegaler Transplantationen festgenommen, zuletzt am 14. März dieses Jahres. Da stieß die Polizei bei einer Razzia in seiner Privatklinik in Istanbul auf zwei Moldawier, denen eine Niere entnommen, und auf zwei Israelis, denen eine Niere eingesetzt worden war. Doch kam Sönmez wieder auf freien Fuß, da er ein Dokument vorlegte, auf dem die Moldawier mit ihrer Unterschrift bestätigten, ihre Niere freiwillig zu spenden. Ein Verkauf der Organe konnte nicht nachgewiesen werden. So einfach war das.Adrian Tanase kennt die Geschichten aus Mingir. Der Chef des Dialyse- und Nierentransplantationszentrums des staatlichen Spitals von Chisinau musste auf Anforderung der Polizei bereits fünf junge Männer untersuchen, die sich im Ausland eine Niere hatten herausoperieren lassen. Er geht davon aus, dass es in Moldawien noch mehr Dörfer wie Mingir gibt, wo sich Menschen bereit finden, eine ihrer Nieren zu verkaufen. Doch über diesen Skandal mag er nicht reden. "Das ist ein soziales Problem", sagt er, "ich bin Arzt, bitte schauen Sie sich den Dialyseraum an. " Tanase hat 91 Patienten, die an einer künstlichen Niere hängen, zum größten Teil sind es alte Apparate aus sowjetischen Zeiten. Nur bei jedem Dritten kommt eine Transplantation überhaupt infrage. Die Wartezeit beträgt zwei bis drei Jahre, und das halten nicht alle durch.Rund 250 Nieren hat der Arzt schon transplantiert, auch von Lebendspendern. Doch in Moldawien herrschen strenge Gesetze. Nur Verwandten ersten Grades darf ein Organ gespendet werden. Solange es aber an verfügbaren Nieren mangelt, werden zahlungskräftige Patienten im Ausland immer skrupellose Ärzte finden, die mit dem Organhandel Profite erzielen, von denen Menschen wie Vladmir Diminet und auch Adrian Tanase nur träumen können. Bis zu zweihunderttausend Dollar lassen sich Dialysepatienten in der Türkei eine neue Niere kosten.Schon vor anderthalb Jahren warnte die Weltgesundheitsorganisation, dass der Verkauf von Nieren aus Moldawien sich zu einem regelrechten Geschäftszweig zu entwickeln drohe. Sicher ist, dass der Organhandel weltweit längst zu einem lukrativen Gewerbe geworden ist.Noch fünf Tage behielt man Vladmir nach der Operation in der Klinik, dann brachte man ihn in eine Privatwohnung, wo er weitere elf Tage blieb und wo man ihm schließlich die versprochenen dreitausend Dollar aushändigte. Danach fuhr er mit dem Bus wieder nach Mingir zurück. Dort traf er schon bald die Frau wieder, die mit ihm in die Türkei gefahren war, um in der Fabrik zu arbeiten. Sie war nach Georgien gebracht worden und ebenfalls mit nur einer Niere zurückgekehrt.Heute ist Vladmir so arm wie zuvor. Vierhundert Dollar hat er seiner Schwester geschenkt, die in der Ukraine lebt; sechshundert Dollar gab er seinem Bruder, der das Geld brauchte, um die Schlepper zu bezahlen, die ihn nach Deutschland schleusten. Dann kaufte er sich noch einen Fernsehapparat.Kurz danach schon kamen drei maskierte Männer, schlugen ihn zusammen, raubten ihm den Fernseher und knöpften ihm auch das übrig gebliebene Geld ab. Es waren Leute aus dem Dorf, die offenbar wussten, dass er in der Türkei eine Niere verkauft hatte und dass es bei ihm etwas zu holen gab. Einen erkannte Vladmir sogar. Aber den Namen mochte er der Polizei im Dorf nicht verraten. Doch in Chisinau erstattete er Anzeige gegen ihn. Zu Ermittlungen kam es nie.Auch Mariana Boizeonu, die mindestens ein Dutzend Männer aus dem Dorf mit dem Versprechen auf Arbeit in die Türkei gelockt hatte, um sie dort an Nine Scobioala weiterzureichen, wird offenbar nicht ernsthaft gesucht. Sie wohnt in einem armseligen Häuschen aus gestampftem Lehm.Erst nach mehrmaligem Klopfen öffnet sich die Tür. Heraus tritt ihr Vater, ein misstrauischer Bauer mit mürrischem Gesicht. "Wir möchten gerne Mariana sprechen. " - "Sie ist nicht hier. " - "Ist sie denn schon länger weg?" - "Seit heute Früh. " - "Wann kommt sie wieder?" - "In zwei Wochen. " - "Wenn sie in die Hauptstadt gefahren ist, könnten wir sie ja vielleicht dort treffen. " - "Ich weiß nicht, wohin sie gegangen ist. " Kaum anzunehmen, dass er es nicht weiß. Versteckt sie sich im Haus? Der Mann gibt uns unmissverständlich zu verstehen, dass wir verschwinden sollen. Auch die Nachbarn, die sich vor dem stattlichen Miststock eingefunden haben, sind nicht gesprächiger. "Es ist besser, wenn Sie hier verschwinden", sagt einer und greift zu einem Holzknüppel.Vladmir Diminet, weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Er fühlt sich schwächer als vorher, hat Probleme mit der anderen Niere gekriegt. Er musste sogar ins Krankenhaus der Bezirkshauptstadt, verließ es aber schon nach einer Woche, weil er die 250 Lei, umgerechnet fünfzehn Euro, für die Medikamente nicht aufbringen konnte.Vladmir sagt: "Mit nur einer Niere werde ich in Mingir doch nie eine Frau finden, so einen wie mich will doch niemand. " Dabei ist er erst 22 Jahre alt. So lebt er zurückgezogen, verbittert und hofft, dass sein Bruder sich eines Tages erkenntlich zeigt und ihm Geld aus Deutschland zukommen lässt, damit er nachkommen kann. In Moldawien sieht er für sich keine Zukunft.Die Leute im Dorf Mingir sprechen nicht gerne über das, was geschehen ist - und wohl weiter geschieht, wenn nicht hier, dann in andern Dörfern im ärmsten Land Europas.Noch fünf Tage behielt man Vladmir nach der Operation in der Klinik, dann brachte man ihn in eine Privatwohnung, wo er weitere elf Tage blieb und wo man ihm schließlich das Geld aushändigte.Foto: MICHAEL NAJJAR Vladmir Diminet ließ sich eine Niere in der Türkei herausnehmen. Wer ihn operierte, hat man ihm nicht gesagt. Schriftliche Unterlagen besitzt er keine.