BERLIN, 20. Mai. Im März 1999 war es wieder an der Zeit, den Leuten zu erzählen, was vor sich geht im Staate Paraguay. Verstimmt trat José Luis Chilavert vor ein paar Mikrofone und verkündete, er habe in den letzten Nächten nicht gut geschlafen, denn Unbekannte wollten ihm ans Leben, und das bloß, weil er erkannt habe, was für eine Bananenrepublik dieser Landstrich sei, der sich hochtrabend und völlig zu Unrecht souverän nenne. Was passiert war: Paraguays Vizepräsident Luis Maria Arga a war auf offener Straße ermordet worden, und Chilavert, im Rang des ersten Keepers der Republik, glaubte, im einstigen General Lino Oviedo den Urheber des Greuels identifiziert zu haben.Aus der Distanz betrachtet war dies nur eine belanglose Episode mehr im Leben eines Mannes, dem beharrlich der Ruf eines Größenwahnsinningen vorauseilt. Doch das Problem der Aussage war deren Wahrheitsgehalt: Der Torhüter hatte offenbar einen empfindlichen Punkt gestreift, und das ist manchmal gefährlich. Ein Jahr später rückten Oviedos Anhänger mit Panzern gegen das Regierungsgebäude in Asunción vor. Der Putsch scheiterte.Es war nicht die erste politische Wortmeldung Chilaverts. Unablässig betont der Mann, der sich selber als besten Torhüter der Welt bezeichnet, seinen Willen zum demokratischen Engagement. Das aber soll keines in zweiter Reihe sein, nein, Chilavert strebt nach höchsten Ämtern: "Ich will Staatspräsident werden." Seine Vorschläge zur Erneuerung: Die Etats für Bildung und Gesundheit sollen zu Lasten des Militärs wachsen. Maßlose Exzentrik Chilaverts Worte würden kaum Widerhall finden, wären die politischen Verhältnisse in seiner Heimat nicht derart verworren. Ein kleines Land mit mehr Einwohnern als Berlin, doch mit weniger als London; ein Land, in dem immer noch Menschen die Fäden ziehen, deren einflussreiche Familien dem langjährigen Diktator Alfredo Stroessner ergeben waren. So findet der Nationalkeeper mit seinen polarisierenden Stellungnahmen immense Beachtung - im fernen Europa, wo er mit Racing Straßburg in der zweiten französischen Liga spielt, beinahe noch mehr als in seiner Heimat, wo immer mehr Menschen in dem Exzentriker einen Profilneurotiker erkennen, dem jedes Mittel Recht ist, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Er fühlt sich wohl in der Gegenwart von großen Männern. Augusto Roa Bastos, Paraguays renommiertester Schriftsteller und einer der bedeutendsten südamerikanischen Autoren, profitierte einst tatsächlich von der Zuneigung Chilaverts, als dieser ihm eine lebensnotwendige Herzoperation bezahlte. Kritiker indes sahen darin ein Manöver Chilaverts, sich nun auch noch im Zirkel der führenden Intellektuellen etablieren zu wollen - ohne freilich über das notwendige Format dafür zu verfügen. Sein Streben nach politischen Ämtern decouvrieren immer mehr Paraguayer als blanken Opportunismus: "Ich will dieses Land reinwaschen" - José Luis Chilavert wird kaum einmal die Gelegenheit erhalten, sich an solchen Sprüchen messen zu lassen. Dokumentiert ist sein Hang zur Gewalttätigkeit - gleich mehrfach rutschte ihm die Faust aus; ebenso notorisch ist sein beinahe diktatorisches Auftreten innerhalb der Mannschaft: Wohlerzogene Burschen wie Bayerns Münchens Stürmer Roque Santa Cruz kuschen im Nationalteam vor dem bulligen Hünen, der alles bedingungslos dem Erfolg unterordnet und darin an den beinahe manischen Torwartkollegen Oliver Kahn erinnert. Eindrücklich sind die Belege seiner Klasse: Dreimal wurde er als "Welttorhüter des Jahres" geehrt. Vélez Sarsfield, ein argentinisches Team der mittleren Kategorie, führte Chilavert zum Weltpokalsieg über den AC Milan, und die paraguayische Nationalelf, ein Kollektiv von Defensivartisten, lief selbst den ballgewandten Brasilianern in der WM-Qualifikation den Rang ab. Seine Fertigkeit als kompletter Torwart wird noch übertroffen von der eines vollwertigen Feldspielers: Er erzielt mehr Freistoßtore als David Beckham und trifft vom Elfmeterpunkt so sicher wie ehedem Paul Breitner. 58-mal hat er getroffen, häufiger als jeder andere Torhüter. Konsequent interpretiert er die Position des Schlussmannes als die eines privilegierten Feldspieler; eines Spielers, der den Ball mit den Händen greifen darf. "Ich bin der Prototyp des Torwarts des dritten Jahrtausends", sagt Chilavert, und auch in diesem Satz liegt viel Wahrheit.Universell übertragbar seien solche sportliche Aussagen auch auf die Zukunftsplanung des José Luis Chilavert, sagen manche Kritiker, und dies zeige, was für ein Mann dieser Torwart aus Asunción tatsächlich sei: Ein Mann, der sich zu Höherem berufen fühlt. "Ich bin die Zukunft, die Vergangenheit und die Gegenwart", lässt der vom Torhüter so verehrte Augusto Roa Bastos den paraguayischen Staatsgründer und Diktator, den Putschistengeneral Dr. Francia, in seinem Roman "Ich der Allmächtige" sagen. Er könnte von Chilavert stammen, dieser Satz.Abschiedsspiel (1) // Eine WM ist eine Zäsur. Große Spieler verlassen die Bühne, neue treten auf. Wer die Hauptdarsteller vom 31. Mai bis 30. Juni in Asien sein werden, lässt sich kaum prophezeien. Figo, Zidane, Beckham sind vorgeschlagen, aber die drei sind verletzt oder ausgezehrt nach einer langen Saison. Welcher junge Profi nutzt die Vakanz? Welcher Alte das Turnier noch einmal als Bühne?In elf Folgen stellt die Berliner Zeitung eine kuriose Auswahl der Senioren vor. Profis, für die die WM die letzte Chance zu einem großen Auftritt birgt. Manche werden es weiter versuchen, kaum einer aber dürfte es schaffen bis zur WM 2006.DPA/OMAR TORRES Netz aus Korruption und Verbrechen: José Luis Chilavert (36) will die Verhältnisse in Paraguay umkehren.

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