Dass die DDR ein Eldorado des Kulturplakats war, ist heute sichtbarer noch als zu der Zeit ihres Bestehens.Es war die positive Kehrseite des Umstands, dass es aus Mangel an Waren und an Warenkonkurrenz Industriewerbung schon in den Sechzigerjahren kaum noch gab, wohl aber Theater-, Film-, Ausstellungsplakate in großer Zahl. Ihre grafische Gestalt war frei von der Beeinflussung durch Elemente der Warenwerbung; so konnten sich hier in späteren Jahren künstlerische Individualitäten auf breiter Front und mit einer Fülle von Handschriften entfalten.Unter den vielen Grafikern, die auf diesem Feld unerschöpflich tätig waren, nahm der 1936 im schlesischen Riesengebirge geborene und nach dem Krieg in Thüringen aufgewachsene Karl-Heinz Drescher eine besondere Rolle ein. Er tat es einmal durch seine 37 Berufsjahre umfassende Bindung an ein Theater, das Berliner Ensemble, als dessen Hausgrafiker er nicht nur für Programmhefte, S-Bahn-Anschläge und vieles andere zuständig war, sondern auch mit eigener Hand die Lettern der täglich ausgehängten Aufführungs-Fahnen auf große Tücher schrieb.Er tat es zum andern durch eine typographische Kompetenz, die sich in zahlreichen reinen Schriftplakaten bekundete, nicht nur für das eigene Haus, sondern auch für andere Theater, so die Studentenbühne BAT, der er 16 Jahre lang die Affichen lieferte. "Gestalterisch bedeutete das für mich", schrieb er in dem Bildband, der seine Lebensarbeit dokumentiert ("Trommeln für Brecht", Edition Pentagraph), "dem Stücktitel den größtmöglichen Raum zu geben und die Aufführungsdaten in lesbarer Größe anzubieten, bei jedem Plakat ein zirzensischer Akt."Lesbarkeit, Deutlichkeit, Prägnanz des Sachlichen, Vorrang des Einfachen - das waren die Maximen, aus denen sich ein Plakat-Å'uvre speiste, das kraft seiner Kontinuität wie kaum ein anderes Zeugnis von einer Kulturepoche gibt, die von Brechts Werk entscheidende Impulse empfangen hatte.Als Drescher 1962 von der Hallenser Hochschule Burg Giebichenstein zum Berliner Ensemble kam, war seine erste Arbeit ein Plakat, das man auf der Bühne für Brechts "Tage der Commune" brauchte: ELISEZ LA COMMUNE stand da in Grotesk-Versalien auf dunkelrotem Grund. Sein Theaterplakat für dieselbe Aufführung wandelte diese Lösung ab, es stand am Anfang einer exemplarischen Reihe. Auch, wenn Drescher dafür mit Foto-Collagen operierte, gelangen ihm immer wieder schlagende Bildfindungen; berühmt wurde ein "Fatzer"-Plakat, das den Autor, Brecht also, im dunklen Ledermantel mit einem schwarzen Balken über den Augen zeigte.Gab der Band von 2007 umfassenden Einblick in Dreschers Arbeit, so gab ein zuvor erschienenes Erinnerungsbuch, "Pinselknecht bei Brecht", nicht nur die arglos-humoristische Innenansicht des Theaters, dem er zeitlebens gedient hatte, sondern mittelbar auch des Autors, eines Mannes, dem es gegeben war, überall Freunde zu gewinnen, durch eine Mischung von Beharrlichkeit und Zutätigkeit, von Liebenswürdigkeit und Humor, die auf einen großen Freundeskreis ausstrahlte.Am 19. Mai ist Karl-Heinz Drescher nach langer Krankheit in Berlin gestorben.------------------------------Der Hausgrafiker des Berliner Ensembles schrieb sogar mit eigener Hand die Lettern der täglich ausgehängten Aufführungs-Fahnen auf große Tücher.Foto: Brechts "Fatzer", interpretiert von Karl-Heinz Drescher (1936-2011)