Er wurde der Barmherzige genannt. Aber er war eiskalt. Neun Morde sollen auf sein Konto gehen KRIMINELLES AUS BERLIN SERIE TEIL 4: Hinrichtung beim Abendessen

Zu Essen ist genug da - gekochter Fisch, gedünstetes Gemüse, gebratenes Fleisch und Reis. Dazu gibt es Bier und Schnaps, so viel die Gäste wollen. Die Gäste, das sind die Brüder Van* und Yan*. Sie prosten dem Gastgeber Hao* zu. Der 26 Jahre alte Chef der Tay Hi-Bande hat eingeladen an diesem Freitag, dem 15. März 1996 in seine Wohnung an der Weddinger Schwedenstraße. Neben den Brüdern sitzen an dem Tisch noch sechs seiner Leute - auch alles Vietnamesen. Als Hao auf seine falsche Rolex schaut, sieht er, dass es schon elf am Abend ist. Er ist zufrieden, bislang ist alles nach Plan gelaufen. Seine Männer sind - einer nach dem anderen - aufgestanden und kurz verschwunden. Die Gäste haben nichts bemerkt. Auch als Hao kurz das Zimmer verließ, um das zu tun, was seine Komplizen taten, nämlich ihre Neun-Millimeter-Pistolen zu laden, wurden die beiden Brüder nicht stutzig. Warum auch. Schließlich hat man lange zusammengearbeitet beim illegalen Zigarettenhandel. In letzter Zeit war Hao aber unzufrieden mit Van und Yan, sie sollen nebenher für die Konkurrenz gearbeitet und Interna der Tay Hi-Bande verraten haben. Deshalb hat Hao entschieden, dass für die beiden die Zeit abgelaufen sei. Deshalb nickt er nun seinen Leuten zu. Das ist das vereinbarte Zeichen. Als Van und Yan merken, was für ein Spiel gespielt wird, ist es zu spät, da sind Haos Leute bereits aufgesprungen und haben ihre Pistolen auf die Köpfe der vermeintlich Abtrünnigen gerichtet. Diskutiert wird nicht. Erklärungen, Rechtfertigungen - Hao, der sich selbst den Spitznamen "der Barmherzige" gab, will nichts hören. Wortlos drücken die Vietnamesen ab. Van und Yan sind sofort tot - Rechtsmediziner zählen später im Schädel des einen sechs, im Kopf des anderen sieben Einschüsse.Danach schaffen die Untergebenen des Paten die Leichen fort. Als seine Leute zurück sind, wird angestoßen. Hao sagt stolz: "Wir haben die Schaben getötet." Hao ist der mächtigste Zigaretten-Pate. Er kontrolliert zwei Drittel des Marktes in Berlin und Brandenburg. Er ist aber auch für den Tod von neun Menschen verantwortlich - das jedenfalls wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Rechtskräftig verurteilt ist er noch nicht. Die in Decken gehüllten Leichen wurden eine Woche später neben einem Feldweg in der Nähe von Protzen im Landkreis Ost-Prignitz-Ruppin von Spaziergängern entdeckt. Hao hatte sein Ziel erreicht - der Brüdermord sprach sich unter den Vietnamesen schnell herum, die Angst vor dem Barmherzigen war für die illegalen Zigarettenhändler größer als je zuvor. Hao war auf dem Weg, einer der berüchtigtsten Mörder der Berliner Geschichte zu werden. Einer der nicht selbst tötet, sondern das Morden befiehlt. 1970 wurde er in Vinh in Mittelvietnam geboren. Einen Beruf hat er nie erlernt. Sein Geld verdiente er mit dem Verkauf von gestohlenen Mopeds. Er war begeistert als er von Freunden hörte, wie gut es ihnen in Berlin geht, wo sie unversteuerte Zigaretten an Passanten verkaufen. Da wollte er mitmischen. Doch so wie seine Freunde als illegaler Verkäufer an der Straße stehen, das kam für ihn nicht in Frage. Er wollte höher hinaus, andere für sich arbeiten lassen. Hao lieh sich 1994 von einem Bekannten 5 000 Dollar und fuhr in die Hauptstadt Hanoi. Er besorgte sich ein Ticket und flog über Moskau nach Prag. Von dort aus ließ er sich von Schleppern nach Deutschland bringen. Damals beherrschten mehrere Banden aus Nordvietnam den illegalen Zigarettenmarkt im Ostteil Berlins. Die Gangster, meist ehemalige Soldaten der vietnamesischen Armee, erpressten Standgebühren von ihren Landsleuten, die auf den Straßen Zigaretten verkauften. Diese Händler waren meist in den 80er-0 Jahren als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen. Geliefert wurden die Zigaretten von Schmugglern, die sie über die polnische Grenze nach Deutschland brachten. Hao hatte keine Probleme in die Mafia einzusteigen - seine Brutalität verschaffte ihm Ansehen. Bald wurde er stellvertretender Chef der Tay Hi Bande. Als sein Boss von Rivalen getötet wurde, übernahm er dessen Posten. 1995 wurde er festgenommen und saß zehn Monate lang in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft versuchte, ihm einen Mord an einem Vietnamesen in einem Marzahner Wohnheim nachzuweisen. Aber der Prozess platzte, weil ein Hauptbelastungszeuge verschwunden war und sich andere Zeugen nicht mehr erinnern konnten. Hao kam frei. Das steigerte sein Ansehen - seitdem trug er den Beinamen "der Unantastbare". Als Pate reichte Haos Einfluss 1995 bis nach Sachsen und Sachsen-Anhalt. Hao und seine Bande lebten von Schutzgeld, beziehungsweise von den Standplatzgebühren, die sie von Zigarettenhändlern erpressten. Begehrte Plätze wie an der Schönhauser Allee kosteten bis zu 1 500 Euro im Monat. Das meiste des Geldes überwies Hao an Bekannte nach Vietnam. Sie sollten es für ihn aufbewahren.1996 war Hao auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Aber seit dem Mord an den beiden Brüdern waren ihm die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes auf den Fersen. Den Ermittlern gelang es nicht, zu verhindern, dass am 10. Mai 1996 sechs Vietnamesen in einer Wohnung in Marzahn mit Kopfschüssen hingerichtet wurden. Hao soll die Täter geschickt haben. Er hatte drei Tage zuvor während des Bandenkriegs einen Mann verloren und schwor blutige Rache. Seine Leute überwältigten sechs Männer der gegnerischen Bande in der Wohnung und hielten ihnen Pistolen an die Schläfen. Der Plan, den Aufenthaltsort ihres Chefs zu erfahren, ging jedoch nicht auf. Die Vietnamesen schwiegen - und mussten sterben.Am Tag darauf ließ Hao einen seiner Bekannten erschießen. Dieser war bei ihm in Ungnade gefallen, weil er aus der vietnamesischen Provinz stammte, aus der auch Haos Feinde kamen. Acht Wochen später wurde Hao offenbar leichtsinnig. Er war auf die Idee gekommen, den Cousin des Großhändlers Hu* zu entführen und 100 000 Mark Lösegeld zu erpressen. Der Cousin wohnte in einem Heim in Hohenschönhausen. Unter dem Vorwand, mit ihm über ein Geschäft reden zu wollen, wurde der 23-Jährige vors Haus gelockt und in einen Opel Omega gestoßen. Haos Leute brachten die Geisel in die Wohnung an der Schwedenstraße. Dort wurde der Entführte gefangen gehalten. Hao drohte dem Großhändler, wenn er nicht zahle, sterbe sein Cousin. Weil er das Geld nicht besorgen konnte, alarmierte der Großhändler am 8. Juli die Polizei. Einen Tag später stürmten Polizisten die Wohnung und befreiten die Geisel. Einige von Haos Leuten wurden festgenommen - er nicht. Die Bibel im KnastDer entscheidende Tipp für seine Festnahme kam schließlich aus Sachsen. Ein Landsmann verriet, dass Hao mit seiner Freundin und seinem engsten Vertrauten in einem Appartement am Lützowufer in Tiergarten wohnt. Zwei Polizisten observierten daraufhin das Haus und sahen wie Hao am 23. September 1996 nach Hause kam. Kurz darauf stürmte ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung und verhaftete den Unantastbaren. Einen Monat später ging sein größter Rivale der Polizei ins Netz. Damit galt die vietnamesische Zigarettenmafia in Berlin als zerschlagen. Im April 2002 wurde Hao wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Fünf Jahre hatte der Prozess gedauert. Seine Anwälte legten Revision ein - noch ist darüber nicht entschieden, deswegen sitzt Hao noch immer in Untersuchungshaft.Er hat sich die Bibel in den Knast bestellt und betet zu Gott. Von dem vielen Geld ist dem heute 33-Jährigen offenbar nichts geblieben. Seine Freunde in Vietnam sollen es verprasst haben. Seine Freundin kehrte nach Hanoi zurück.(Namen mit * sind geändert)Im nächsten Teil lesen Sie, wie ein Mann von Haustür zu Haustür geht, um alte Frauen auszurauben - und zu ermorden.------------------------------Die Serie // Alle 55,9 Sekunden wird in Berlin eine Straftat begangen. Täglich werden - statistisch gesehen - zwei Frauen vergewaltigt und alle sechs Tage ein Mensch getötet.Die spektakulärsten Verbrechen der vergangenen Jahre haben Reporter der Berliner Zeitung nachrecherchiert.Die Reportagen erscheinen jetzt in der Serie "Verbrecher, Opfer, Tatorte - Kriminelles aus Berlin" in der Berliner Zeitung und am 1. November unter gleichem Titel als Buch imJaron Verlag. Das Buch kostet 10 Euro. Am Freitag, den 29. Oktober, um 20 Uhr stellen die Autoren das Buch in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung an der Turmstraße 5 in Moabit vor. Der Eintritt ist frei.------------------------------Foto: 23. September 1996: Der Chef der Tay Hi-Bande, Hao*, wird in seiner Wohnung am Lützowufer festgenommen und abgeführt.------------------------------Foto: Illegaler Zigarettenhandel. In den 90er-Jahren bekriegten sich die vietnamesischen Banden. Verräter wurden ermordet. Die Szene ist nachgestellt.