BERLIN. Khaled el Masri hat sich die Aufmerksamkeit, die er von den Behörden in den vergangenen Jahren erwartet hat, nun selbst verschafft. Am frühen Donnerstagmorgen hat der 43 Jahre alte Deutsch-Libanese den Eingangsbereich einer Metro-Filiale im bayerischen Neu-Ulm mit Benzin in Brand gesteckt, er wurde festgenommen und in eine psychiatrische Klinik in Kaufbeuren im Voralpenland eingewiesen. Dort kümmern sich nun Ärzte und Psychiater intensiv um ihn. Es scheint, dass er erst eine Straftat begehen musste, um zu bekommen, was er braucht - Fachleute, die ihm helfen können, das Trauma zu überwinden, das er seit drei Jahren mit sich herum trägt. Es ist El Masris Trauma, von der CIA verschleppt und fünf Monate in einem Gefängnis in Afghanistan festgehalten worden zu sein.Am Morgen danach sagt El Masris Anwalt Manfred Gnjidic, dass es wegen der Brandstiftung nichts zu diskutieren gebe. "Das hat er getan." Aber dann kommt Gnjidics Version von den Gründen für die Tat. Die Behörden, sagt der Rechtsanwalt, hätten seinen Mandanten im Stich gelassen. Seit El Masri Ende Mai 2004 aus der Haft in Afghanistan freigekommen sei, habe er versucht, einen Therapieplatz zu bekommen. Sieben, acht Versuche, nichts zu machen, sagt Gnjidic. Erst vor einem Jahr habe das Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer dann eine minimale Finanzierungszusage bekommen und eine Therapie El Masris beginnen können. Diese sei aber nicht ausreichend gewesen. Das Behandlungszentrum widerspricht allerdings dieser Darstellung: Im zweiten Anlauf sei die Finanzierung einer Therapie gesichert gewesen.In dauernder Angst"Es gibt nicht so viele deutsche Staatsangehörige, die der Folter entkommen sind", sagt der Anwalt Manfred Gnjidic: "Man kann sich zurücklehnen und warten, bis das Fass explodiert."Irgendwie ist das dann am Donnerstagmorgen auch passiert, als El Masri den Brand legte. Er hatte sich in den vergangenen Wochen mehrfach mit Angestellten der Großhandelskette über einen defekten i-Pod gestritten, soll eine Verkäuferin angespuckt und Drohbriefe geschrieben haben.Eines war längst klar: El Masri hat das Leben in Freiheit nicht wieder erlernt. Er lebe isoliert und in der "dauernden Angst, dass eines seiner Kinder erschossen oder entführt wird", sagt sein Anwalt. Schon Anfang des Jahres hatte sich angedeutet, dass El Masri durch die Haft in Afghanistan aus der Bahn geworfen ist. Er rastete aus, als ihm ein Ausbilder vorhielt, zu viele Fahrstunden für den Lkw-Führerschein verpasst zu haben. El Masri verprügelte den Mann.Seit knapp drei Jahren versucht El Masri, seine Geschichte zu erzählen. Sie ist so ungewöhnlich, dass sich bis heute viele schwer damit tun, ihm uneingeschränkt Glauben zu schenken. Um die Jahreswende 2003/2004 setzte sich der Deutsch-Libanese nach einem Streit mit seiner Frau in einen Bus nach Mazedonien. Von dort aus schafften ihn Agenten des CIA in ein Gefängnis nach Afghanistan. Man habe ihn dort auch gefoltert, sagt El Masri. Anwalt Gnjidic sagt, sein Mandant habe schon damals mit seinem Leben praktisch abgeschlossen.Seine Freilassung, ist offenbar der Einsicht der Amerikaner geschuldet, dass El Masri doch kein Terrorist war wie zunächst vermutet. Genaues weiß aber niemand, weil der Fall vor US-Gerichten nicht aufgearbeitet werden darf. Staatsgeheimnisse könnten ans Licht kommen, heißt es zur Begründung.Noch vor gut einem Jahr, als El Masri vor dem BND-Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagte, wurde deutlich, dass ihm die Behörden noch immer nicht so recht glauben wollten. "Ja mei", sagte der Münchner Staatsanwalt Martin Hofmann während seines Auftritts vor dem Ausschuss: "Ich fahre nicht im Dezember 2003 nach Mazedonien, um mich ein paar Tage zu erholen." Immerhin sagte Hofmann auch, es gebe keine Anhaltspunkte, dass der Sachverhalt, wie ihn El Masri schildere, nicht stimme. Und inzwischen hat die Münchner Justiz Haftbefehle gegen 13 mutmaßliche Entführer von El Masri erlassen. Bislang ist in den USA aber keiner der Beschuldigten festgenommen worden.Am Freitag sagt Anwalt Gnjidic: "Wir stehen vor einem Scherbenhaufen - bei der Metro, bei El Masri." Es sei zynisch, dass El Masri bisher keine Unterstützung erfahren habe. Unterlassene Hilfeleistung sei das. "Das Verhalten von Schily stört mich kolossal", sagt der Rechtsanwalt. Er meint damit den früheren Innenminister Otto Schily.Der SPD-Politiker wurde Ende Mai 2004 von einem US-Diplomaten in Berlin über die Festnahme des Deutsch-Libanesen informiert und hielt sich an ein Schweigeversprechen, das er dem Diplomaten gegeben hatte. Rechtsstaatlichkeit, sagt der Anwalt, bedeute auch, dass man sich um die Opfer von Straftaten kümmern müsse.Noch vor wenigen Wochen hat Gnjidic an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben und um Hilfe für El Masri gebeten. Merkels Kanzleramt leitete den Brief an die bayerische Staatsregierung weiter. Dort wird das Hilfsersuchen seit Anfang der Woche geprüft.Seit Donnerstag dürfte sich das erledigt haben. Seither geht es nur noch um die Frage, ob Khaled el Masri zum Zeitpunkt der Brandstiftung schuldfähig war. An der Antwort wird sich entscheiden, ob El Masri in Haft kommt oder in der Psychiatrie bleibt.------------------------------Foto: Khaled el Masri - der Deutsch-Libanese hat immer wieder erklärt, dass er bei seiner Verschleppung durch die CIA im Jahr 2004 auch gefoltert wurde.