KATHMANDU - Nepals Mountainbike-Team trainierte gerade in Chobar, einem kleinen Dorf, das 15 Minuten entfernt von der Hauptstadt ist, als die Erde zu beben begann. „Menschen schrien laut um Hilfe, während ihre Häuser in dunklem Staub, der das Atmen erschwerte, in sich zusammenfielen“, erzählt Aayman Tamang, ein Sportler der Nationalmannschaft. „Wir hatten Angst, aber wir begannen sofort mit Rettungsarbeiten.“

Schon einige Stunden später, nachdem die Erde weiterhin mit Nachbeben erschüttert wurde und sich die jungen Biker zwischen den Bruchstücken selbst in große Gefahr begaben, zogen sie eine Frau und ihren Sohn lebend aus den Trümmern. Dabei war den Männern sofort eins klar: Das Land muss unterstützt werden – und zwar auf eigene Faust, mit dem Fahrrad. Viele Gebiete waren schon vor der Katastrophe nahezu unerreichbar mit dem Auto, viele Rettungsgüter warten auch zwei Wochen nach dem Beben noch am Flughafen von Kathmandu auf Verzollung.

Die Initiative „Nepal Cyclists Ride to Rescue“ war somit geboren; das Mountainbike-Nationalteam hat sich dafür mit Himalayan Single Track, einem Abenteuerreiseunternehmen für Fahrradfahrer, zusammengetan. Gemeinsam haben sie ein Programm entworfen, das Erdbebenopfer mit Zelten und Nahrung versorgt, vor allem in unzugänglichen Gegenden. Shikharbesi ist solch ein Ort. Das Dorf liegt idyllisch an der südlichen Spitze des Langtang-Nationalparks, zwischen tiefgrünen Hügeln und treppenartigen Reisplantagen, hat einen kleinen, unbeschädigten Tempel und eine Art Rathaus, in dem sich die Anwohner, die oft an steilen Hängen leben, treffen.

Zwar beträgt die Entfernung zu Kathmandu nur 80 Kilometer, aber aufgrund der schlechten und nun zum Teil auch verschütteten Straßen dauert die Anfahrt mit dem Lastwagen einen ganzen Tag. „Die letzten anderthalb Stunden gehen wir zu Fuß oder benutzen die Mountainbikes“, sagt Jenny Caunt, die Inhaberin von Himalayan Single Track und auch die einzige Frau, die an der Initiative teilnimmt. Unter der heißen Sonne und in Nepals feuchter Vor-Monsun- Zeit werden Lebensmittel, Zelte und Hygieneprodukte mit Schwerstarbeit herbeigetragen.

Reis, Linsen – und Zelte

„Nach solch einem Tag kann ich meine Arme und Beine fast nicht mehr bewegen“, erzählt Aayman Tamang. In den kommenden Monaten wollen die Sportler weiter helfen. „Zuerst bauen wir die Häuser wieder auf und danach auch eine Schule, die gibt es hier bis jetzt nämlich nicht“, sagt Jenny Caunt, die ursprünglich aus Australien stammt, jedoch schon seit zehn Jahren in Nepal lebt.

„In den letzten Wochen konnte ich beobachten, wie junge Männer neue Wege gefunden haben, um innovativ und kreativ zu helfen“, sagt Caleb Spear, der als Besitzer von Portal Bikes eine ähnliche Rettungsinitiative wie die des Nationalteams leitet. Seit 2013 lebt der Amerikaner bereits in Kathmandu, wo er Multifunktionsfahrräder entwickelt, die mit einer großen Ladefläche Waren transportieren können, aber ebenfalls durch die Tretkraft Maschinen – wie zum Beispiel Wasserpumpen – antreiben können.

„Es war sofort klar, dass wir unsere Fahrräder zum Hilfseinsatz verwenden werden“, erzählt Spear. Bereits eine Stunde nach dem Erdbeben fuhr er mit einem Team von fünf Bikern los, um Zelte und Nahrungsmittel zu kaufen und dann zu verteilen: „Mit der praktischen Ladefläche der Räder konnten wir sogar wie in einem Taxi Leute nach Hause transportieren“, fügt er hinzu.

Die meisten Tankstellen waren nach der Katastrophe geschlossen, das Team von Portal Bikes konnte in die Pedale treten und die Dörfer in der Nähe der Hauptstadt mit Reis, Linsen und Zelten versorgen. Touristen, die ursprünglich eine Mountainbike-Tour gebucht hatten, halfen mit; Caleb Spear hat außerdem Spenden im Wert von Tausenden Euro gesammelt.

Das Geld wird auch für den Aufbau von Baseri verwendet, einer kleinen Kommune, die 110 Kilometer östlich von Kathmandu liegt. Die 82 Haushalte hier haben noch keine internationale Hilfe gesehen, und ohne die Unterstützung der Sportler würden die Dorfbewohner weiterhin unter freiem Himmel schlafen, auch bei Regen und Temperaturen, die nachts unter zehn Grad fallen. Gemeinsam mit einem weiteren Abenteuerreiseunternehmen, Epic Mountain Bike, haben die Sportler Wellblech und Stahlstangen angeschleppt und bauen das Dorf nun wieder auf – sieben runde Wellblechhäuser stehen bereits. „Wir treten in die Pedale um die Leben der Opfer zu verändern, wir tun, was wir am besten können: Fahrrad fahren“, sagt Aayman Tamang.

Auch die Familie Basnet hat wieder ein Dach über dem Kopf – selbst aufgebaut aus Wellblech innerhalb einer Woche. Sie lebt außerhalb des Dorfes Bugmati, das längst zur sich so rasant vergrößernden Hauptstadt Kathmandu zählt. Die Basnets kommen eigentlich aus der Terai, dem an Indien grenzenden Flachland Nepals, zogen aber letzten Oktober nach Bugmati, um dort in einer Ziegelsteinfabrik zu arbeiten. Hier schufteten sie Tage und Nächte, sogar die zwölfjährige Namita.

Wie viele andere Kinder in ihrem Alter stand sie jede Nacht auf, um unter dem Licht einer alten Taschenlampe Ziegelsteine zu gießen, die am darauffolgenden Tag in der Sonne trocknen und dann in einem heißen Ofen gebrannt werden. Dafür verdient sie 80 Euro im Monat und arbeitet täglich durchschnittlich 15 Stunden. Zum Spielen bleibt keine Zeit.

Kinderarbeit ist in Nepal die Norm. Zwar gibt es längst Gesetze dagegen, doch die fallen in einem Land, das nicht einmal eine Verfassung besitzt und im Streit zwischen den Maoisten und der führenden Nepalesischen Kongresspartie lebt, oft unter den Tisch. So gab es vor dem Erdbeben über Tausend Ziegelsteinfabriken, von denen nur 40 Prozent bei der Regierung registriert waren.

Töchter armer Familien wie Namita lernen weder lesen noch schreiben, denn eine Schulausbildung, die im Monat umgerechnet zehn Euro kostet, können sich die Eltern nicht leisten. Die Schule ist in unmittelbarer Nähe der Fabrik, und alle Kinder sehnen sich danach, dort lernen zu dürfen.

Namita ist jetzt arbeitslos, denn die Fabrik, die mindestens 200 Leute beschäftigte, stürzte während des Erdbebens in sich zusammen. Zurückgeblieben ist ein zerstörter Schornstein und Tausende von roten, brüchigen Ziegelsteinen, die unwillkürlich auf dem Gelände verstreut sind. „Ich dachte, wir müssen sterben“, meint Namita, die immer noch Angst vor weiteren Erdbeben hat. Sie und ihre Familie lebten in einem aus Ziegelstein gebauten Haus, doch durch das Erdbeben fiel es in Trümmer. „Wir haben alles verloren“, sagt Namitas Mutter Bimala, die die Tränen nicht zurückhalten kann.

Sie saßen in den Ruinen des Hauses, tranken süßen Masala-Tee mit Nelken und Zimt und beschlossen, selbst die Initiative zu ergreifen. „Wir haben kein Geld, doch wir haben starke Hände, die arbeiten können“, sagt Bimala Basnet, die nun stolz vor ihrem neuen Haus steht. Nur eine Woche hat es gedauert, es zu errichten, denn die ganze Familie hat mitgeholfen. 200 Euro kostete es, eine Summe, die von privaten Spendengeldern bezahlt wurde. Ein amerikanischer Bekannter half aus, denn die Familie hätte sich einen solchen Betrag kaum leisten können. Aus Bambus und Wellblech ist es errichtet, in der Sonne blinkt es wie Silber, und die Bambusstruktur bildet ein solides Fundament.

Heim aus Wellblech und Bambus

Solche einfachen Häuser sind in Nepal normal und sogar etwas Besonderes. Nicht jeder kann sich das teure Wellblech leisten, das pro Platte umgerechnet gut sechs Euro kostet. Gleichzeitig ist Bambus ein nachhaltiger Rohstoff, der schnell nachwächst und deshalb preiswert zu haben ist.

Die rauen Hände von Rajendra und Bimala Basnet sind gekennzeichnet von harter Arbeit. Natürlich hat auch die zwölfjährige Namita indirekt beim Hausbau mitgeholfen, indem sie sich um ihre zwei kleinen Geschwister gekümmert und Reis für die Familie gekocht hat. Sie ist stolz und strahlt über das ganze Gesicht.

Zwei Wochen nach dem Erdbeben hat sich vieles bei der Familie verändert. „Wir haben ein Dach über dem Kopf und werden das Haus auch benutzen, um einen kleinen Kiosk aufzumachen, an dem wir Getränke und Süßigkeiten verkaufen wollen“, erzählt Rajendra Basnet. Denn ob er anderweitig Arbeit finden würde, ist ungewiss. Die Ziegelsteinfabrik ist geschlossen, das letzte Gehalt wurde ihm nicht ausgezahlt.

„Momentan leben wir von den Nahrungsmitteln, die Spender in unserem Dorf verteilen, aber ich hoffe, dass mich eine andere Firma bald wieder anstellt. Nach diesem Erdbeben gibt es genug Arbeit, und ich möchte nicht still sitzen“, fügt er hinzu. „Das Erdbeben hat uns viel genommen, aber es hat unseren starken Willen nicht zerstört“, sagt Bimala Basnet, seine Frau.