ISTANBUL. Die Türkei ist ein großes Land und große Länder vollbringen oft Großartiges. So hat der türkische Premierminister Erdogan seinem Volk einen Plan unterbreitet. Er will einen zweiten Bosporus bauen lassen, um den bestehenden vom überbordenden Schiffsverkehr zu entlasten. "Kanal Istanbul" heißt seine Idee, wobei die schon länger im Gespräch ist.Anfang der Woche hatte er den Plan geheimnisvoll als "verrücktes Projekt" ankündigt. Mitte dieser Woche gab Erdogan dieses Projekt dann der Öffentlichkeit preis. Die neue Wasserstraße, die gebaut werden soll, werde den Panama- und den Suez-Kanal übertreffen, prophezeite Erdogan. Mit ihrer Schönheit sei Istanbul das Herz der Türkei und - der ganzen Welt. Der neue Kanal stehe nicht nur im Dienste dieser Stadt, Anatoliens und Thrakiens. Nein, im Dienste der Menschheit.Die schillernde Zukunft sieht laut Erdogan so aus: Westlich von Istanbul soll eine zweite, etwa 50 Kilometer lange und 150 Meter breite Seeverbindung vom Schwarzen Meer zum Marmarameer entstehen. Sie werde genug Platz für täglich rund 150 Handelsschiffe und Tanker bieten.Der Bosporus ist tatsächlich stark überlastet, die Navigation von Schiffen wegen Kurven und Strömungen gefährlich. Rund 50 000 Schiffe transportieren jährlich 150 Millionen Tonnen Fracht und 100 Millionen Tonnen Öl durch die Meerenge. Unfälle gab es schon viele. Ein rumänischer Öltanker verursachte Ende der 70er-Jahre eine Umweltkatastrophe.Nach Erdogans Plänen ist an den Ufern des Kanals auch eine neue Stadt mit Luxushäusern, fünf Brücken sollen von der Westtürkei zur neu geschaffenen Insel Istanbul führen. Die meisten von Erdogans Parteifreunde loben das Projekt, der Umweltminister findet es großartig.Die Opposition aber tobt. "Dieses Land braucht keine verrückten Männer, sondern kluge", ereiferte sich der Chef der Republikanischen Volkspartei (CHP), Kemal Kilicdaroglu. Er kritisiert, dass in allen Projekten der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung das menschliche Element fehle. Ein Parteifreund warnte vor der Sogwirkung, Istanbul könnte zu einer Megapole mit 30 Millionen Menschen anwachsen. Dann würde mehr als ein Drittel der türkischen Gesamtbevölkerung in und um Istanbul wohnen. Derzeit hat die Stadt inoffiziell knapp 17 Millionen Einwohner. Die pro-kurdische Partei für Frieden und Demokratie (BDP) glaubt, dass der Kanal ebenso wie die kurdische Frage nur ein Versprechen sei, das niemals erfüllt werde. Die Planer aber peilen das Jahr 2023 für die Fertigstellung an. Dann feiert die türkische Republik ihren 100. Geburtstag. Über die Kosten des Projekts wurde nichts gesagt.------------------------------Karte: Türkei.