Erfinder und Vollender des modernen politischen Thrillers: Zum Tod des großen britischen Erzählers Eric Ambler: Der Schrecken der Staatenwelt

Nachruf auf einen Spion", einer der frühen, noch vor dem Zweiten Weltkrieg geschriebenen Romane Eric Amblers, beginnt mit einer Urlaubsidylle. Ein staatenloser ungarischer Sprachlehrer betätigt sich als Amateurfotograf an der Côte d Azur. Als er seinen Film im Fotoladen entwickelt abholen will, bemerkt er bei dem Ladeninhaber eine merkwürdige Verhaltensänderung. Der Mann hat Angst, Angst vor ihm, dem nach Frankreich geflohenen jugoslawischen Ungarn.Dann geht alles ganz schnell. An der Tür steht Polizei, der Flüchtling wird verhaftet, denn auf seinem Film befinden sich rätselhafterweise Aufnahmen von einem französischen Kriegshafen. Der arme Sprachlehrer ist, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, ins Getriebe der internationalen Politik der dreißiger Jahre geraten.So gehen Ambler-Romane fast immer los. Ein kleiner Mann, meist ein Mensch mit einem modernen Beruf Ingenieur oder Handlungsreisender stolpert in einen übermächtigen Zusammenhang. Nicht Monster oder Übernatürliches bedrohen ihn, sondern die Mühlsteine der Außenpolitik schieben sich mahlend auf ihn zu. Da wird ein Maschinenbauer gezwungen, Waffen für ein faschistisches Regime zu bauen, ein Reisender muß sich zum Kurier oder Schmuggler machen, ein Handlungsvertreter zum Agenten von Terroristen.Mit dieser Erzählkonstellation hat der 1909 in London geborene Ambler über sechzig Jahre Weltpolitik nacherzählt und zum Teil blendend hellsichtig analysiert so hellsichtig, daß ein Kenner wie Helmut Heißenbüttel den sachlichen Gehalt von Amblers Romanen sogar zum Fundament ihrer unbestreitbaren, aber schwer beschreibbaren literarischen Qualität erklärte.Nach der dramatischen Exposition, die die Spannung des Lesers zum höchsten reizt, folgt bei Ambler meist ein Exkurs im Stil eines altmodisch-behaglichen Lexikonartikels oder einer diplomatischen Tischvorlage, die jene Weltlage umreißt, in die der unschuldige Held gefallen ist: gefallen, denn die Amblersche Welt hat die Gestalt einer unentrinnbaren Zwickmühle.Kalt und poetischWir erfahren also sehr viel über den griechisch-türkischen Konflikt nach dem Ersten Weltkrieg ("Die Maske des Dimitrios"), einen sowjetischen Satellitenstaat auf dem Balkan ("Der Fall Deltschev"), über den arabisch-israelischen Konflikt ("Der Levantiner"), über das faschistische Italien ("Anlaß zur Unruhe"), über die deutsche Geschichte ("Schirmers Erbschaft") um nur die Themen von ein paar Meisterwerken zu nennen. Wie genial Amblers politische Einsicht ist, kann ein Vergleich lehren: Die Beschreibung der Lage eines Staatenlosen in "Nachruf auf einen Spion" von 1938 deckt sich präzise mit der Jahre später entstandenen Analyse Hannah Arendts in ihrem Klassiker über "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft".Amblers Erzählen nährt sich aus britischer Weltkenntnis, politischem Scharfsinn und naturwissenschaftlicher Akkuratesse (Ambler studierte Elektrotechnik), ästhetisch ist es von modernster Machart. Der französische "Nouveau Roman" wollte die Dingwelt durch übergenaue Beschreibung verfremden; auch Ambler beschreibt Dinge aufs genaueste, aber nicht langweiliges französisches Geschirr, sondern Bomben und Waffen. Die Kälte der Beschreibung weckt Angst, jene Angst, in der die Dinge fremd und auch poetisch werden können.Kühl und technisch war Amblers Verhältnis zum schriftstellerischen Metier. Er begann in den dreißiger Jahren und wurde gleich sehr erfolgreich. Dann unterbrach er für elf Jahre das Schreiben, um beim britischen Militär zu dienen. Erst 1951 setzte er da wieder ein, wo er 1940 aufgehört hatte. Seine Kunst perfektionierte er, aber er hat sie nicht mehr verändert. Persönliche Motive hat der Sohn von Schaustellern, der Nachtklubs besonders überzeugend zu schildern vermochte, versteckt. Der Kriminalroman sei die letzte moderne Form, die es erlaube, über Gut und Böse zu handeln, entfuhr es dem asketischen alten Herrn einmal; außerdem habe er eigentlich Historiker werden wollen. Im übrigen wolle er zeigen, wie es auf der Welt zugehe.Sündige SeelenAll das erklärt nicht die bezwingende Atmosphäre des Schreckens, die Amblers Bücher auf Anhieb erzeugen und die sie seinen Lesern so lieb macht. Die Quelle des Schrekkens liegt nicht allein in der Übermacht objektiver Umstände, sondern auch in der Psychologie der Handlanger, auf die die Gewaltregime zurückgreifen müssen. Ambler hat ein ganzes Pandämonium solcher modernen Staatsverbrecher entworfen, fanatisierte Terroristen, mitleidlose Bürokraten, sadistische Polizisten. Am furchtbarsten sind jene zweckfrei bösen Menschen, derer sich die Staaten für die allerschmutzigsten Geschäfte bedienen, schlaffe, weichliche Folterer oder kalt-verführerische Killer.Hier wird ein puritanisch-christliches Element sichtbar: Noch der Schrecken der Staatenwelt kommt aus dem Inneren sündiger Seelen. Amblers Bücher beeinflußten Graham Greene und John Le Carré; sie haben ein Genre des 20. Jahrhunderts begründet und vollendet. An einem letzten Roman soll der Neunundachtzigjährige gearbeitet haben. Hoffentlich ist er fertig geworden.