Ach, sie würde ihn ja gerne nehmen, die Wally den Joseph. Aber aussuchen möcht' sie ihn sich selber, nicht aufgezwungen bekommen vom störrischen alten Vater. Fesch genug füreinander sind sie ja beide, auch waren sie früher ein Paar, doch als die Wally in die Stadt ging, um Landwirtschaft zu studieren, da hat der Joseph nicht auf sie warten können, sondern eine andere geheiratet. Das nimmt die Wally ihm übel, das Trotzige ist allemal ihre hervorstechende Eigenschaft. Und womöglich macht ihr der mittlerweile verwitwete Joseph jetzt nur wieder schöne Augen, weil er es auf den Hof des Vaters abgesehen hat? Ach, Wally, ach, dein schlimmes Schicksal ... 1875 erschien zuerst der Roman, in dem Wilhelmine von Hillern eine wahre Geschichte zu einer schaurigen Saga verdichtete, geprägt von töchterlicher Rebellion und ihrer gnadenlosen Ächtung. Das Buch wurde viel gelesen, dann auf Bühnen gespielt, schon 1892 in Catalanis Oper "La Wally" vertont, vier Mal mehr oder weniger kitschig verfilmt, davon ein Mal auch als wollüstige Groteske von Walter Bockmayer in den albernen 80ern. Die bekannteste Darstellerin dieser Figur blieb Heidemarie Hatheyer, die sich 1940 als aufbegehrendes Individuum gegen die tradierte Ordnung behauptete und so eine kleine Botschaft als Kuckucksei in das Nest der Nazis schmuggelte. Derbes BauerntheaterDiesen Film mit seinem gewaltig drohenden Himmel hat auch, da war sie noch ein Kind, Christine Neubauer gesehen: "Diese dunklen Bilder haben mir einen schönen Schrecken eingejagt", erinnert sich die Schauspielerin, "und später hielt die Faszination für diese komplett eigenwillige Person an, die sich von nichts und niemandem einengen oder etwas sagen lässt, die wider ihren Schmerz und wider besseres Wissen ihre Gefühle bekämpft."Die Dinge gerieten ins Rollen, als die Produzentin Regina Ziegler ihren Liebling Neubauer aus der ARD-Reihe "Lauter tolle Frauen" beiläufig während einer Taxifahrt fragte, was sie demnächst gerne mal machen würde. Die brauchte nicht lange nachzudenken: die Geierwally natürlich. Man muss sagen, das hätte etwas werden können. Zum Beispiel ein böses Lehrstück über familiäre, über emotionale wie finanzielle Abhängigkeiten, über die destruktive Kraft einer unselig verschworenen Dorfgemeinschaft, ein moderner Heimatfilm, der das Beharren des und der Alten zeigt und wie ein Mensch an dieser Muffigkeit zerbricht. Hätte werden können - ist es aber nicht. Konnte es vielleicht nie, nicht auf diesem ARD-Sendeplatz für patente Prosecco-Schlürferinnen und weiße Segel, die sich in der Sonne blähen. So ist aus dem Drama ein recht belangloses Plauderstündchen in alpiner Kulisse geworden, mit Klamotten wie frisch aus der edelsten Trachten-Boutique, streckenweise derbes Bauerntheater, dann wieder der hilflose Versuch, dem Zuschauer die großen Gefühle mit plumper Symbolik und donnernder Musik einzuflößen. Hinzu kommen Continuity-Fehler, Logiklücken und ein "Brust-raus"-Wettbewerb zwischen Wally und der intriganten Magd (Petra Berndt), an dem wohl auch Russ Meyer seine Freude gehabt hätte."Wir erzählen hier eine Gutenacht-Geschichte für Erwachsene", konzediert denn auch Regisseur Peter Sämann, leicht zerknirscht. Christine Neubauer, die ihre Kunst und ihr zauberhaftes Dekolletee regelmäßig auch für allerlei Fernsehunterhaltungsunfug zur Verfügung stellt, erläutert die Ausgangslage: "Das harte Sozialdrama war sicher nicht unsere Absicht. Natürlich wird das auch nach den Wünschen des Auftraggebers, der dafür einen bestimmten Sendeplatz vorgesehen hat, geschrieben und inszeniert. Düstere Bilder waren da sicher nicht vorgesehen. Das ist auch Geschmackssache." Die Menschen sind nicht perfektDen Einwand, dass man eine Person wie die Wally anno 2005 als reichlich verkorkst empfinden muss, lässt sie nicht gelten. "So abwegig ist dieses Verhalten mit all seiner Verstocktheit gar nicht", glaubt Neubauer, "das sehe ich oft, dass man von außen genau weiß, was jemand falsch macht, so dass man ihm zurufen möchte ,Mein Gott, nun sag doch was!', aber er tut und tut es nicht." Und warum lacht Wally, die ja offenkundig kein Twen mehr ist und studiert noch dazu, diese bornierten Dörfler nicht einfach aus? Das ist Frau Neubauer zu rational. "Ja, warum? Weil die Menschen nicht perfekt sind, weil sie nicht vernünftig handeln, weil sie in ihren Gefühlen gefangen sind!" Die 42-Jährige, die in den letzten Jahren eine imposante Zweitkarriere als Ratgeber-Autorin (Diät, Sport, Beauty) hingelegt hat und dafür clever den Begriff des "Vollweibs" zum Markennamen erhoben hat, beherrscht das Klagelied über die verklemmten Landsleute. "Ich vermisse in deutschen Filmen häufig, dass Gefühle zugelassen werden", sagt sie, "das ist so eine ,Huch, das darf man nicht'-Angst, alle meinen, sie müssten rein intellektuell an die Dinge herangehen, weil man ihnen sonst gleich Duselei oder Kitschigkeit vorwirft - ich kann nur alle bedauern, die meinen, es sei unter ihrer Würde oder unter ihrem geistigen Niveau, solche Gefühle an sich heran zu lassen." So lässt man sich kurz bedauern und hofft, Frau Neubauer bald wieder zu sehen. Vielleicht fragt sie mal wieder wer, zum Beispiel im Taxi. Denn sie sagt: "Mich ärgert, dass ich schon lange nicht gefragt worden bin, ob ich in einem Psychothriller mitspielen möchte - das darf auch gerne in der etwas kühleren, bitteren Ecke sein." Ja, gerne.Geierwally, ARD, 20.15 Uhr------------------------------Die anderen Filme // Der Roman: Ein Adlerbild inspirierte die Schauspielerin Wilhelmine von Hillern (1836-1916) zu ihrem Bestseller-Roman "Die Geierwally", der 1875 erschien. Die Handlung: Walburga, genannt Geierwally, wird von ihrem Vater verstoßen und lebt mit einem Geier in den Bergen. Sie sollte den Bauer Vinzenz heiraten, doch Geierwally liebt den Jäger Josef. Nach dem Tod des Vaters kehrt sie zurück. Als sie eine andere Frau an Josefs Seite sieht, kommt es zum Eklat. Der Erfolg: Das Buch wurde in elf Sprachen übersetzt, es gibt eine Oper ("La Wally") und vier Filme. Die Filme: 1921 spielte Henny Porten die Geierwally, die zeitgenössische Kritik bejubelte den Stummfilm als einen Klassiker. In der zweiten Verfilmung von 1940 (mit einer sehr sinnlichen Heidemarie Hatheyer als Geierwally) schimmert der nationalsozialistische Blut-und-Boden-Mythos durch. 1956 gab es eine brave Variante mit Barbara Rütting in der Hauptrolle, 1988 inzenierte Walter Bockmayer die "Geierwally" als Slapstick.------------------------------Foto: In der ersten Verfilmung, einem Stummfilm von 1921, spielte Henny Porten (l.) die "Geierwally".------------------------------Foto: Durchtränkt vom Blut-und-Boden-Mythos: Heidemarie Hatheyer als Geierwally im Film von 1940.------------------------------Foto: Die Geierwally von 1956. Barbara Rütting spielte die Hauptrolle in dem Film von Regisseur Franz Cap.------------------------------Foto: "Das harte Sozialdrama war sicher nicht unsere Absicht."- Christine Neubauer spielt die Geierwally in einer Art Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene.