BERLIN. Die Gewalt vor allem von Jugendlichen wird oft beklagt. Seit Jahren stellen Politiker die wachsende Bereitschaft junger Leute zu Schlägereien und Raubüberfällen fest und berufen sich dabei immer wieder auf die jährliche Statistik der Polizei. Statistiker allerdings stoßen auf Ungereimtheiten. Denn Befragungen von Schülern ergeben das gegenteilige Bild: Danach ist die Gewalt von Jugendlichen in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Zu dem selben Ergebnis kommen die Unfallversicherungen, bei denen Ansprüche geltend gemacht werden. Welche Statistik aber stimmt? Die Statistiker stehen vor einem Rätsel und können es derzeit nicht lösen.Die Jugendkriminalität ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie unzulänglich hierzulande die genaue Erfassung der Kriminalität ist. "Deutschland hinkt statistisch gegenüber den USA und europäischen Ländern hinterher", beklagte denn auch Helmut Kury vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Er gehörte zu den Teilnehmer einer Tagung zu den Datenproblemen in den Kriminal- und Strafrechtsstatistiken, die der Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten Ende vergangener Woche in Berlin veranstaltet. Für Kury ist auch klar: Die alljährliche Polizeiliche Kriminalstatistik enthält keine wissenschaftlich belastbaren Daten. Zum einen, weil sie keinen Aufschluss über das Dunkelfeld gibt, sondern nur die Straftaten verzeichnet, die angezeigt werden. Zum anderen aber auch, weil oft kleine Änderungen in den Rahmenbedingungen zu einem Anstieg oder Sinken von registrierten Straftaten führt. So führte vor Jahren beispielsweise eine Anweisung der Bremer Polizei, bei Fahrraddiebstählen die Fahrgestellnummer mitaufzunehmen, zu einem sprunghaften Rückgang der Fahrraddiebstähle. Die Bestohlenen wussten damals die Nummer nicht, also kam keine Anzeige zustande. Inzwischen hat sich das allerdings gewandelt. Statistiker fordern deshalb vor allem mehr Opferbefragungen. Nur diese könnten dazu beitragen, auch das Dunkelfeld aufzuhellen, da nicht alle Straftaten angezeigt würden.Hinzu kommen noch weitere Probleme. Manche Bundesländer, etwa Sachsen-Anhalt, besitzt keine Strafrechtsstatistik. Zudem ist die Polizeistatistik nicht mit den Statistiken der Staatsanwaltschaften und der Gerichte vergleichbar. So fließen alle Straftaten, die ein Verdächtiger begangen haben soll, in die Polizeistatistik ein. Die Staatsanwaltschaft dagegen verzeichnet nur den Beschuldigten, nicht die ihm vorgeworfenen Delikte, ebenso geht das Gericht vor. Darüber hinaus aber fehlen wichtige Erhebungen, etwa, wie sich Urteile auf Täter auswirken, so dass die Justizpolitik daraus Konsequenzen ziehen könnte.Die Statistiker wünschen sich daher vor allem eine bessere Koordinierung der unterschiedlichen Statistiken und zusätzliche Erhebungen. Das Bundesjustizministerium hat zwar eine bundesweite Opferbefragung angedacht, aber noch scheitert diese am Geld. Und so werden die Unzulänglichkeiten der Kriminalstatistik wohl noch geraume Zeit bestehen bleiben.------------------------------Foto: Laut Polizei steigt die Jugendgewalt. Andere Statistiken widerlegen das.