Frau Professor von Mutius, jeder dritte Deutsche leidet unter einer Pollenallergie, gerade jetzt, in der schönsten Zeit des Jahres. Wann sind Allergien endlich heilbar?Wenn ich das wüsste! Allergien zu kurieren, wird sehr schwer sein. Die komplexen Abläufe im Immunsystem sind noch viel zu wenig verstanden. Trotzdem können wir die Beschwerden heute recht gut lindern. Und vielleicht gelingt es uns sogar, eine wirksame Prophylaxe zu entwickeln.Wie weit sind Sie damit?Wir wissen, dass bestimmte Bakterien und Schimmelpilze schützend wirken. Erst kürzlich konnte ich das zusammen mit Fachkollegen erneut nachweisen. In unserer Studie - sie ist im New England Journal of Medicine erschienen - vergleichen wir Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und Kinder, die auf dem Land oder in der Stadt leben, aber zu Hause keine Landwirtschaft haben. Bauernkinder leiden deutlich seltener an Allergien und Asthma, das ist aus früheren Untersuchungen bekannt. Sie sind einer viel größeren Bandbreite von Keimen ausgesetzt als zum Beispiel Stadtkinder. In unserer neuen Studie konnten wir schützende Keime in den Schlafzimmern der Kinder identifizieren: Bakterien wie zum Beispiel die stäbchenförmige Art Listerium monocytogenes und Schimmelpilze der Gattung Eurotium. Enthält die Atemluft besonders viele solcher Organismen, ist das Asthma-Risiko gering. Da haben wir klare Zusammenhänge gesehen und das weist den Weg zu einer Prophylaxe.Listerien können heftige Übelkeit verursachen und Schimmelpilze gelten sogar als Auslöser von Asthma. Wie ist die von Ihnen beobachtete Schutzwirkung zu erklären?Die genauen Mechanismen kennen wir noch nicht. Unsere Erkenntnisse stammen bisher nur aus Beobachtungsstudien an größeren Bevölkerungsgruppen. Wir haben also Indizien ermittelt, aber keine sicheren Beweise. Das ist eine Aufgabe für die Zukunft.Reicht das aus, um eine Prophylaxe zu entwickeln?Ja, die Hinweise sind ausreichend. Mit den beiden nun gefundenen Keimarten soll eine Art Impfstoff hergestellt und an Mäusen getestet werden. Die Firma ProtectImmun, eine Ausgründung der Universität Bochum, hat schon mit den Vorarbeiten begonnen. Aber selbst wenn das Mittel im Tierversuch wirksam und unschädlich sein sollte: Der Weg zu einem fertigen Präparat ist noch weit.Sind Sie an der Firma beteiligt?Nein. Mit meiner kleinen Arbeitsgruppe hier in München liefere ich wissenschaftliche Grundlagen für die Produktentwicklung. Wir sprechen uns natürlich mit den Bochumern ab, aber ich habe keine wirtschaftlichen Interessen bei der Sache. Ich will mich ganz auf die Forschung konzentrieren.Angenommen, das Projekt ist erfolgreich: Wird das neue Mittel nur vor Asthma schützen oder auch vor anderen Allergien?Aus unserer aktuellen Studie lässt sich nur eine Wirkung gegen Asthma ableiten. Aber es gibt noch so viele andere Keime und wir hoffen, schon bald Querverbindungen zu Heuschnupfen, Neurodermitis und anderen allergischen Beschwerden nachweisen zu können. Sobald das gelingt, können wir die Impfstoffe weiterentwickeln.Für welche Zielgruppe ist die Impfung gedacht?Sinnvoll wäre sie vor allem bei Kindern und Schwangeren. Es geht also um sehr empfindliche Personen und deshalb darf das Präparat keine schädlichen Nebenwirkungen haben. Das ist ein ziemlich ehrgeiziges Ziel. Später wird man schauen, ob das Präparat auch Patienten hilft, die bereits eine Allergie haben. Vielleicht lassen sie sich damit desensibilisieren und die Beschwerden sind nicht mehr ganz so ausgeprägt.Wie kann man sich die Impfung vorstellen?Geplant ist zunächst eine Art Nasenspray, eine keimhaltige Substanz zum Sprühen. Die Idee dabei ist, dass der Schutz über die Schleimhaut vermittelt wird. Aber das ist bisher nur eine Vermutung, das muss noch in klinischen Versuchen an Patienten getestet werden.Wäre es nicht sinnvoller, die Hygiene allgemein etwas zurückzuschrauben, statt aufwendig komponierte Keimmixturen zu verabreichen?Dafür plädieren die Vertreter der Hygienehypothese. Ihrer Meinung nach ist übertriebene Sauberkeit der Grund für die Zunahme von Allergien in der westlichen Welt. Aber so einfach ist es nicht. Wir haben dazu erst kürzlich eine repräsentative Studie gemacht. Es geht darin um das Hygieneverhalten von vierhundert Kindern hier in München, um die Keimbelastung in der Wohnung und was das mit Allergien zu tun hat. Wir haben die Erhebung gerade erst abgeschlossen und sind dabei die Daten auszuwerten.Es heißt oft, dass Heuschnupfen, Neurodermitis und Co. in armen Ländern kaum vorkommen. Das würde gut zur Hygienehypothese passen.Wir wissen ganz wenig über die Belastung in diesen Ländern, weil die Dokumentation dort oft fehlt. Es gibt allerdings eine sehr gute Studie, die die Häufigkeit von Allergien in der Mongolei untersucht hat. Am seltensten wurden die Forscher in kleinen Dörfern fündig, am häufigsten in der Hauptstadt Ulan Bator: Auch wenn der Hygienestandard dort nicht unbedingt mit westlichen Großstädten vergleichbar ist, die Allergierate ist ebenso hoch wie in München, Berlin, Paris oder London.Was am modernen Leben macht denn allergisch?Es hat mit Umweltfaktoren zu tun. Aber welche es genau sind, ist noch unklar. Manche sagen, es sind die Luftschadstoffe, die den Körper empfindlicher machen. Andere vermuten, dass die Pollen aggressiver werden, vor allem durch Dieselabgase, die sich an der Pollenoberfläche ablagern. Aber auch in relativ sauberer Luft, auf dem Land, nehmen Allergien zu - allerdings in erster Linie bei Kindern, die nicht auf einem Bauernhof leben.Rasant angestiegen ist die Allergierate auch nach der Wende in Ostdeutschland.Ja, das hat man genau beobachten können. Schon Mitte der Neunzigerjahre lag die Allergie-Häufigkeit auf Westniveau und das hat sich bis heute nicht verändert. Ein Grund für die Zunahme dürfte der dramatische Geburtenrückgang im Osten nach der Wende sein. Wir wissen: Je mehr Kinder in einer Familie leben, desto geringer ist das Allergierisiko für das einzelne Kind.Was schützt besser vor einer Allergie: Geschwisterkinder oder eine Kindheit auf dem Bauernhof?Beides zusammen ergibt den besten Schutz.Neben Ihrer Tätigkeit in der Wissenschaft sind Sie auch als Kinder-Allergologin tätig. Was verordnen Sie Ihren kleinen Patienten?Vor dem Verschreiben müssen wir erstmal prüfen, ob es sich wirklich um eine Allergie handelt. Es gibt da viele Missverständnisse und Verwechslungen. Wenn der Allergie-Befund klar ist, stehen im Prinzip die gleichen Medikamente wie bei Erwachsenen zur Verfügung. Zuerst gibt man sogenannte Antihistaminika, um allergische Beschwerden zu bekämpfen. Die neuen Wirkstoffe sind recht gut, sie machen nicht mehr so müde wie die Vorläufer und Herzrhythmusstörungen bleiben auch aus. Wenn man damit nicht weiterkommt, bieten sich sehr, sehr niedrig dosierte Cortisonpräparate zur lokalen Anwendung an. Es lindert hartnäckige Entzündungen, etwa in der Nase. Und beim Asthma geht es in der Regel nicht ohne Cortisonspray. In sehr schweren Fällen gebe ich auch mal Anti-IgE-Antikörper. Dabei handelt es sich um eine experimentelle Therapie, die für diesen Zweck noch nicht zugelassen ist.Als renommierte Wissenschaftlerin könnten Sie sich ganz auf die Forschung konzentrieren und die ärztliche Tätigkeit anderen überlassen.Ich brauche aber beide Standbeine. Ein Drittel meiner Zeit verbringe ich in der Klinik, zwei Drittel am Schreibtisch. Der direkte Kontakt mit den Kindern und ihren Familien, vor allem den Müttern, erdet mich. Da kann ich immer wieder überprüfen, ob ich in der Forschung die richtigen Fragen stelle oder ob ich mir etwas zusammenphantasiere.Hält Ihre Bauernhof-Hypothese dem Praxistest bisher stand?Es gibt mittlerweile mehr als dreißig Studien, die unseren Ansatz bestätigen. Kritik höre ich kaum noch. Es gibt einen natürlichen Schutz, ich sehe das immer wieder an den Kindern, die wir untersuchen. Die Biologie ist sehr komplex, und die menschliche Auffassungsgabe ist leider beschränkt. Aber irgendwann müssen wir doch herausbekommen, wie der Schutzmechanismus funktioniert, und dann können wir ihn auch nachmachen. Diese Hoffnung treibt mich an.Sehen Sie das als Lebensaufgabe an?Ich werde alles daransetzen, um das Rätsel zu lösen. Wenn ich Glück habe, gelingt es mir bis zu meiner Pensionierung in elf Jahren.Und wenn es bis dahin nicht klappt?Dann ist die nächste Generation dran. Die Wissenschaft ist ein Fluss und man schwimmt eine Weile mit. Irgendwann geht es ans Ufer und man schaut den anderen Schwimmern zu.In Ihrem Bücherregal hier in Ihrem Münchener Büro liegt ein Schwert. Wie sind Sie daran gekommen?Ich habe es bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an der Universität Helsinki bekommen. Wer das Schwert hat, soll für die Wahrheit kämpfen. Das gefällt mir, das ist es, worum es in der Forschung geht.Interview: Lilo Berg------------------------------Die Risikofaktoren der KindheitErika von Mutius ist Professorin für Kinderheilkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die 54-Jährige leitet die Asthma- und Allergieambulanz am Dr. von Haunerschen Kinderspital in der Münchener Innenstadt.Nach dem Studium in München absolvierte von Mutius einen Forschungsaufenthalt an der Universität von Arizona. Dort erwarb sie die nötigen Kenntnisse, um große Bevölkerungsstudien vornehmen zu können. Ihr Know-how nutzt sie, um die genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren für die Entstehung von allergischen Krankheiten zu untersuchen.Vor einem Jahr erhielt Erika von Mutius die begehrte Förderung des europäischen Forschungsrats ERC. Bewilligt wurde die stattliche Summe von 2,1 Millionen Euro für die Forschung zur Prävention von Asthma undAllergien.Literatur: New England Journal of Medicine, Bd. 364, S. 701------------------------------Foto: Entdeckung im Staub aus dem Kuhstall: Zuckermoleküle wie Arabinogalaktan besänftigen das Immunsystem.