Im Jahr 1941 lebte eine halbe Million Deutschstämmiger in Jugoslawien. Viele flohen Ende 1944 im letzten Moment nach Ungarn, Österreich und Deutschland. Von den rund 200 000, die von der rasch durchziehenden Roten Armee überrollt wurden und dann unter die Herrschaft der Tito-Partisanen gerieten, wurden Tausende Männer im wehrfähigen Alter erschossen, zehntausende Frauen, Kinder und Alte starben in serbischen Lagern. Insgesamt wurden 65 000 Menschen Opfer dieser Verbrechen, etwa ebenso viele wurden von 1946 an über die grüne Grenze abgeschoben. Die anderen, die teils gemischtnationalen Familien angehörten, blieben jedenfalls zunächst.Unter den Landsmannschaften der Vertriebenen gehören die Jugoslawiendeutschen die Donauschwaben zu den leisen, obwohl viele von ihnen die mit Abstand härteste Verfolgungszeit durchgemacht haben. Sie hat die Überlebenden über viele Jahre fast stumm gemacht. Ihnen fehlten die Sprecher, Historiographen und Funktionäre die Partisanen hatten vorzugsweise die Pfarrer und Lehrer ermordet, die Bürgermeister, die wohlhabenden Gewerbetreibenden und Bauern.Schon vor der Befreiung der deutsch besetzten und teilweise auch deutsch besiedelten Gebiete an der Donau, Drau und Save hatte Tito die Parole ausgegeben, es sei "einmal und für alle Zeiten Schluß zu machen". Wie das geschah, berichtete ein Überlebender aus dem Westbanat: "Am 20. Oktober 1944 gingen die Partisanen von Haus zu Haus und fingen alle Männer vom 14jährigen Jungen bis zum 70jährigen zusammen, fesselten und folterten sie. Dann kamen andere mit dem Wagen angefahren, mit aufgerollten Ärmeln, Hände, Gesicht und Kleider mit Blut beschmiert und führten diese Männer in den Wald, wo sie nochmals verprügelt und dann erschossen wurden."Blutrausch der BefreiungDas Verfahren wiederholte sich in hunderten von deutschen Dörfern nicht immer gleichförmig. In einigen Ortschaften erfragten die offenbar kommunistisch besser vorgebildeten Kommandoführer bei den einheimischen Serben diejenigen deutschen "Bauern mit mehr als 20 Joch Feld, die Gewerbetreibenden, Kaufleute und Weitergeschulten" oder gingen einfach nach dem Aussehen der Kleidung vor. Kleinbauern und Tagelöhner ließen sie frei, die anderen mußten sich ihr Grab schaufeln. Zum Beispiel ein 13 Jahre alter Bub, der sich nicht von seinem Vater losreißen ließ. "Schießt diesen Fratz nieder", befahl die Kommandoführerin, "das Böse muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden!" Der Blutrausch der Befreiung brachte auch hier jenen Überlebenden hervor, der in der nächsten Nacht nackt aus dem Massengrab kroch, (serbische) Hilfe fand und floh.Den Tagen des Schreckens folgte die völlige Enteignung der deutschstämmigen Minderheit Jugoslawiens. Die 637 000 Hektar Land der Deutschen waren von der jugoslawischen Führung noch während des Kampfes als hauptsächliche Verfügungsmasse für die kommunistische Landreform eingeplant worden, die dann serbischen Neusiedlern aus den Armutsregionen der Berge zugute kam. Für die Deutschen bedeutete das Zwangsarbeit, Haft und Hunger. Beispielsweise starben im Lager Rudolfsgnad (Knicanin) im Winter 1945/46 täglich bis zu 90 Menschen, insgesamt 11 000 der 33 000 Insassen. Nicht nur aus einem Zwangsarbeitslager wird berichtet, daß nach der Logik "es gibt nur Gesunde oder Tote" verfahren wurde: "Alle paar Tage wurden Kranke vom ,Doktor so nannte man einen Partisanen von 22 Jahren nachts etwa 100 Meter vom Lagereingang weggeführt, erschossen und verscharrt." Raubgier stand neben selbstverständlicher Hilfsbereitschaft. "Hatte jemand Goldzähne und Goldplomben, dann wurden sie" bei lebendigem Leib allerdings "brutal herausgeschlagen", so beschreibt ein Zeuge, der 1931 geboren wurde, die Eroberung seiner Heimatstadt Kovin im Herbst 1944. Als sich dieser Jugendliche 1946 aus einem Hungerlager zum Betteln durch den Stacheldraht schlich, klopfte er "wie von einer magischen Hand geführt" an einer Türe: "Die Serben waren so gut zu mir, sie trösteten mich und sagten: Iß nur! Du bekommst auch noch etwas mit für ins Lager."Über die Vernichtung der Donauschwaben nach dem Ende der deutschen Besatzung Jugoslawiens sind keine Urkunden aus jugoslawischen Archiven greifbar. Was es aber gibt, sind die Berichte der Entronnenen. Sie sind in der Außenstelle Bayreuth des Bundesarchivs zu Tausenden gesammelt, auszugsweise in zwei sorgfältigen Editionen veröffentlicht. Aufgenommen wurden nur solche Berichte, die mit anderen, unabhängig erstellten Zeugnissen von Überlebenden aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten übereinstimmten und die sichere Vermutung zuließen, daß sich der Berichterstatter der Wahrheit verpflichtet fühlte. Jeder Leser wird nach wenigen Seiten feststellen, daß dieses historiographische Ziel erreicht wurde.Zu den düstersten Abschnitten, die sich in den Erinnerungsberichten der überlebenden Donauschwaben finden, gehören die Berichte über die Zwangsslawisierung und Indoktrinierung einiger tausend elternlos gemachter deutscher Kinder in jugoslawischen Heimen. Das Erziehungsmotto stand auf der Stirnseite des Speisesaals: "Tito ist euer Vater, der Staat eure Mutter!" Die meisten dieser Kinder wurden auf internationalen Druck bis 1959 in die Bundesrepublik und die DDR entlassen. Eine dieser Umvolkungs- und Umerziehungsstätten befand sich in Gorazde, wo das folgende "Spiel" gepflegt wurde: "Die Kinder mußten im Kreis, in dessen Mitte eine ausgestopfte menschliche Figur stand, laufen, und jedesmal, wenn der Name eines Kindes aufgerufen wurde, mußte dieses mit einem Messer der in der Kreismitte stehenden Figur (Feind!) einen Stich versetzen."Ungesühnte VerbrechenDiese Massenverbrechen stehen in einem unbestreitbaren, allerdings nicht zwingenden Zusammenhang mit den vorangegangen Massenverbrechen der Deutschen. Daran hatten sich, freiwillig oder rekrutiert, auch Zehntausende donauschwäbische Männer als Soldaten der Wehrmacht oder Angehörige der SS-Division "Prinz Eugen" beteiligt. Die Vorgeschichte erklärt vieles, sie rechtfertigt wenig. Auch bedeutet die rückschauende Einordnung kaum etwas für den Einzelnen, der allein aufgrund des kollektiven Merkmals "Muttersprache" zu den "Hitlerovci" gezählt wurde, der über Nacht verlor, was Generationen geschaffen hatten, der Todesangst und Verzweiflung durchlitt und sah, wie seine engsten Angehörigen, Freunde und Nachbarn gequält und erschlagen wurden.Seit jenen Geschehnissen ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, und doch zwingt die Lektüre der donauschwäbischen Erinnerungsliteratur den Blick auf die Bilder und Ahnungen der Ge-Fortsetzung auf Seite 12