Wolfgang Stresemann war von 1959 bis 1978 Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters und übte die Funktion 1984/85 noch einmal kommissarisch aus. Doch nicht nur von Berlin erzählt er in seinen Erinnerungen "Zeiten und Kiänge. Ein Leben zwischen Musik und Poiitik, die gerade erschienen sind (Uilstein Veriag, 380 Seiten. 49.80 Mark). Er berichtet vom Leben in der Weimarer Republik. von Begegnungen in den USA und von den Erfahrungen mit den Philharmonikern. Unser Auszug ist einem der etzten Kapitei der Memoiren entnommen.1987, das Jahr, in dem beide Teile Berlins -- natürlich getrennt -- den siebenhundertfünfzlgsten Geburtstag der Stadt begingen und, wenn möglich, sich in ihren Feierlichkeiten überbieten wollten. Was konnte der eingeschlossene Westteil tun, um die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken? Mit der Senatsentscheldung, den längst fälligen Kammermusiksaal neben der Philharmonie zu bauen, seine Eröffnung als Höhepunkt der Feiern zu deklarieren, Ist eine kleine Geschichte verbunden, die in diese Erinnerungen gehört.Der Bau der großen Philharmonie wurde seinerzeit von der "Gesellschaft der Freunde der Philharmonie" finanziell begleitet, deren Vorsitzender der Präsident der Zentralbank, Rudolf Gleimius, war, Ihm und seinen Vorstandsmitgliedern gelang es, den zu jener Zeit bedeutenden Betrag von über anderthalb Millionen Mark aus privaten Quellen zu sammeln. Berlin mußte wieder eine Philharmonie haben, und die Bürger spendeten reichlich. Später schied Gieimius aus Altersgründen aus der Gesellschaft aus, ich wurde zuerst Schatzmeister, dann Nachfolger des um die Stadt und ihr Kulturleben hochverdienten Mannes. Da der Hauptzweck der Gesellschaft, die Errichtung der Philharmonie, erfüllt war, dachte ich an ihre Auflösung, sprach darüber mit Senator Arndt, der mich bat, sie weiterzuführen -- man wisse nicht, wozu man sie einmal brauchen könne. Und wie recht hatte er!Die Gesellschaft veranstaltete nunmehr zuerst im Südfoyer der Philharmonie, später im großen Saal Zusammenkünfte, bei denen neben einer ml!slkailschen Umrahmung prominente Dirigenten und Musiker über Ihr Leben berichteten. Von besonderer Bedeutung eine Veranstaltung noch zu Lebzeiten Scharouns, hei der sein engster Mitarbeiter Edgar Wischniewski über die Planungen für den Kammermusiksaal sprach, Hans Heinz Stuckenschmidt, unvergessener Berliner Musikpapst, die Notwendigkeit eines solchen zusätzlichen Konzertgebäudes unterstrich und die Bitte an Scharoun übermittelt wurde, mit seinen Zeichnungen für den Saal fortzufahren. Daß dieser zweite Saal von vornherein in Aussicht genommen war, ergibt sich aus der Eröffnungsrede von Senator Arndt am Morgen des 15. Oktober 1963, bei der er darauf hingewiesen hatte, daß die Philharmonie noch nicht vollendet sei, und wörtlich erklärt hatte: "Es fehlt noch der Kammermusiksaal."Der Bau der gewaltigen Staatsbibliothek gegenüber der Philharmonie, über den der große Baumeister hinwegstarb, sowie viele andere Bauvorhaben zögerten das Projekt des Kammermusiksaals hinaus. Überdies waren sich nicht alle Musikkreise über Größe und Zweck eines zweiten Konzertsaales elnig. Als der Senat endlich den Bau genehmigte, schien die Schlacht gewonnen. Aber nun waren die Kassen wieder einmal mangelhaft gefüllt, der Bau wurde offiziell abgeblasen, kurzum: endgültiges "Aus" für den so notwendigen Saal. Dagegen lief die "Gesellschaft der Freunde" Sturm. Eine Aktion "Rettet den Kammermusiksaal" wurde im Spätherbst 1981 gestartet, die Gesellschaft bot sogleich eine Viertelmillion an, sammelte Unterschriften, organisierte Hauskonzerte, bei denen Privatspenden erbeten wurden, Bausteine wurden verkauft. Die Aktion zeigte in weiten Kreisen Widerhall, Karajan und die Berliner Philharmoniker gaben ein Sonderkonzert zugunsten des Kammermusiksaales, so daß eine beträchtliche, natürlich nicht im entferntesten für den Bau ausreichende Summe zusammenkam. Frau Inge Schumacher, die Geschäftsführerin der Gesellschaft, eine dynamische, um unser Anliegen hochverdiente Frau, hat an dem Erfolg der "Rettungsaktion" großen Anteil. Und tatsächlich: Der Senat änderte seine Meinung. Bei irgendeinem Empfang sagte mir Finanzsenator Kuntz, nachdem man gehört habe, was die Ostseite für den siebenhundertfünfzigsten Geburtstag Berlins plane, habe der Senat beschlossen, nun doch den kammermusiksaal zu bauen! Heimlicher Dank an HoneckerEinweihung des nicht ganz fertigen Baus am 28. Oktober 1987, Karajan dirigierte vom Cembalo aus mit Anne Sophie Mutter als Solistin die "Jahreszeiten" von Vivaldi, Diepgen hielt die Eröffnungsrede, ein einmaliges Fest der Musik in drei miteinander verbundenen Räumen, Klänge im neuen Kammermusiksaai, in der Philharmonie und im durch einen Gang erreichbaren, noch von Scharoun errichteten Instrumentenraum.Wer weiß, was der Senat für die Geburtstagsfeier gebaut hätte, wenn die "Gesellschaft der Freunde" nicht gehandelt hätte. Zwar erwähnte der "Regierende" bei der Eröffnung zur Überraschung vieler die Initiative der Gesellschaft nicht; doch erhielten sämtliche Mitglieder im Anschluß an die Eröffnung zwei ihnen allein vorbehaltene Extrakonzerte. So hatte sich die von Senator Arndt angeregte Fortführung der "Gesellschaft der Freunde" als richtig erwiesen. Ich blieb länger als gedacht ihr Vorsitzender, hatte beim ersten Ausscheiden 1978 die Nachfolge dem neuen Intendanten übertragen wollen, da Ich eine solche Personalunion als das Gegebene ansah; aber im Hinblick auf Glrths wachsende Schwierigkeiten behielt Ich im Einverständnis mit dem gesamten Vorstand die Leitung der Gesellschaft. Nunmehr erfüllt der Intendant Ulrich Meyer-Schoellkopf diese Aufgabe.WOLFGANG STRESEMANN. der Sohn des Reichskanzlers und Außenministers der Weimarer Republik, hat Jura studiert. Seit er mit seiner Familie 1939 in die USA emigriert war, widmete er sich ausschließlich der Musik. Am 20. Jull feierte er seinen 90. Geburtstag. Foto: Peitsch