Moorochsen gibt es wirklich. Die zweibeinigen Tiere leben in dichten Schilfwäldern, die dumpfen Rufe der Männchen sind nachts kilometerweit zu hören - auch in Brandenburg. Der korrekte Name des rätselhaften Tieres: Große Rohrdommel (Botaurus stellaris). Die Bezeichnung Moorochse verdanken die Vögel ihren charakteristischen Rufen. Die Lebensweise der vielerorts vom Aussterben bedrohten Moorochsen ist bis heute kaum erforscht. Um die Wissenslücken zu schließen und um Strategien zum Schutz der Rohrdommel zu entwickeln, finanzieren die Europäische Union, das Land Brandenburg sowie der Naturschutzfonds Brandenburg seit 1999 mit 1,5 Millionen Euro ein EU-Projekt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Noch vor hundert Jahren war die Große Rohrdommel in Deutschland ein weit verbreiteter Brutvogel. Heute gibt es in ganz Mitteleuropa nur noch wenige Regionen, in denen der Bestand stabil ist - der Nordosten Brandenburgs gehört dazu. Daher zählt die Vogelschutzrichtlinie der EU die Rohrdommel zu den fünf schutzwürdigsten Vogelarten in ganz Brandenburg - neben so spektakulären Arten wie Großtrappe und Schreiadler.Seit drei Jahren untersucht der Biologe Jörg Rathgeber von der Universität Potsdam im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin die Lebensräume der Rohrdommel. Das ist eine Pioniertätigkeit, denn "darüber ist so gut wie nichts bekannt", sagt Rathgeber. Der Grund: Die äußerst scheuen Rohrdommeln, Verwandte des Graureihers, lassen sich kaum beobachten. Sie leben in dichten Schilfröhrichten und verfügen über frappierende Tarnstrategien. So erstarrt der rund sechzig Zentimeter große Vogel bereits bei der geringsten Gefahr augenblicklich und scheint dann mit seinem gelbbraun marmorierten Federkleid mit den Schilfhalmen zu verschmelzen. "Sogar die Bewegungen des im Wind schwankenden Schilfes imitiert er dabei", sagt der Biologe. Mit Kompass auf die PirschSeit Anfang März ermittelt Rathgeber nunmehr das dritte Jahr hintereinander mit der Unterstützung von Naturwächtern, den brandenburgischen "Rangern", die genaue Position der männlichen Reiher. Gezählt werden nur die Männchen, da Weibchen nicht rufen. Von den frühen Abendstunden bis tief in die Nacht peilen zwei Mitarbeiter die Tiere an. Die Männer arbeiten mit Kompassen und nach dem Gehör, denn zu sehen sind die Vögel so gut wie nie. Nach drei Jahren im Gelände erkennt Rathgeber viele Männchen bereits an ihren charakteristischen Lauten. Nicht identifizierbare Rufe nimmt er auf Band auf und lässt sie im Akustiklabor der Universität Potsdam auswerten. Die Sonogramme verraten ihm, welche Rohrdommeln ihre Reviere verteidigt haben, welche neue Reviere besetzt halten oder welche verschwunden sind.Schon jetzt haben Rathgebers Forschungen zu neuen Erkenntnissen geführt. In der gängigen Fachliteratur zum Beispiel wird die Rohrdommel noch immer als Zugvogel beschrieben. Das stimmt nicht ganz: "Weibliche Rohrdommeln ziehen zunächst zwar zum Teil bis nach Westafrika. Die Mehrzahl der polygamen Männchen überwintert aber hier in ihren Sommerrevieren", sagt der Biologe. Der Versuch besonders kräftiger Männchen, Schilfreviere ganzjährig zu besetzen und sich diese somit für die nächste Brutperiode zu sichern, scheint sich zu lohnen. So wurden in einem Revier gleich sieben Nester weiblicher Rohrdommeln gezählt. Der Preis für diese gewagte Überwinterungsstrategie kann hoch sein. Nach strengen Wintern, in denen zahlreiche Rohrdommeln verhungern, kann die Population der Männchen auf weniger als fünfzig Prozent des Vorjahrs zusammenbrechen. Der Winter ist auch die Zeit, in der Rathgeber die im Frühjahr kartierten Standorte der rufenden Männchen aufsucht. In Gummihosen watet er in Gewässern, notiert Wassertiefe und Struktur des Schilfes. Er erfasst auch die Standorte von Weidengebüschen und schilffreien Wasserflächen ("Blänken"). Rathgeber: "Meine Untersuchungen haben gezeigt, dass die Lebensräume der Vögel anders aussehen, als sie in Lehrbüchern beschrieben werden." So fand er Rohrdommeln selbst in verfilzten Schilfröhrichten oder Gebüschen - Orte, die sie bisherigen Erkenntnissen zufolge meiden. Am wichtigsten für das Vorkommen der Reiherart sind demnach im Wasser stehendes Schilf sowie die Blänken darin. Am Rand der Blänken lauern die Tarnkünstler reglos auf ihre Beute: bis zu zehn Zentimeter lange Fische.Sebastian Koerner nutzt diese wegweisenden Erkenntnisse, um neue Lebensräume für die Rohrdommel zu schaffen. Koerner ist Biologe und Manager des EU-Projektes. Für ihn liegt der Schlüssel zum Überleben der Rohrdommel in der Wiederbewässerung trockengelegter Feuchtgebiete: "Nur so können wieder Wasserschilfgürtel um Seen und Kleingewässer entstehen." Dies geschieht etwa mit kleinen Stauwehren, die an Gräben gebaut werden. Es gibt schon Erfolge: "Durch ein einziges Stauwehr konnten wir auf der ,Großen Wiese bei Altkünkendorf einen um 1750 vollständig entwässerten See neu beleben. Wenn sich das Schilfröhricht weiter so gut entwickelt, wird dort in spätestens drei Jahren wieder der Moorochse rufen", hofft Koerner. Doch nicht nur die Rohrdommel profitiert von dem Wehr. Im Flachwasser stehende Schilfröhrichte sind die Kinderstube vieler Seebewohner. Dort brüten Vögel, legen Insekten Eier in hohle Schilfhalme, laichen Frösche, Kröten, Molche und Fische. Zudem ist Wasserschilf ein unersetzlicher Lebensraum für zahlreiche bedrohte Tierarten wie Drosselrohrsänger, Wasserralle oder Laubfrosch. Und der Mensch? "Gerade im Nordosten Brandenburgs mit seinen geringen Jahresniederschlägen von etwa 600 Millimetern bewirken die Stauwehre einen Anstieg des Grundwasserpegels. Dadurch verfügen die Menschen in der Region langfristig über mehr kostbares Trinkwasser", sagt Koerner. Überdies wirke Schilf als natürlicher Wasserfilter.Wiederbelebung eines SeesDas größte der Stauwehre wird gerade im rund 190 Hektar großen Totalreservat "Mellensee" vorbereitet - dort ist seit 1990 der Zutritt für Menschen verboten. Dieser in den letzten 200 Jahren trockengelegte See soll auf exakt 55 Zentimeter Wasserhöhe gestaut werden. Dadurch würden verloren gegangene Brutreviere der Rohrdommel neu entstehen. Die Vorbereitungen sind kostspielig. Momentan lassen die EU-Projektmanager für 100 000 Euro ein hydrologisches Gutachten anfertigen. Es wird helfen, die Auswirkungen des Wasseranstiegs auf Grün- und Ackerland einzuschätzen. Sollten Agrarflächen betroffen sein, wird Koerner mit den Besitzern verhandeln. Einige der Flächen werden aufgekauft, für andere gibt es bis zu 300 Euro pro Jahr und Hektar als Zuschuss.Begleitend werben die Wissenschaftler mit Ausstellungen und Exkursionen bei Einheimischen und Touristen um Verständnis für ihr Projekt. Koerner: "Nur wenn die Bevölkerung, wenn Erholungsuchende, Angler und Landwirte unsere Schutzbestrebungen akzeptieren, hat die Rohrdommel in Brandenburg langfristig eine Chance."Führungen: Die Naturwacht Angermünde veranstaltet zwei Exkursionen "Lebensraum Schilf - im Reich des Moorochsen" am 13. und 14. Juli. Treffpunkt ist jeweils der Innenhof des Info-Zentrums "Blumberger Mühle" bei Angermünde (Informationen und Anmeldung unter 03 33 61 / 64 90 64).GERHARD ALSCHER Gut getarnt brüten Rohrdommeln auf schwimmenden Nestern im dichten Schilf. Die Vögel sind sehr selten geworden in Mitteleuropa. In Brandenburg gibt es eine stabile Population, dazu kommen einige weitere Regionen in Norddeutschland und Bayern, wo noch Rohrdommeln leben. Ein Projekt der EU soll jetzt in Brandenburg neue Lebensräume für die Vögel aus der Familie der Reiher schaffen.SEBASTIAN KOERNER Der Biologe Jörg Rathgeber (vorn) ist auf das Kanu angewiesen, um die Rohrdommeln zu erforschen.