Eine Klanginstallation mit Schnaps und SchlagerIm spitzwinkligen Glas-und-Marmor-Atrium des Willi Brandt Hauses steht ein Rechteck aus Zeltplanen. Wenn man durch die eine offene Seite geht, stößt man auf eine Holzkonstruktion. Der Weg führt spiralförmig hinab zum Zentrum. Und da steht er, der runde Tisch, um den es geht beim "Tisch im gelben Zimmer", einer Hörtheater-Klanginstallation von Isabella Mamatis und Peter Tucholski. Er ist real, im Gegensatz zu den Geschichten, die mit ihm erlebt wurden, und die nur noch erzählt werden. Weil es sich um moderne Klangkunst handelt, geschieht das collagenartig, durchsetzt mit Geräuschen, Musik und bis zur Unverständlichkeit bearbeiteten Sprachklängen, im Raum verteilt auf fünfzehn Lautsprecher. Ein eigenartiger Kontrast: Kratzer und Brüche bei der erzählten Geschichte und keine einzige Spur davon an dem klobigen Tisch selbst. Seit er 1928 gebaut wurde, stand er ausschließlich im gelben Zimmer eines Hauses in Loitz, kurz vor Greifswald. Das war damals Gasthaus, erstes Haus am Platz, wie man so sagt. Das gelbe Zimmer war das Separee und dahin zogen sich alle zurück, die unter sich sein wollten, zum exzessiven Feiern, wobei der Tisch zur Tanzfläche wurde, zum honorigen Stammtisch der Akademiker, oder zum Verhandeln, wie 1933, als die jüdischen Besitzer ihre Dübelfabrik verkauften, um sich über die Grenze bringen lassen zu können.Das ist deutsche Geschichte, erzählt aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Tisches, doch wegen der Kürze beliebig und austauschbar. Hördokumentation als Klangcollagen zu präsentieren ist offenbar immer noch modern, birgt aber die Gefahr, sich in Mätzchen zu verlieren. Dieser Gefahr erlagen die beiden Künstler gelegentlich, und zudem verhinderte eine geraume Anzahl von Plattheiten einen tieferen Eindruck. Doch der Abend bot weit mehr als eine Klangcollage. Ausgehend von Begebenheiten aus dem kleinstädtischen Leben, die sich um die Geschichte des Tisches ranken, gewannen einzelne Erzähler Konturen. Mit Unterstützung des langsam wechselnden gelben Lichtes wurde das Publikum ein bißchen vertraut mit dem Tisch in dem gelben Zimmer und bekannt mit Loitz. Die Stimmung der Zuschauer stieg, man wurde fast kommunikativ untereinander, nachdem eine Kellnerin Schnapsgläschen verteilte, und als ein junger Loitzer einen Schlager zur Begleitung einer Alleinunterhalter-Orgel (vom Band) vortrug und dabei jeder Dame tief in die Augen schaute, kam Festzeltstimmung auf. So war es schließlich hochmoderne Erlebniskunst und zudem der schönste Kontrast zum Marmor-Glas-Ambiente.