Einen "Tatbestand" nennt die heute 91jährige Erna Proskauer ihr Leben. Die Charakterisierung wählt die Berlinerin wohl, weil sie Jura studiert hat und eigentlich vor 60 Jahren die 37. Richterin in Deutschland hätte sein können. Dazu ist es nicht gekommen, da sie als Jüdin unter den Nazis keine Chance erhalten sollte. Unrecht und Not bestimmen das Schicksal der engagierten Frau. Mit 17 Jahren muß sie von der Geburtsstadt Bromberg nach Berlin umziehen - Folge des Versailler Vertrages. 1933 wird die frischgebackene Gerichstassessorin "bis auf weiteres" vom Dienst suspendiert. Wegen des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" erhält sie keine Zulassung als Anwältin. Sie und Ehemann Max Proskauer beschließen auszuwandern. In Frankreich halten sich die jungen Leute mit Handel von Schuhpaste über Wasser. Auch in Israel gelingt es nicht richtig, Fuß zu fassen. Dort steht Erna Proskauer fast 20 Jahre lang am Waschtrog. "Ich bin sehr anpassungsfähig", urteilt die Frau."Eine Heimkehr wurde es nicht", beschreibt die Juristin ihre Fremdheitsgefühle, als sie schließlich Anfang der 50er Jahre nach Deutschland zurückkehrt. Dazu gehört sicher auch, daß das Bundesverwaltungsgericht in einer aufsehenerregenden Grundsatzentscheidung feststellt, daß Erna Proskauer nicht als Jüdin benachteiligt worden sein soll, sondern aus beamtenrechtlichen Gründen zuallererst "als verheiratete Frau". Dafür gibt es keine Wiedergutmachung. Doch die Juristin läßt nicht locker. "Auf Umwegen" kehrt sie mit 65 Jahren in den Beruf zurück und arbeitet noch bis zum 85. Lebensjahr. Gestern überreichte ihr Berlins Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit das Bundesverdienstkreuz. +++