Die erste Aufführung, die ich im neuen Theater sah, war nicht die Inszenierung von "Don Juan", mit der das Haus am 19. März (1954) eröffnet worden war, sondern eine Voraufführung der wieder aufgenommenen Inszenierung von Strittmatters "Katzgraben". Strittmatter hatte einige Szenen neu pointiert, Brecht und Manfred Wekwerth als neuer Mitregisseur hatten das Spiel flüssiger gemacht, die Aufführung wirkte leichter, war weniger detailbeflissen. Was mich am stärksten beeindruckte, war die Übernahme der Rolle des Parteisekretärs durch Raimund Schelcher, der wesentlich trockener und sparsamer im Ausdruck wirkte als Willy Kleinoschegg, der die Rolle gemütlicher gespielt hatte.Strittmatter selbst sollte ich an einem der folgenden Abende unerwartet wiedertreffen. Nach meiner Ankunft in Berlin hatte ich Ruth Berlau in ihrer Wohnung in der Charitéstraße angerufen. Ich war richtig froh, sie nach langer Zeit wenigstens wieder telefonisch zu erreichen. Auch sie freute sich und lud mich zu einem Wiedersehen zu sich ein. Ich kam mit Verspätung an, fand Ruth, als sie mir die Türe öffnete, in feierlichem Schwarz, dezenten Silberschmuck um den Hals, am Ringfinger der rechten Hand den Eisernen Ring tragend, den ihr Brecht als Zeichen beständiger Treue geschenkt hatte, die Haare streng, aber adrett zurechtgemacht, strahlenden Augs und erfreuter Miene. Sie geleitete mich ins Wohnzimmer, und dort saß am kerzenerleuchteten Tisch zu meiner Überraschung Erwin Strittmatter. Ruth, die die Neuinszenierung von "Katzgraben" fotografisch dokumentieren sollte, hatte Strittmatter von meiner Anwesenheit in Berlin unterrichtet und das nunmehrige Zusammentreffen arrangiert. Auf dem Tisch war bereits eine Kalte Platte angerichtet, gedeckt war jedoch, wie ich mich rasch überzeugen konnte, nicht für drei, sondern für vier Personen. Ruth behielt ihr geheimnisvolles Gesicht, als ich fragte, ob noch jemand erwartet würde.Strittmatter spielte mit in Geheimniskrämerei und verwickelte mich in ein Gespräch über meine Gedichte, die in der Februar-Nummer der Neuen Deutschen Literatur erschienen waren. Besonders angetan hatte es ihm das Gedicht "An meine Heimat". Aus seinen Herumtreiberjahren, zu denen er auch seine Soldatenzeit rechnete, kannte er Oberbayern. Uns verband der Hass auf Militarismus und Krieg und der Wunsch nach Frieden, ausgedrückt im Gedicht. Es war naheliegend, dass er von mir mehr wissen wollte, wie es in meiner Heimat um die Verwirklichung dieses Wunsches stehe. Kurz, es machte uns nichts aus, noch auf die vierte Person zu warten, für die mit gedeckt war, während Ruth immer auf ein Klingelzeichen zu warten schien. Als tatsächlich eines erscholl, stürzte sie sofort zur Türe, aber es war nur eine Nachbarin, die eine Postsendung für sie entgegengenommen hatte. Enttäuscht kam sie an den Tisch zurück, ohne richtigen Anteil an unserem Gespräch zu nehmen. Allmählich begann es mir zu dämmern: Das vierte Gedeck war vor dem Lehnstuhl serviert, der mit wenigen Ausnahmen, als Ausdruck von besonderer Sympathie, für den Meister vorbehalten war. Als Strittmatter bemerkt hatte, dass ich ahnte, wer noch erwartet würde, gab er mir stumm zu verstehen, auch weiterhin so zu tun, als ob nichts wäre. Schließlich brach er den Bann und fragte Ruth in seiner burschikosen Art, die immer etwas Offenes und oftmals Befreiendes hatte, ob wir nicht vielleicht doch anfangen könnten, ich hätte sicher Hunger und Durst. Ruth war einverstanden, wir machten uns über die Pastete her, von der ich wusste, dass Ruth sie selbst zubereitete, ließen die Gläser mit Weißwein klingen und tranken.Während ich Strittmatter über die Lokalität "Beim Soller drunt im Tal" in München, in der das Biermädel tätig war, auf das ich in meinem Gedicht ein Gloria angestimmt hatte, aufklärte, dass dort die anarchistischen Literaten ihre Treffen abhielten, klingelte das Telefon.Ruth eilte hin und nahm ab. Beim Zuhören wurde ihr Gesicht immer länger, stumm legte sie schließlich auf. Wir wussten, was das zu bedeuten hatte. Er, der Meister, hatte abgesagt. "Er kann nicht kommen", sagte sie verstört, als sie sich zu uns an den Tisch setzte. "Die Probe hat sich wieder hingeschleppt, die Masken passten nicht, mit Schelcher gab's Probleme; jetzt hat er mit Wekwerth noch die nächste Probe besprechen müssen."Dann, sich mir zuwendend: "Er lässt dich fragen, ob du nicht vielleicht auf eine Probe kommen willst."Ihre geplante Überraschung war misslungen, die Stimmung gedrückt, Ruth musste sich erst fassen, bis sie mich schließlich gebieterisch aufforderte, im Lehnstuhl des Meisters Platz zu nehmen.Was ich zwar ahnen, aber erst im nachhinein erfahren und bestätigt bekommen konnte, war, dass die Beziehung zwischen Ruth und Brecht nach wie vor in einer Krise steckte. Sie hatte sich schon beruflich zurückgesetzt gefühlt, als neben ihr noch Gerda Goedhart aus Holland als feste Fotografin am Berliner Ensemble engagiert worden war. Entscheidend war jedoch, dass sie von Brecht nicht, wie sie glaubte es beanspruchen zu können, als "Gattin zur Linken", sondern nur als eine der "Mitarbeiterinnen" behandelt wurde, zu denen zu dieser Zeit Isot Kilian als "1. Assistentin und Leiterin des Studios" kam. Sie ließ sich zunehmend gehen, trank, machte auf Proben Krach, hielt gesetzte Arbeitstermine nicht ein, musste, wie schon erwähnt, wiederholte Male in die geschlossene Abteilung der Charité und des St.-Joseph-Spitals in Berlin-Weißensee eingeliefert werden.Nun sah sie sich um den Lohn für ein großherzig gemeintes und arrangiertes Zusammentreffen von Menschen, die sie als "alte Freunde" betrachtete, gebracht, das seine Krönung durch die Teilnahme Brechts erhalten sollte.Die Enttäuschung musste um so größer sein, da das Rendezvous wie der Versuch wirken konnte, Brecht unter dem Vorwand eines Freundschaftsdienstes wieder einmal in ihre Wohnung gelockt zu haben.Wie rasch sie aus der Fassung zu bringen war, sollte sich nun zeigen.Ehe wir uns versahen, hatte sie in der Küche einige Schnäpse gekippt, setzte sich, eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn in der Hand, zu uns an den Tisch und versuchte uns zu Verbündeten ihrer Entrüstung zu machen:"Mir kann er es ja antun, aber euch, euch doch nicht .", an mich gewandt: "Er weiß doch, wie sie hinter dir her sind, und da bist du es ihm nicht einmal wert, hier vorbeizukommen, einfach schofelig von ihm ."Als wir sie besänftigen wollten, richtete sie ihren ganzen Zorn auf ihre "Konkurrentinnen". Sie ergoss ihre ganze Häme über die "jungen Gänse", die sich auf ihn einließen, sie wüssten gar nicht, wie "gerupft " sie von ihm würden, obwohl sie doch die Hauptmann und sie vor Augen hätten: "Elisabeth wird doch von ihm wie ein ausgewrungener Putzlumpen behandelt. Sie sieht sich die Augen blind und tippt sich die Finger wund für ihn, damit die "Versuche" und die "Stücke" herauskommen, und was kriegt sie? Von Suhrkamp ein paar Pfennige und von ihm gleich gar nichts. Er hat sie nicht einmal im Ensemble angestellt, obwohl das eine Kleinigkeit wäre, und nicht einmal die paar Prozente Tantiemen, die sie für die "Dreigroschenoper" von den Herren Schöpfern zugestanden bekommen hat, werden ihr ordnungsgemäß ausbezahlt, ohne dass sie nachfragen müsste." Schließlich stieß sie hervor: "Und jetzt soll ich sogar von der Teilnahme am Gastspiel des Berliner Ensembles in Paris ausgeschlossen werden! Ich, die an der "Courage" mitgeschrieben, die sie hier in Berlin durchfotografiert, die das Modellbuch angefertigt hat! Die das Stück auch selbst inszeniert hat! Ich soll ausgeschlossen werden, nur damit er mit dieser Schickse, dieser Isot, in Paris herumvögeln kann!"Es klang drohend, nicht nur wütend, als sie den Ausfall in die Ankündigung münden ließ: "Soll er doch, aber ich werde in Paris dabei sein, und er wird gar nichts machen können!"Wir versuchten sie zu beruhigen. Strittmatter riet ihr, auf das Angebot einzugehen, mit Wekwerth "Die Mutter" umzubesetzen, worauf sie ihm entgegenhielt: "Ich mit Wekwerth, oder Wekwerth mit mir? Ich habe "Die Mutter" schon in Kopenhagen inszeniert, als dieser beflissene Lehrling gerade mal die Buchstaben zu lernen begonnen hat. Nein, das nie!" Mit Egon Monk, mit dem wäre eine solche Zusammenarbeit was anderes, der habe mit der Neufassung der "Gewehre der Frau Carrar" gezeigt, dass er etwas vom Handwerk versteht, aber der sei "ihm" ja nun davongelaufen - "der Beste von allen"."Um so schlimmer", fand Strittmatter.Wenn man Ruth so in Rage sah, konnte man sich vorstellen, dass Brecht sich vor ihr fürchtete und sie am liebsten nicht um sich haben wollte, ja sie weit weg wünschte. Eine richtige Unterhaltung kam nicht mehr zu Stande.Das Gespräch flatterte von einem Gegenstand zum anderen. Am stärksten schien Ruth zu entkrampfen, als ich von meiner Inhaftierung in München-Stadelheim berichtete und gerade am Kapitel über Brechts "Mutter" schrieb, von meinem Pech im Rigorosum bei Bloch und schließlich von dem gegen mich eingeleiteten Strafverfahren.Aber als Strittmatter nebenbei erwähnte, dass er wahrscheinlich Brecht als Präsident des Deutschen P.E.N.-Zentrums Ost und West zur Tagung des P.E.N.-Clubs im Juni nach Amsterdam begleiten werde, zeichnete sich auf ihrem noch immer anziehenden Gesicht erneut eine nervöse Unzufriedenheit ab. Es schien zu sagen: Du darfst, ich nicht. Sie musste sich mit einem weiteren Korn aufmuntern .Als wir uns verabschiedeten, hatte sie sich weitgehend im Griff . Sie bat uns, Brecht kein einziges Wort von dem zu erzählen, was sie von sich gegeben hatte. Wir versprachen es hoch und heilig. Ich stellte ihr in Aussicht, sie im Juli zu besuchen, wenn mir der Schriftstellerverband einen Aufenthalt im Ostseebad Ahrenshoop ermöglichen sollte und ich über Berlin anreisen würde.Am Haustor verabschiedete sie jeden von uns zwischen Lachen und Weinen mit einem Kuss.Auf der Charitéstraße stehend, blickten wir zu den erleuchteten Fenstern im 2. Stock hinauf. Strittmatter drückte seine Sorge auf lausitzisch aus: "Wenn sich det nich eenes scheenen Tachs zu eener Tragedie auswachsen tut ."Ich konnte nur zustimmend nicken. Ihre Ankündigung, auch wider den Willen Brechts während des Gastspiels des Berliner Ensembles in Paris sein zu wollen, machte uns ratlos. Sollten wir Brecht darüber informieren, oder war es bloße Angeberei?"Ich überlass dir das", entfuhr es uns beiden gleichzeitig .Wir sahen in Ruth beide eine bedauernswerte Person, der niemand helfen konnte außer Brecht. Und der wollte nicht, weil er nicht konnte.Wir trennten uns mit Handschlag. Unser Wiedersehen ließen wir offen. Ich empfand Strittmatter als den patentesten Kerl unter den Bekannten im Umkreis von Brecht.Ich folgte der durch Ruth Berlau übermittelten Einladung Brechts, ihn bei einer Probe des "Kaukasischen Kreidekreises" im Theater am Schiffbauerdamm aufzusuchen. So, wie er in der Probebühne in der Reinhardtstraße häufig auf der für ihn eingerichteten Kanzel saß, von der aus er den besten Überblick hatte, so sah ich ihn nun, wie er erst vom linken, dann auch vom rechten Rang aus die Vorgänge auf der Bühne verfolgte. Als er mich entdeckte, tippte er grüßend an seine Mütze. Begleitet wurde er von Rülicke und Kilian, die notierten, was ihm wichtig war.Am Regiepult im Parkett hielt derweil Manfred Wekwerth die Stellung, seitlich von ihm bediente ein mir unbekannter Assistent ein Tonbandgerät, um alles aufzuzeichnen, was Brecht in seiner Nähe sagte. Der eifrige Aufzeichner war der Germanist Hans Bunge, der auf Empfehlung von Ruth engagiert worden war. Zum Regiestab gehörten während dieser Probe auch der Bühnenbildner Karl von Appen, sein Mitarbeiter Hainer Hill, der die Halb- und Ganzmasken verfertigte, die die "Standespersonen" zu tragen hatten, und Paul Dessau, der die Musik zum "Kreidekreis" komponiert hatte.Geprobt wurde an diesem Morgen der 1. Akt des "Kreidekreises". Als nach dem Vorspiel der Vorhang hochging, fiel mein Blick auf den Gouverneurspalast vor einer steil übereinandergebauten Bergstadt, die in lichten Farben auf einen Hänger aufgemalt war. Die Kostüme des Volks, das sich am Eingang versammelt hatte, wirkten für eine Brecht-Inszenierung erstaunlich bunt. Die aus dem Tor herauskommende Gouverneursfamilie war prächtig ausgestattet. Die Darsteller des Hofs trugen dezent bis grell bemalte Ganz- und Halbmasken, während das einfache Volk nur geschminkt war. Es war auf einen Blick klar, dass hier eine hohe szenische Stilisierung schon in der Ausstattung angestrebt war.In der Loge rechts waren der Sänger und die Musik platziert. Ich erkannte die Stimme von Ernst Busch, die die Geschichte des neuen "Kreidekreises" singend zu erzählen begann: "In alter Zeit, in blutiger Zeit .". Die Arrangements der verschiedenen Gruppen waren übersichtlich: die Bettler, die mit Bittschriften an die Gouverneursfamilie herandrängen; der beflissene Adjutant, der Soldaten befiehlt, dem Gouverneurspaar mit Gefolge und Dienern mit dem "Hohen Kind" auf einem goldenen Wägelchen den Weg freizumachen. Es folgte wieder der vom Sänger vorgestellte Auftritt des fetten Fürsten Kazbeki, der das Hohe Kind kitzelt; schließlich die erste schrille Äußerung der Gouverneursfrau, dass das Kind huste. Ich erkannte sofort die Stimme von Käthe Reichel, auch wenn sie unter der Halbmaske mit den kunstvoll hochstilisierten Augen nicht ohne weiteres kenntlich war. (Zur Premiere sollte die Gouverneursfrau dann freilich von Helene Weigel gespielt werden, die für die Reichel einsprang, weil diese, wie es hieß, "wieder einmal zickte".) In den Zank der Leibärzte hinein platzte ein hereinstürzender Reiter, von dem Adjutanten auf Geheiß des Gouverneurs zurückgehalten, seine Botschaft öffentlich zu machen, solange der Zug nicht in der Kirche ist. Der Sänger referierte: "Die Stadt ist stille ." Scharf abgesetzt von der pompösen Eröffnung folgte der Auftritt des Küchenmädchens Grusche, gespielt von Angelika Hurwicz, und des Soldaten Simon, dargestellt von Raimund Schelcher, wieder ankündigt durch den Sänger.Vom ersten Blick auf die Bühne an wurde deutlich, dass hier Episches Theater nicht nur gezeigt, sondern zelebriert werden sollte. Die "Trennung der Elemente" in der Darstellung und ihre dialektische Aufhebung in einer nicht bloß wirklichkeitsimitierenden, sondern die Wirklichkeit auch deutenden Form war noch in keiner Inszenierung des Berliner Ensembles so konsequent wie perfekt vorgeführt worden. Die Eröffnungsszene war auf neuartige Weise sinnlich wie sinnig: Eine alte Mär', eine goldene Legende wurde erzählt, und zwar in verkürzter, das Wesentliche auffällig machender Weise.Einprägen sollte sich mir von dieser Probe, wie Brecht sich bemühte, die Szenen in eine ruhige Abfolge zu bringen, sie aber auch abbrach, um Details prägnanter zu machen. Den Darsteller des fetten Fürsten, Wolf Kaiser, regte er an, den dicken Bauch der Figur als Mittel einzusetzen, zwischen sich und dem Gouverneurspaar eine Distanz auszudrücken. Schließlich trieb er einen Vorschlag ins Paradox: "Der Zuschauer muss sich vergeblich mühen, Sie einfach mal wegdenken zu können. Erst dann stimmt Ihre Arbeit."Wenn aus Brechts sehr spontanen, witzigen, pointiert vorgetragenen Deutungen von Person und Umständen auch zu spüren war, dass er durchaus eine feste Vorstellung von der jeweiligen Szene hatte, so ließ er sie die Schauspieler im sprachlichen wie im gestischen Ausdruck gleichsam selbstschöpferisch entwickeln. Es war deutlich, dass er den epischen Charakter des Stücks, als Erzählung durch den Sänger und dessen Begleitung durch die Musik, herausgestellt sehen wollte. Intensiv wurden auch Lieder einstudiert, zum Teil von Dessau am Klavier begleitet. Das Sentenziöse wurde ins politisch Bedeutsame erhöht, wenn Busch schließlich markig vortrug:"O Blindheit der Großen! Sie wandeln wie Ewige (.) O Wechsel der Zeiten! Du Hoffnung des Volks!"Dem Ausprobieren der Szene, technischen Veränderungen, die in der Ausstattung nötig wurden, Disputen folgend, hatte ich rasch wieder das Gefühl der unendlichen Mühseligkeit des Theatermachens. Ich rechnete nach: Der Beginn der Proben lag fast ein halbes Jahr zurück, und ein Ende war nicht abzusehen, obwohl die Premiere doch für Juni angekündigt war.In einer Probenpause winkte mich Brecht zu sich. Als erstes entschuldigte er sich, dass er am Vorabend nicht zu Ruth gekommen sei."Ich war wirklich überanstrengt. Wir stehen wegen der Premiere mächtig unter Druck. Es gab wieder Ärger mit Schelcher, der dabei ist, sich um den Verstand zu saufen, und noch dazu Probleme mit den Werkstätten. Ich musste am Abend mit den Assistenten noch besprechen, an welchen Szenen besonders gearbeitet werden muss. Wirklich, es war nicht zu machen."Ich entschuldigte mich bei ihm, Ruth durch die Ankündigung meines Aufenthalts ungewollt zu dieser Einladung veranlasst zu haben. Brecht winkte ab: "Ruth hat's doch gut gemeint, wie so oft", deutlich machend, dass er darüber nicht länger sprechen wolle, und fragte mich nach dem Grund meines Berlin-Aufenthaltes.Als ich ihm berichtete, dass ich in Zürich eine Lesung Thomas Manns aus dessen Roman "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" für den Deutschlandsender auf Tonband aufnehmen sollte, bemerkte er halb erstaunt, halb süffisant: "Ja, da steht Ihnen ja eine außerordentliche Begegnung bevor!" Das klang vieldeutig.An dieser Stelle kam die Weigel dazu, die ich bisher nicht unter den Probebeobachtern ausgemacht hatte, begleitet von Karl von Appen, dem sie mich mit den Worten vorstellte: "Der Münchner Bub, der über Brecht eine dicke Doktorarbeit geschrieben hat", und an mich gewandt: "Und was macht der Bub diesmal in Berlin?"Brecht kam einer Antwort von mir zuvor: "Er soll den Hochstapler Krull in Zürich arretieren und nach Berlin bringen.""Ja, darf er denn das? Da muss doch ein internationaler Haftbefehl vorliegen!""Mann liefert ihn freiwillig an die sozialistische DDR aus.""Was, so fortschrittlich ist er geworden?"Der kleine Dialog zwischen den beiden war typisch für die humorvolle Art, wie sie aufeinander eingingen und mit Worten miteinander spielten, vorausgesetzt, sie hatten Zuhörer.Die Weigel wollte von mir wissen: "Und was macht das Gerichtsverfahren?"An von Appen gewandt, klärte sie ihn auf, dass ich wegen meiner Tätigkeit für den Berliner Rundfunk/Deutschlandsender kurzzeitig eingesperrt war und vor Gericht gestellt werden sollte. Als ich berichtete, dass das Verfahren nunmehr beim Oberlandesgericht München anhängig sei und aller Wahrscheinlichkeit nach in nächster Zeit auch durchgeführt werden würde, fragten mich Weigel wie Brecht, was "man" für mich tun könne.Als auch Dessau und Busch dazugekommen waren und mich begrüßt hatten, konnte ich mich darauf beschränken, einen Kratzfuß zu mimen und mit großer Geste auf die Runde zu verweisen: "Wer solche Freunde hat ."Brecht erkundigte sich nach dem Stand der Veröffentlichung meiner Dissertation. Ich konnte ihm nur berichten, dass sie ihren "sozialistischen Gang" zu nehmen scheine.Busch setzte etwas spöttisch nach: "Ja, dann ist sie sicher, aber nicht ganz sicher ist, wann ."Dessau spielte den Entrüsteten: "Aber wie kannst du den jungen Genossen nur so verunsichern!" "Quatschköpfe", schalt sie die Weigel.Brecht empfahl mir, falls ich noch Zeit haben sollte, die Aufführungen von "Hirse für die Achte" und des Schulspiels "Hans Pfriem oder Ehrlichkeit zahlt sich aus" von Hayneccius anzusehen. Man könne sehen, was die "jungen Leute" des Ensembles bei ihm gelernt hätten. Da die Probe weitergehen sollte, boten mir Brecht und Weigel an, am Abend zu ihnen in die Chausseestraße zu kommen, was ich nicht zusagen konnte, weil ich zu klären hatte, wie das "Krull"-Tonband schnell und sicher von Zürich nach Ostberlin gelangen konnte."Aber zur Premiere vom "Kreidekreis" werden Sie ja wohl kommen?"Auch das musste ich offen lassen.Bei einer weiteren Zusammenkunft mit Vertretern der Chefredaktion und der Abteilung Literatur des Deutschlandsenders erfuhr ich, dass die Lesung Thomas Manns nicht länger als eine Stunde dauern sollte. Von der Redaktion der Zeitschrift "Unser Rundfunk" bekam ich die eben erschienene Aufbau-Ausgabe der frühen Fassung des Romans zur Signierung durch den Autor mit, um die Widmung Manns später mit Programmhinweisen auf die Lesung in der Zeitschrift abdrucken zu können. Was die sichere Übermittlung der Aufzeichnung nach Berlin betreffe, solle ich mit dem Buchhändler Theo Pinkus in Zürich reden, der ständig Verbindung zu Verlagen und Buchvertrieben in Berlin habe.Am Himmelfahrtstag, dem 27. Mai 1954, fuhr ich, begleitet von Rosa Hillebrand, in deren Auto über Konstanz nach Zürich... Sie war Germanistin und unterrichtete als Studienrätin an einem Münchner Gymnasium auch in deutscher Literatur.Wir suchten also Thomas Mann in seinem Haus in der Alten Landstraße 39 in Kilchberg bei Zürich für eine Vorbesprechung auf. Mann hatte das Haus erst wenige Wochen zuvor bezogen. Es war eine solide bürgerliche Villa, dem Stil nach um die Jahrhundertwende errichtet. Man hatte von ihr aus einen schönen Blick auf den Zürcher See und das gegenüberliegende Ufer, das ebenfalls ein feines Villenviertel war. Die Hausdame, die uns empfangen hatte, geleitete uns in das Arbeitszimmer von Mann und bat uns, an einem Ecktisch Platz zu nehmen. Bemerkenswert war eine große Couchgarnitur amerikanischer Art, die dem Raum eher das Gepräge gab als der Schreibtisch. Eine Glastüre gab den Blick auf die Bibliothek und die Gartenterrasse frei. Von dort kam Thomas Mann ins Arbeitszimmer.Er trug eine karierte Hausjacke mit Kordeln und schaute freundlich und neugierig zugleich durch seine randlose Brille. Er bat uns, wieder Platz zu nehmen. Ich hatte ihn von seinem Auftritt in den Münchner Kammerspielen im Oktober 1952 her, wo er aus der Fortsetzung der "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" gelesen hatte, jünger in Erinnerung. Nach wie vor war er aber ganz wachen Sinns.Von meiner Visitenkarte aufsehend, die ich ihm überreicht hatte, fragte er mich, worüber ich promoviert hätte. Als ich erwiderte: "Über die dramatischen Versuche Bertolt Brechts in der Weimarer Republik", hob er seine rechte Augenbraue etwas nach oben und bemerkte: "Das ist ja interessant."Wieder auf meine Visitenkarte blickend, auf der meine Münchner Adresse stand, fragte er nach: "Und wo, in München?"Ich klärte ihn auf: "Nein, an der Universität Leipzig. Hans Mayer und Ernst Bloch waren die Gutachter meiner Dissertation.""Was Sie nicht sagen! Mayer und Bloch!" Für mich überraschend, fuhr er fort: "Hier, wo Sie sitzen, saß erst vor zwei Wochen Hans Mayer, begleitet von Walter Janka vom Berliner Aufbau-Verlag, um mit mir die zwölfbändige Ausgabe meiner Werke zu meinem achtzigsten Geburtstag im nächsten Jahr zu besprechen."Inzwischen war auch Katia Mann in das Arbeitszimmer gekommen, um die Gäste zu begrüßen. Sie schien mir unverändert, seitdem ich sie in München gesehen hatte: Klein, grauhaarig, ein leicht faltiges Gesicht, ganz wache Augen, immer auf dem Quivive. Sie begrüßte uns und zeigte auch eine gewisse Überraschung, als sie von Mann unterrichtet wurde: "Unsere Gäste und wir haben gemeinsame Bekannte."Er klärte sie auch darüber auf, dass ich bei Mayer und Bloch in Leipzig über den frühen Brecht promoviert hätte."Über Brecht? Ach ja? Er soll ja in Ostberlin interessantes Theater machen, hat uns Erika erzählt."Sie setzte sich zu uns, um am Gespräch teilzunehmen.Als ich berichtete, dass Brecht gerade den "Kaukasischen Kreidekreis" einstudiere, überlegte Mann: "Kreidekreis, den hat doch Klabund geschrieben?", was so klang wie: Aha, Brecht stiehlt mal wieder, er kann es einfach nicht lassen.Ich erlaubte mir, darauf hinzuweisen, dass Brecht wie auch Klabund durch ein altchinesisches Singspiel und das Urteil Salomos aus der Bibel angeregt worden seien.Mann lächelte großzügig. "Ja, wir sind alle Anverwandler ."Er wollte wissen, wie Brecht denn nun die Fabel von den um ein Kind streitenden Müttern zur Lösung bringe. Ich berichtete, dass bei Brecht eine Magd, die das Kind der Gouverneursfrau gerettet hat, es durch einen verlumpten Richter als ihr eigenes zugesprochen bekommt und dass dies wiederum nur als Gleichnis für den Streit von zwei sowjetischen Kolchosen um ein Tal dient, mündend in die Folgerung, dass "da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind"."Scheint ja nach wie vor ganz auf Linie zu liegen", meinte Mann leicht ironisch...------------------------------Foto: Ernst Schumacher geb. 1921, gehört zu den weltweit führenden Brecht-Forschern. Er war viele Jahre Theaterkritiker der Berliner Zeitung.Der Text ist aus seinem Buch "Mein Brecht. Erinnerungen", das am 20. Februar im Henschel Verlag erscheint.Am 16. Februar, 19 Uhr, lesen Ernst Schumacher und Gisela May im Berliner Ensemble, Probebühne, aus dem Buch.------------------------------Foto: Brecht probt: "Der kaukasische Kreidekreis". Regie führte er selbst, hier von hinten, assistiert von Manfred Wekwerth, rechts. Die Ausstattung besorgte Karl von Appen, Paul Dessau komponierte die Musik.------------------------------Foto: Brecht und seine Mitarbeiter: Isot Kilian, Hans-Joachim Bunge, Käthe Rühlicke, Manfred Wekwerth und der Schauspieler Ernst Busch. Bei den Proben zu "Der kaukasische Kreidekreis", Berliner Ensemble, 1954