Eine Buchhandlung ist eine "geistige Tankstelle", hat Alt-Kanzler Helmut Schmidt gesagt. Lutz Stolze nennt seinen Laden lieber eine Delikatessenhandlung. 30 Quadratmeter groß ist sein Geschäft an der Ecke der Kreuzberger Marheinekehalle - sogar der Käsestand in der Halle hat mehr Platz. Aber irgendwie bringt Lutz Stolze alles unter, was die Kunden erwarten. Sogar noch mehr. Er hat Bestseller wie die Vampir-Romane der "Biss"-Reihe im Angebot. Direkt daneben liegt ein 1 000-seitiger Expeditionsbericht von Alexander von Humboldt. Manche Kunden kommen aus Schöneberg, weil sich "Kommedia" trotz des beengten Platzes ein gut sortiertes Philosophie-Sortiment leistet. Und Kunstbände. Und Hörbücher. Eine Auswahl, die so gut ist, dass man nicht danebengreifen kann, ist das Ziel von Stolze. Er und seine Kollegin Catherine Houssay empfehlen nur, was ihnen selbst gefällt. Das wird auch gekauft. Zum Beispiel "Die Schöne des Herrn" von Albert Cohen. "Die Leute fressen uns aus der Hand", sagt der 57-jährige Buchhändler. Die Zahlen belegen das: 2008 stieg sein Umsatz um 25 Prozent.Die Verdrängung der kleinen unabhängigen Buchläden durch große Ketten wie Thalia, Weltbild oder Hugendubel findet hier nicht statt. Im Gegenteil, im Moment sind es die großen Ketten, die es schwer haben: Hugendubel hat seine Filiale an der Friedrichstraße dichtgemacht und kündigt an, mindestens 200 Stellen zu streichen - "schwerpunktmäßig im Berliner Raum", wie es in einer Mitteilung heißt. Weltbild hat finanzielle Probleme. Detlef Bluhm, Geschäftsführer beim Landesverband Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat vor zehn Jahren beobachtet, wie große Handelsketten die Hauptstadt übernahmen. Jetzt beobachtet er, wie sie an Grenzen stoßen. "Kleinere Buchhandlungen haben geringere Fixkosten", erklärt er. Mit den relativ kleinen Gewinnmargen bei Büchern sei es schwer, mehrere tausend Quadratmeter in bester Citylage zu halten. Dazu kommt die Konkurrenz im Internet. Der Anteil von Händlern wie "Amazon" oder "bol" wächst jährlich um rund 20 Prozent.Eine Ausnahme, das gibt Bluhm zu, ist Dussmann, das Kulturkaufhaus. Dort stehen auf 7 000 Quadratmetern 150 000 Bücher. Die Leiterin des Buchbereiches, Ute Bauer, bemüht sich, Qualität von Angebot und Beratung hochzuhalten. Nur Bestsellerstapel, das dürfe nicht sein. Viele Warengruppenleiter haben neben der Buchhändlerlehre ein Fachstudium absolviert und präsentieren ihre Empfehlungen auf eigenen Tischen. Abends gibt's Veranstaltungen, bei denen schon mal Molekularcocktails gereicht werden. "Die Kunden sollen möglichst bei jedem Einkauf etwas Besonderes erleben", so Bauer. Bestseller bei Dussmann ist nicht die Biss-Reihe, sondern "Mängelexemplar" von Sarah Kuttner.Bei Hugendubel wolle man sich künftig stärker auf die Bereiche Unterhaltung, Kinderbuch und "Besser leben" konzentrieren, heißt es. Außerdem soll der Service umstrukturiert werden. Bei weniger Angestellten bedeutet das wohl: noch mehr Selbstbedienung.Mit Selbstbedienung kommt man bei Hans-Peter Rimpel nicht weit. Die Regale in seiner "Dorotheenstädtischen Buchhandlung" sind hoch und voll. Dazwischen stehen Tische, die kaum einen Durchgang freilassen. Darauf: Bücher, Bücher, Bücher. Manche Romane muss man unterm Tisch suchen. "Die Kunden wollen in einem Buchladen etwas entdecken", glaubt Rimpel. Und dafür sei so ein "verkruschter Laden" wie seiner in der Moabiter Turmstraße genau richtig. Obwohl es erst Vormittag ist, steht die Tür selten still. Juristen aus dem gegenüberliegenden Gericht fragen nach Titeln wie "Unerlaubte Handlungen, Allgemeines Schadensrecht". Ein Drittel seiner Kunden arbeitet bei Gericht, schätzt Rimpel. Und weil sich die Justiz auch nach Feierabend gerne mit Gesetzesbruch beschäftigt, hat er ein breites Krimiangebot vorrätig. Jeden Herbst veranstaltet der 60-jährige Buchhändler die Moabiter Kriminale. Aus seinem Büro fischt Rimpel das Programm des vergangenen Jahres. Gedruckt in der Druckerei der Justizvollzugsanstalt Tegel. Er legt Wert auf Details. Das ist vielleicht der Schlüssel zu seinem Erfolg. Neben Kriminalromanen ist der Stadtteil Moabit der zweite Schwerpunkt in seinem Sortiment. "Kiezkompetenz" nennt er das. Rimpel selbst hat ein historisches Buch über den Stadtteil angeregt - das erste überhaupt. Den "Spaziergang durch Moabit" gibt es nur bei ihm zu kaufen. Außerdem besorgt er antiquarisch Restauflagen von Moabit-Büchern. Mit der Mischung aus Kiez und Krimi ist die "Dorotheenstädtische Buchhandlung" eine feste Größe geworden. Vor vier Jahren expandierte Rimpel nach Spandau. Mit großem Erfolg, obwohl Thalia, Jokers und Weltbild vor Ort waren. "Ich wollte zeigen, dass eine gut gemachte Neugründung funktionieren kann."Was Rimpel in Moabit und Stolze in Kreuzberg vorleben, ist die Chance für kleine Buchläden. Entscheidend für den Erfolg sei, dass sich die Buchhandlung Lage und Publikum anpasse, sagt Bluhm. Fast genauso wichtig ist die Persönlichkeit des Händlers. Humanistisch gebildete Vielleser sind nicht automatisch gute Verkäufer. Sinnvoll ist es auch, sich eine Nische zu suchen, die groß genug ist, um darin zu überleben. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Spezialbuchläden, sagt Bluhm. Er nennt die zahlreichen fremdsprachigen Geschäfte, den Kochbuchladen "Kochlust" oder "Pro qm", wo man eine Mischung aus Design, Architektur und Ökonomiekritik kultiviert.Die Schwestern Ulrike und Julia Hasenfuß gründeten vor fünf Jahren in der Nähe des Schöneberger Rathauses den Kinderbuchladen "Purzelbuch" - eine Mischung aus Buchladen und Bewegungsraum mit Kursangebot. Nach der Babymassage bleiben Mütter gerne noch im Laden. Ulrike und Julia Hasenfuß - 33 und 32 Jahre alt - sind selbst Mütter. Was ihre Kinder gerne lesen, landet im Aufsteller an der Kasse. Am Anfang trug sich der Laden vor allem über die Kurse der Gymnastiklehrerin Julia Hasenfuß. Inzwischen steuert das Buchgeschäft von Ulrike einiges zum Umsatz bei. "Zu mir kommen oft Eltern, die sich in großen Buchhandlungen nicht gut beraten fühlen", sagt sie. Ihr reicht es, wenn ihr das Alter des Kindes oder eine Vorliebe wie "Feuerwehrfimmel" verraten wird, schon zieht sie einen Band aus dem Regal. Und sie traut sich durchaus, überambitionierte Eltern zu bremsen. Mit einem Dreijährigen Tom Sawyer zu lesen, das müsse nicht sein.------------------------------"Die Leute fressen uns aus der Hand."Lutz Stolze, Buchhändler aus Kreuzberg------------------------------Foto : "Die Kunden wollen in einem Buchladen etwas entdecken", meint Hans-Peter Rimpel, der zwei Geschäfte betreibt.