Im Februar 1964 wird Rebiya Kadeer zum ersten Mal Mutter. Sie ist erst 15 Jahre alt, aber in diesen 15 Jahren ist viel geschehen: Die Volksrepublik China ist entstanden, Rebiyas Heimat im Altai-Gebirge wurde von Maos Truppen erobert, Rebiyas Vater, ein uigurischer Geschäftsmann, ins Elend gestürzt. Die von Maos "Großem Sprung nach vorn" verursachte schreckliche Hungersnot hat Rebiya überlebt, aber nur mit Not; um ihrer Familie nicht mehr zur Last zu fallen, hat sie geheiratet.1967 gebiert Rebiya ihr zweites Kind. China ist mittlerweile Atommacht geworden und befindet sich in der Kulturrevolution. Auch Rebiya wird wegen eines nicht aufgehängten Mao-Bildes gedemütigt. Mit 19 Jahre muss sie ihre drei kleineren Geschwister zu sich nehmen - so hat es sich die Mutter vor ihrem Tod gewünscht.1969 bringt Rebiya ihr drittes Kind Reilya, 1971 ihr viertes Kind Adil zur Welt. Die Kleinen müssen manchmal mit auf die Bühne, wenn Rebiya von den Roten Garden gedemütigt wird - Kinder von Konterrevolutionären gelten selbst als kleine Verbrecher. Aber Rebiya entdeckt ein Wundermittel, dessen gute Macht das Böse besiegen kann: Geld. Mit 50 Yuan, im rechten Moment zugesteckt, kann sie den uigurischen Dichter Zunun Kadeer vor dem Pranger bewahren.1973 gebärt Rebiya den Sohn Ablikim, 1975 den Sohn Alim. Sie ist 26 Jahre alt, und ihr Leben ist ihr unerträglich geworden. Aber Befreiung naht. 1976 stirbt Mao, und Rebiya tut einen für ihre Umgebung unglaublichen Schritt: Sie verlässt ihren Mann und - vorerst - ihre Kinder; sie will mit eigener Arbeit soviel Geld verdienen, dass sie allein für sie sorgen kann. Sie eröffnet eine Wäscherei, handelt über tausende Kilometer hinweg mit Fellen und Teppichen, und je erfolgreicher sie ist, desto größere Risiken geht sie ein, denn Geld macht frei. Es ermöglicht die Emanzipation als Frau in der patriarchalen uigurischen Gesellschaft, aber auch die Emanzipation als Angehörige einer unterdrückten Minderheit in der chinesischen Mehrheitsgesellschaft.1981 wird Rebiya Kadeer zum siebten, 1983 zum achten Mal Mutter. Mit dem neuen Selbstbewusstsein der Geschäftsfrau hat sie sich von Ferne in einen Mann verliebt, den sie gar nicht kennt: Siddik, der eine Demonstration uigurischer Studenten angeführt hatte und nun als Ausgestoßener lebt. Sie hat ihn in seinem Dorf mit ihrer Liebe regelrecht überfallen und dann geheiratet. Mittlerweile hat Deng Xiaoping die Parole "Reich werden ist ruhmreich" ausgegeben, China öffnet sich, man darf offen als Geschäftsfrau arbeiten.1987 kommen zwei weitere Kinder hinzu, die Rebiya adoptiert. Im selben Jahr eröffnet sie in Urumqi einen Basar für Frauen. Mit dem Einstieg ins Immobiliengeschäft wird die Geschäftsfrau zur Fernsehprominenz.1989 wird die Tochter Kekenos geboren, im Jahr der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es ist das neunte und letzte Kind, das Rebiya zur Welt bringt - immer auf der Flucht vor den Geburtenkontrolleurinnen. Die vielfache Mutter wird in den 1990ern die reichste Frau Chinas, mit einem Geschäftsimperium, das bis nach Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan reicht. Sie wird in ein erweitertes Gremium des Nationalen Volkskongresses gewählt und trifft Präsident Jiang Zemin.Auf dem Höhepunkt ihres Einflusses aber wird Rebya Kadeer von der umworbenen Geschäftsfrau und Philanthropin zum Staatsfeind; ihr Engagement für das eigene Volk, die muslimischen Uiguren, ist der Führung unheimlich geworden. Als sie 1999 einer Delegation des US-Kongresses Informationen über einen blutig niedergeschlagenen uigurischen Aufstand übergeben will, wird sie verhaftet. Erst 2005, vor einem Besuch von Außenministerin Condoleezza Rice, darf sie zu ihrem Mann in die USA ausreisen - nach fast sechs Jahren Haft, physischer und psychologischer Zermürbung.Es ist eine seltsame, bewegende, spannende Geschichte, die sie der deutschen Journalistin Alexandra Cavelius erzählt hat; sie handelt vom schier unglaublichen Sendungsbewusstsein und dem Freiheitsdrang einer Frau, von der Macht des Geldes für die Veränderung einer Gesellschaft, von den Nöten der uigurischen Minderheit. Heute ist Kadeer "Vorsitzende des Weltkongresses der Uiguren". Fünf ihrer elf Kinder leben in China.------------------------------Foto: Rebiya Kadeer, Alexandra Cavelius: Die Himmelsstürmerin. Chinas Staatsfeindin Nr. 1 erzählt aus ihrem Leben. Heyne, München 2007. 415 S., 19,95 Euro.