Die in der DDR aufgewachsenen Deutschen regieren etwas gereizt, wenn bemerkt wird, sie hätten in einem Unrechtsstaat gelebt. Das Etikett Diktatur ertragen sie leichter. Es umfasst die vielen von der SED-Spitze verhängten Zwänge, das Überwachtwerden, die Reiseunfreiheit, die Widrigkeiten der Planwirtschaft, den grotesken Nachrichtennebel usw. All dies mussten die DDRler mit den Methoden des braven Soldaten Schwejk listig unterlaufen, um für sich das Beste daraus zu machen – und das verschaffte ihnen seit 1990 einen Vorsprung an Lebenserfahrung gegenüber den verwöhnten Westlern. Anders als im Begriff Diktatur steckt in dem des Unrechtsstaats eine Verallgemeinerung, die besagt: Ihr, liebe Zonis, verbrachtet die Hälfte eures Lebens im Falschen – wir hingegen, die Westler, schufen derweil unseren herrlichen Rechtsstaat. Derart dünkelhaft gebraucht, schwingt im Terminus Unrechtsstaat ein Unterton, der auf persönliche Herabsetzung bei gleichzeitiger Selbsterhebung zielt.

Nicht nur im Psychologischen, auch im Faktischen erscheint mir die Simplifizierung Unrechtsstaat diskutabel. Nachdem die Deutschen 1945 als Schande des Menschengeschlechts darniederlagen, versuchten sie an ältere Traditionen anzuknüpfen. In der Familien-, Erziehungs- und Schulpolitik orientierte sich der Westen, personifiziert in Konrad Adenauer, an patriarchal-konservativen Grundsätzen – die DDR an den reformerischen Ideen der Weimarer Sozialisten. Zu welchen rechtlichen Konsequenzen das führte, sei an einem Beispiel erläutert. Gemäß herrschender Rechtsprechung blieb es bundesdeutschen Lehrern erlaubt, Schüler mit Schlägen zu traktieren. (Ich weiß, wovon ich spreche.) 1970 stimmte der Bayerische Landtag nicht etwa einem Gesetz, sondern einer Bitte zu: „Die Staatsregierung wird ersucht, an Schulen die Anwendung körperlicher Züchtigung zu untersagen.“ Noch 1975 lehnte die Bundesregierung ein strafrechtliches Verbot der Prügelstrafe „jedenfalls zunächst“ ab.

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