Die in der DDR aufgewachsenen Deutschen regieren etwas gereizt, wenn bemerkt wird, sie hätten in einem Unrechtsstaat gelebt. Das Etikett Diktatur ertragen sie leichter. Es umfasst die vielen von der SED-Spitze verhängten Zwänge, das Überwachtwerden, die Reiseunfreiheit, die Widrigkeiten der Planwirtschaft, den grotesken Nachrichtennebel usw. All dies mussten die DDRler mit den Methoden des braven Soldaten Schwejk listig unterlaufen, um für sich das Beste daraus zu machen – und das verschaffte ihnen seit 1990 einen Vorsprung an Lebenserfahrung gegenüber den verwöhnten Westlern. Anders als im Begriff Diktatur steckt in dem des Unrechtsstaats eine Verallgemeinerung, die besagt: Ihr, liebe Zonis, verbrachtet die Hälfte eures Lebens im Falschen – wir hingegen, die Westler, schufen derweil unseren herrlichen Rechtsstaat. Derart dünkelhaft gebraucht, schwingt im Terminus Unrechtsstaat ein Unterton, der auf persönliche Herabsetzung bei gleichzeitiger Selbsterhebung zielt.

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